Das Ende des Maskenballs

Hans-Hermann Hoppe ist einer der radikalsten Denker der Gegenwart. Sein neues Buch setzt dort an, wo Staatsphilosophen aufhören: bei der Demokratie als Quelle andauernder Missstände.

(c) Privat

Gerade heute, wo die demokratischen Sozialstaaten ins Wanken geraten und langsam zugrunde gehen wie einst die sozialistischen Diktaturen im Osten, ist es für hellhörige Zeitgenossen durchaus sinnvoll, sich den wahren Ursachen dieser Entwicklung philosophierend und lesend anzunähern – auch wenn es für diese Runde vermutlich nichts mehr bringt. Denn wie könnten jene, die sich die Muße nahmen, hinter den Vorhang zu blicken, die Ereignisse jetzt noch aufhalten.

Trotzdem: Zum einen ist es lehrreich zu erkennen, mit wem man es gleichsam am Ende dieses Maskenballs, wenn die Masken langsam fallen, eigentlich zu tun gehabt hat. Das stärkt die intellektuelle Abwehrkraft und macht Mut, das Kommende gelassen zu erwarten. Zum anderen besteht allemal die Chance, es in der nächsten Runde besser zu machen. Im Sinne Hans-Hermann Hoppes, der Philosoph ist, bedeutet das, vor allem weiteren politisch motivierten Handeln erst einmal gründlich darüber nachzudenken, ob man überhaupt noch jemals irgendeinem Politiker sein Vertrauen schenken will und soll.

 

Eine Absage an den Staat an sich

Bücher wie dieses werden traditionsgemäß von Leuten geschrieben, die die intellektuelle Kraft und auch den Mut haben, die Dinge wirklich beim Namen zu nennen. Irgendwie kritisch sind ja die meisten Intellektuellen. Bloß hört ihre Kritik stets dort auf, wie Hoppe schreibt, wo die akademischen Ehren und der Beifall der Menge auszubleiben drohen und auch der eigene Futternapf in Gefahr ist. Als einer der weltweit radikalsten Denker setzt sich Hoppe über die Schatten solcher Gespenster insofern hinweg, als er der Politik und dem Staatssystem an sich eine Absage erteilt. Damit befindet er sich notgedrungen in einer Art Fundamentalopposition zum intellektuellen Mainstream, was insofern erklärlich ist, als sich dieser nahezu vollständig auf den Soldlisten staatlicher Behörden befindet. Was seine Karriere als Vordenker und Buchautor betrifft, hat ihm dies alles andere als geschadet.

Wer Hoppe, den Philosophen, Logiker und Ökonomen, der einst der Meisterschüler von Jürgen Habermas war und heute der bedeutendste Vertreter der Austrian School of Economics ist, kennt, weiß, was ihn beim Lesen erwartet. Wer ihn nicht kennt, sollte sich warm anziehen. Und wer durch und durch ein Systemtrottel ist, also immer bloß hinterhertrottet und stets glaubt, was er im Fernsehen sieht und in der Zeitung liest, der sollte sich beim Lesen ein Taschentuch bereitlegen, damit er sich den Schaum vom Mund wischen kann. Denn es könnte gut sein, dass ein derartiger Leser so richtig, aber so richtig wütend wird. Im besten Falle über sich selbst. Auch die politischen Trompeten der Wirtschaftsforschungsinstitute werden, so sie überhaupt noch lesen und nicht bloß Erbsen zählen, gehörig herausgefordert.

Hoppes neueste Schrift, die auf vielfachen Wunsch seiner Leser eine Art populäre Zusammenfassung seiner philosophischen Analysen aus den letzten zwei Jahrzehnten darstellt, meist in Form von Vorträgen und Aufsätzen, und die damit Neulingen auch Lust auf die Lektüre seiner Hauptwerke macht, bietet folgende Erkenntnisse: Der demokratische Staat – definiert als territorialer Monopolist der Rechtsetzung und Rechtsprechung, ausgestattet mit der Macht zur Besteuerung – zerstört die produktive und kooperative soziale Ordnung. Die Demokratie, so Hoppe, vermeidet und löst nicht etwa gesellschaftliche Konflikte. Sie ist vielmehr selbst Quelle andauernder und sich verschärfender Missstände, angefangen von Konjunkturstörungen, Kapitalaufzehrung und Geldentwertung bis hin zu moralischem und sittlichem Verfall. Der demokratische Staat verursacht – weil er notwendigerweise immer stärker die individuellen Eigentumsrechte verletzt – Wohlstandsverluste und führt in die Ent-Zivilisierung. Einen Ausweg, so Hoppe, bietet die Privatrechtsgesellschaft, die auf jegliche Maskerade verzichtet, indem sie der Natur des Menschen Rechnung trägt und der Realität ins Auge blickt. Freilich kann in diesem schmalen Bändchen alles nur angedeutet werden. Wer es näher und genauer wissen will, muss, wie gesagt, die Hauptwerke zu Rate ziehen.

Vielleicht ist es wirklich so, dass die Eule der Minerva erst in der Dämmerung ihren Flug beginnt. Nun, besser sie fliegt jetzt als gar nicht. Viel schlimmer wäre, wenn sie im Buschwerk hocken bleibt und bloß am Gewölle ihrer schlecht und halb verdauten Ideologien würgt.


Eugen-Maria Schulak (49) ist Philosoph und Publizist in Wien, er promovierte 1997 bei Konrad Paul Liessmann.

Zur Person

Hans-Hermann Hoppe (62) ist Volkswirt und ein bekannter Vertreter des anarchokapitalistischen Flügels der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hoppe ist ein Befürworter ethischer Naturrechte und ein ausgesprochener Kritiker der Demokratie. Sein bekanntestes Buch trägt den Titel: „Demokratie. Der Gott, der keiner ist.“ Hoppe war ein Schüler von Jürgen Habermas. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)

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