Cash Mob: Spontan sein Geld verprassen

Sie rotten sich im Internet zusammen, legen Datum, Ort und Uhrzeit fest und treffen sich dann, um in einer Stunde mindestens zehn Euro auszugeben. In Wien fand am Freitagnachmittag ein sogenannter Cash Mob statt.

Cash Spontan sein Geld
Cash Spontan sein Geld
(c) Bilderbox

Es geht also ums Geld. Und immer, wenn es ums Geld geht, sind die Nerven schnell angespannt. In der „Sellerie“, einem kleinen Handcraft-/Designladen, ist das spürbar. Auch wenn das niemand so richtig zugeben will. Dabei ist alles vorbereitet: Die Verkaufstische sind schön dekoriert, die Preisschilder gut sichtbar angebracht, die Polster in der Ecke zu einer hübschen Linie aufgestellt und die Sparschweine, Bilder, Bücher, Birkenlichter und Teebeutel auf ihrem Platz zurechtgerückt. Nur Patrick Bauer, einer der vier Besitzer des Ladens, fällt auf, weil er erwartungsvoll herumblickt und jedem neuen Besucher sofort ein Getränk anbietet. Danke, danke, dass ihr gekommen seid, sagt sein Blick.

In der Sellerie findet an diesem Freitagnachmittag ein „Cash Mob“ statt. Die Idee des „Cash Mob“ kommt aus dem amerikanischen Sprachraum und soll kleine, heimische Unternehmen mit einer Finanzspritze unterstützen. Dafür rotten sich junge Leute an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Uhrzeit in einem einzigen Laden zusammen und geben dann innerhalb einer Stunde spontan mindestens zehn Euro aus. Die Idee wurde von den Flashmobs abgeleitet, nur wird weder getanzt, gesungen, noch mit Wasserbomben geworfen. Cash Mobs sollen unterstützen. Der Aufruf erfolgt über Facebook, E-Mail, Twitter.

Neue Läden kennenlernen. Hinter dem Cash Mob in Wien steht das junge Online-Unternehmen Tupalo. Ein Start-up-Unternehmen, das mittlerweile gar nicht mehr so Start-up ist – weil Tupalo zu einem der größten Online-Unternehmen Österreichs avanciert ist, mit vier Millionen Usern, die die Seiten regelmäßig in Polen, den Niederlanden und eben Österreich besuchen.

„Wir wollen mit dem Cash Mob ein Service für unsere User bieten und ihnen kleine tolle Läden vorstellen“, sagt Kathrin Folkendt von Tupalo. Eine junge Frau mit großen braunen Augen, die zwar Teil der hippen Online-Community ist, mit ihrer grünen Jacke aber sehr bodenständig wirkt. Dafür tragen ihre Chefs Hornbrillen. Tupalo hat die „Sellerie“ eigens für den Cash Mob ausgewählt, „ein kleines, unbekanntes Geschäft, das es nur in Wien gibt“. Und nein, im Hintergrund sei kein Geld geflossen. „Der Laden hat nur gute Bewertungen unserer User bekommen.“

Das coolste Buch ever.
Und die lassen dann gar nicht lange auf sich warten. Kurz nach 17 Uhr (dem offiziellen Beginn des Mobs) geht die Ladentür auf, und eine Gruppe junger Leute kommt herein. Manche schauen ein bisschen verlegen. Andere stürzen sich auf den hübsch dekorierten Tisch in der Mitte des Ladens, wo handgemachte Grußkarten und Blumensamen liegen.

Die 26-jährige Ingrid wühlt sich durch einen kleinen Stapel Geschenksbücher auf dem Tisch. „Ich finde das eine nette Idee. Außerdem ist es cool, wenn so viele junge Leute in einem Geschäft zusammentreffen“, sagt sie. Die „Sellerie“ hat sie vorher nicht gekannt. Schon deswegen ist für sie der Cash Mob ein Erfolg. Außerdem: „Ich kaufe gerade das coolste Buch ever.“ Das sagt sie nicht. Sie postet es auf Twitter.

Durch den Andrang im Geschäft – mittlerweile steht auch eine Gruppe von Leuten auf der Straße – zieht es auch Nicht-Cash-Mobber in den Laden. „Was ist hier los?“, fragt die 44-jährige Juristin Elke Berger, die einer Freundin aus Schottland die Stadt zeigt. Und verzieht dann gleich verzückt das Gesicht. „Ich will auch Teil dieser Bewegung sein“, sagt sie und zieht ihre Freundin weiter.

Berger hat für längere Zeit im Ausland gelebt. „Ich bin so froh, wenn sich so etwas in der Stadt tut“, sagt sie, während sie ein paar Bilder begutachtet. Überhaupt sei Wien in den vergangenen Jahren viel frischer geworden. Endlich hat sie ein Bild gefunden, das ihr gefällt. Sie kauft es. Um 42 Euro.

Dass Berger die Cash-Mob-Bewegung vorher nicht gekannt hat, ist nicht weiter verwunderlich. Die Bewegung ist relativ jung und fand das erste Mal Mitte, Ende 2011 statt – wobei mehrere Gruppen die Erfindung für sich beanspruchen. So hat der Blogger Christopher Smith vergangenen August aufgerufen, ein kleines Weingeschäft in Buffalo zu unterstützen. Amerika hat immerhin schon bessere wirtschaftliche Zeiten erlebt. 100Leute sind seinem Aufruf gefolgt. Wenig später (und unabhängig von Smith) soll der Anwalt Andrew Samtoy 40Leute in einen Buchladen in Cleveland geschleppt haben. Zum kollektiven Kaufrausch.

Das zeigte Wirkung. Schnell hat sich die Cash-Mob-Idee mithilfe von Facebook und Twitter ausgebreitet. Wobei die Gruppe rund um Andrew Samtoy betont, dass Cash Mobs keine Antwort auf die Wirtschaftskrise sind.

Mittlerweile soll es Cash Mobs in 125Städten der Welt gegeben haben. Unter ihnen Mailand, Rotterdam und Seoul. Der von Tupalo erstmals im März organisierte Cash Mob im Sixxa Store Wien war angeblich sogar der erste im deutschsprachigen Raum. Ein weiterer Mob nach der „Sellerie“ ist schon längst geplant.

Dass der Cash Mob auch als ein billiges Marketing-Werkzeug gesehen werden kann, das in einer ohnehin schnelllebigen Welt zu noch mehr oberflächlichem Konsum anregt (brauchen wir das wirklich?), scheint dabei niemanden zu interessieren. „Ich finde es einfach gut, wenn man so kleine Läden unterstützen kann“, verteidigt der 28-jährige Matthias seine Anwesenheit. Das Geburtstagsgeschenk für einen guten Freund, den „Taschenatlas der abgelegenen Inseln“ hätte er sowieso kaufen müssen. Um 15Euro.

Kritischer sehen das zwei junge Mädchen, die erst ein bisschen später – die Cash-Mob-Zeit wurde auf eine Stunde festgelegt – den Laden betreten. „Ich würde nie unter Zwang Geld ausgeben wollen“, sagt die eine.

Leichter ist es da wohl, die zweite Cash-Mob-Regel zu befolgen. Die da lautet: „Triff mindestens drei Leute, die du davor noch nicht kanntest.“ Das scheint auf den ersten Blick sogar zu funktionieren. Die kleinen Grüppchen auf der Straße werden eher größer als kleiner. Es wird gelacht, über Gekauftes geplaudert – und jeder Zweite hat ein Bier in der Hand.

Der Benefit: Bekanntheit. Einige scheinen sich aber doch schon länger zu kennen. „Cash-Mob“ – eine Bewegung, die sich über das Internet zusammenfindet. Naja. „So funktioniert die Internet-Community. Die Freunde aus dem Netz werden zu Freunden im richtigen Leben“, sagt Kathrin Folkendt von Tupalo dann doch fast entschuldigend.

Den Betreibern der „Sellerie“ ist ohnehin egal, wer sich vorher gekannt hat. „Wir sind froh, dass es geklappt hat“, sagt Patrick Bauer, hauptberuflich Grafiker. Den Laden betreiben er und seine Freunde (alles Grafiker) nur nebenbei. Dafür mit viel Engagement. Der Großteil der Produkte ist handgemacht oder selbst entwickelt und dann bei Produzenten in Auftrag gegeben worden. Alles ist schön hier und stylisch. Sogar die Preisschilder.

Abgesehen von den Einnahmen sieht Bauer den Benefit des Cash Mobs darin, dass jetzt mehr Leute das Geschäft kennen. 350Euro haben die vier durch den Mob eingenommen. Immerhin doppelt so viel wie an einem gewöhnlichen Freitag. Bauer scheint zufrieden. Die Nerven sind nicht mehr angespannt. Obwohl es natürlich nie nur ums Geld gegangen ist.

Spontankäufer

Wie funktioniert ein Cash Mob? Mehrere Leute treffen sich zu einem vereinbarten Zeitpunkt in einem Geschäft und geben spontan mindestens zehn Euro aus. Weitere Regeln lauten: „Nimm Freunde mit“, „Triff mindestens drei Leute, die du davor noch nicht kanntest“ und „Hab Spaß“.

Seit wann gibt es Cash Mobs? Der erste Cash Mob fand am 5.August 2011 in Buffalo/New York statt. Der Blogger Christopher Smith soll aufgerufen haben, ein Weingeschäft zu unterstützen. Der Anwalt Andrew Samtoy hat die Idee weiterentwickelt. Mittlerweile sollen Cash Mobs in 125 Städten der Welt stattgefunden haben. Infos unter: www.cashmobs.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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