Bio-Boom gestoppt: Konsumlust bremst sich ein

Erstmals seit Jahren geht der Umsatz von Bio-Frischwaren wieder zurück. Auf das Buch "Bio-Schmäh" reagiert die Branche nervös.

BioBoom gestoppt
BioBoom gestoppt
(c) AP (Daniel Roland)

Der Bio-Boom in Österreich scheint vorerst gestoppt. Nach Jahren mit deutlichen Zuwachsraten ging der Umsatz von Bio-Frischwaren (exklusive Brot) 2011 im heimischen Lebensmitteleinzelhandel um 0,6 Prozent auf 304,4 Millionen Euro zurück. Das sind 6,4 Prozent der gesamten Frischwarenausgaben in der Höhe von 4,7 Milliarden Euro.

Die Bio-Konsumlaune sei von der heimischen Spardiskussion und der Wirtschaftskrise in der EU gedämpft worden, erklärte Stephan Mikinovic, Geschäftsführer der AMA-Marketing, bei der weltgrößten Biofachmesse in Nürnberg.

"Bio-Schmäh" macht die Branche nervös

Sichtlich nervös macht die heimischen Biobauern das kürzlich veröffentlichte Sachbuch "Der große Bio-Schmäh" des Wiener Agrarbiologen Clemens G. Arvay. Er kritisiert darin vor allem die Bio-Eigenmarken der großen heimischen Supermarktketten und die damit verbundenen Produktionsmethoden. Auch die Werbung der Lebensmittelhändler für Bioprodukte wird aufs Korn genommen. Die Organisation der heimischen Biobauern, Bio Austria, sah sich daher gestern genötigt, eine vierseitige Stellungnahme zu veröffentlichen.

"Oberflächliche Bewertungen der landwirtschaftlichen Praxis wie 'klein ist gut' und 'groß ist schlecht' und 'früher war besser' dienen weder einer fundierten sachlichen Diskussion noch schaffen sie Aufklärung bei den KonsumentInnen", betonten die Biobauern. "Alles, was stimmt in dem Buch, müssen wir ändern", sagte hingegen "Toni's Freilandeier"-Chef Toni Hubmann. Eine Pauschalkritik an den Lebensmittelhändlern lässt Hubmann aber nicht gelten: Der Lebensmittelhandel mache "im Bereich Bio eine gute Arbeit".

Von Bio-Austria-Obmann Rudi Vierbauch gab es Lob für die Supermarktketten: Die Werbung komme auch den Biobauern zugute, betonte er. Man müsste sich "dem System aussetzen", aber darauf "achten, dass die Biobauern nicht zu kurz kommen". Auch der Bereich Direktvermarktung sei weiterhin zentral, um unabhängiger vom Handel zu sein.

Bio-Getreidebauern schwer getroffen

In den vergangenen Jahren ist die Biobranche außerdem von der Insolvenz der Österreichischen Agentur für Bio Getreide und der Nachfolgeorganisation BQG erschüttert worden, an denen die Bio Austria-Landesverbände Niederösterreich-Wien und Burgenland beteiligt waren. Viele Bio-Getreidebauern mussten auf zum Teil hohe Summe verzichten. Daraufhin startete die Raiffeisen Ware Austria im vergangenen Jahr mit der Biogetreide Austria (BGA) eine eigene Vermarktungsschiene.

Gestern wurde bekannt, dass sich Bio Austria-Bundesverbandsgeschäftsführer Christoph Gleirscher nach sechs Jahren überraschend aus seinem Amt zurückzieht und Mitte April zum Hilfswerk wechselt. "Mit dem Thema Biogetreide hat dies gar nichts zu tun", sagte Gleirscher zur APA. Er wechsle aus "beruflichen und privaten Gründen" den Arbeitgeber. Beim Biogetreide sei "es leider gelaufen wie es ist", auch gegen den Widerstand von Bio Austria.

Sonnentor hält sich von Supermärkten fern

Eine besondere Erfolgsgeschichte konnte der Bio-Teehersteller Sonnentor in den vergangenen Jahren schreiben. Die Kräuterhandelsgesellschaft steigerte zwischen 2005/06 und 2011/12 den Umsatz von 9,4 Millionen Euro auf 25 Millionen Euro. Rund 75 Prozent der hergestellten Tees und Gewürze werden exportiert, erklärte Johannes Gutmann in Nürnberg. Sonnentor liefert lieber an den Fachhandel und Franchise-Partner, als sich auf Supermarkt- und Drogerieketten einzulassen. Dort werde nach dem Motto "heute geliebt, morgen gedrückt und übermorgen ausgelistet" mit Lieferanten verfahren, kritisiert Gutmann.

In Österreich bauen rund 150 Bauern für Sonnentor Kräuter an und damit kann das Unternehmen rund 60 Prozent seiner Rohstoffe aus dem Inland zu beziehen. Sonnentor will in den kommenden Jahren aber nicht zu schnell wachsen, um "nicht in die industrialisierte Richtung abzugleiten".

"Bio vom Berg" profitiert von Supermärkten

Für "Bio vom Berg" hat sich die enge Zusammenarbeit mit einer Supermarktkette ausgezahlt. Die von Tiroler Bauern im November 2002 geschaffene Eigenmarke steigerte den Umsatz von 700.000 Euro auf heute rund fünf Millionen Euro. Die Tiroler Supermarktkette M-Preis führt die Bioprodukte seit dem Start im Sortiment. Verkauft werden vor allem Käse, Eier, Brot und Gemüse.

Der Fruchtsafthersteller Höllinger hat hingegen von konventioneller Produktion zu Bio gefunden. Wegen der Konkurrenz der Bio-Eigenmarken der heimischen Supermarktketten tue man sich aber "als Biomarke sehr schwer", berichtet Eigentümer Gerhard Höllinger. Deswegen habe er ins Ausland ausweichen müssen und exportiere bereits rund 30 Prozent der Produktion. Große heimische Safthersteller wie Rauch, Pfanner und Pago würden nicht auf Bio setzen, weil es für große Volumen "zu wenig Bio-Obst" gebe.

22.000 Biobauern in Österreich

Derzeit gibt es in Österreich rund 22.000 Biobauern, das sind 16,2 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe. In den vergangenen 10 Jahren ist die Anzahl der Biobetriebe nicht stark gestiegen, die biologisch bewirtschaftete Fläche hat sich aber stark ausgeweitet und liegt bei 19,5 Prozent.

Österreich ist damit weltweit Spitzenreiter, nur die Falkland-Inseln haben mit 35,9 Prozent und Liechtenstein mit 27,3 Prozent einen höheren Bio-Flächenanteil. Salzburg hat laut Grünem Bericht 2011 den höchsten Öko-Flächenanteil mit 43,4 Prozent, gefolgt von Tirol mit 21 Prozent.

Hoher Bioanteil bei Eiern, Erdäpfeln und Milch

Vor allem die Einführung der Bio-Eigenmarke "Zurück zum Ursprung" von Hofer im Jahr 2010 hat die heimischen Bio-Umsätze gepusht. Seit 2007 sind die Bio-Frischwarenumsätze im Handel um 29 Prozent gestiegen. Der höchste Bio-Anteil wird bei Eiern mit rund 18 Prozent verzeichnet, Erdäpfel und Milch liegen knapp dahinter. Bei Joghurt, Butter, Obst und Gemüse liegt der Anteil bei rund zehn Prozent, bei Käse bei rund sieben Prozent. Wegen dem deutlichen Preisunterschied ist der Anteil bei Fleisch und Wurst nur bei vier bzw. knapp zwei Prozent.

Der globale Bio-Markt im Jahr 2010 wurde von dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) auf 59,1 Milliarden US-Dollar (49,0 Mrd. Euro) geschätzt, davon 28 Milliarden US-Dollar in Europa.

Die größten Bio-Märkte sind die USA (20,2 Mrd. Dollar), Deutschland (6 Mrd. Dollar), Frankreich (3,4 Mrd. Dollar) und Großbritannien (2 Mrd. Dollar). Österreich folgt auf Rang neun mit einem Marktvolumen von 986 Millionen Dollar.

(APA)

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