5-Minuten-Krimi: Krampus und Nikolo

"Ich konnte die Kinder ja nicht länger warten lassen – obwohl Hausbesuche ohne Krampus nur eine halbe Sache sind."

Beck kam gerade zurecht, als Sedlacek dem Leichnam die Krampusmaske vom Kopf zog. Darunter kam ein Totenschädel zum Vorschein, der sie gespenstisch angrinste. An der Stirn klaffte ein großes Loch. Erschrocken wich der Kommissar zurück. „Kein schöner Anblick“, meinte der Gerichtsmediziner und legte den Rest des Körpers frei. Der Tote trug ein zotteliges Fell, das mit einer rostigen Kette um den Unterleib befestigt war.

Das Kleidungsstück war so brüchig, dass es auseinanderfiel, als es Sedlacek abtastete, und den Blick auf die blanken Knochen eines Skeletts freigab. „Ist das nicht eher ein Fall für einen Archäologen?“, presste Beck hervor. „Das bezweifle ich. Der Mann ist erschlagen worden und liegt meiner Schätzung nach nicht viel länger als ein Jahr hier unter der Erde. Die Insekten sind schneller, als man glaubt, wenn sie einen Festschmaus abhalten. Genaueres wie immer nach der Obduktion.“

Beck kannte den Gerichtsmediziner nun seit fast zwei Jahrzehnten, aber an seinen Zynismus hatte er sich noch immer nicht gewöhnt. Das war allerdings nicht der Grund, warum er sich nachdenklich abwandte. „Tut mir leid, wenn ich dir das Mittagessen versaut habe!“, entschuldigte sich Sedlacek. „Das hast du nicht, aber ich glaube zu wissen, um wen es sich bei dem Toten handelt.“

Vor knapp einem Jahr hatte eine Frau ihren Ehemann als abgängig gemeldet. Er hätte als Krampus den Nikolaus bei seinen Hausbesuchen begleiten sollen, war jedoch nie am Treffpunkt angelangt. Die Vermisstenanzeige war auf Becks Schreibtisch gelandet. Er hatte damals die Zeugen einvernommen. Da es jedoch keinen Hinweis auf ein Gewaltverbrechen gab, waren die Ermittlungen wieder eingestellt worden. Mit der Auffindung des Leichnams hatte sich das jetzt grundlegend geändert. Er fuhr ins Präsidium zurück und ließ sich den Akt aus dem Archiv holen.

Der Vermisste hieß Peter Leitner und war am Freitag, dem 5.Dezember 2012, zwischen 16.45 und 17.30 Uhr spurlos verschwunden. Beck schlug das Protokoll auf und las noch einmal nach, was er damals recherchiert hatte.

Aussage Frau Leitner: „Mein Mann hat um 16.45 Uhr das Haus verlassen. Seit fünfzehn Jahren besucht er gemeinsam mit seinem Kompagnon am Nikolausabend die Kinder seiner Vereinskameraden. Er verkleidet sich als Krampus, Alfred Wurz ist der Nikolaus. Um 17 Uhr wollte er sich mit Alfred im Vereinshaus des Kleintierzüchterverbands treffen, um sich dort für die Hausbesuche anzukleiden. Ich habe ihm noch zum Abschied zugewinkt, da habe ich gesehen, dass ihn Wolfgang Hut vor dem Haus abgepasst hat. Peter hat Hut vor einer Woche gekündigt, weil dieser zum wiederholten Male betrunken in der Arbeit erschienen ist. Zwischen den beiden ist es zu einem Streit gekommen. Hut ist sogar handgreiflich geworden, aber mein Mann hat ihm einen Stoß versetzt, worauf Hut gestürzt ist, und ist seines Weges gegangen. Hut ist aufgesprungen und ihm gefolgt. Seitdem ist Peter spurlos verschwunden. Ich bin mir sicher, dass Hut ihm etwas angetan hat.“

Aussage Wolfgang Hut: „Ja, ich habe meinen ehemaligen Chef vor seinem Haus abgepasst. Ich wollte ihn bitten, die Kündigung rückgängig zu machen, aber er hat mir gar nicht zugehört, sondern mir zu verstehen gegeben, dass ich ihn in Ruhe lassen soll, sonst würde er die Polizei rufen. Als er gehen wollte, habe ich ihn an der Jacke festgehalten, Darauf hat er mir einen Schlag versetzt. Ich bin zu Boden gestürzt. Als ich mich aufgerappelt habe, war Leitner bereits in der Dunkelheit verschwunden. Ich bin darauf ins Wirtshaus gegangen und habe meinen Zorn mit ein paar Gläsern Schnaps hinuntergespült. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“

Aussage Elfriede Waldner, Nachbarin: „Kurz vor 17Uhr habe ich zwei Männer auf der Straße schreien gehört. ,Nicht schon wieder‘, habe ich mir gedacht, weil schon davor Herr und Frau Leitner eine lautstarke Auseinandersetzung gehabt haben und ich endlich meine Ruhe haben wollte. Der arme Herr Leitner, sage ich Ihnen, eine Seele von Mann und dann diese Frau. Sie hat ihm Tag für Tag das Leben zur Hölle gemacht. Würde mich nicht wundern, wenn er sich aus dem Staub gemacht hat. Das war ja nicht zum Aushalten. Das vor dem Haus war übrigens auch Herr Leitner. Er hat sich mit einem Mann gestritten und diesen sogar niedergeschlagen. Eigentlich passt das gar nicht zu ihm. Jedenfalls ist er dann davongegangen. Der andere Mann ist aufgesprungen und ihm gefolgt.“

Aussage Alfred Wurz: „Ich habe mir um halb fünf den Schlüssel von Georg Wolk, dem Vorsitzenden unseres Verbands, geholt und bin ins Vereinshaus gefahren, um mich umziehen. Wissen Sie, es erfordert etwas mehr Zeit, das Nikolauskostüm anzulegen. Muss ja alles ordentlich aussehen. Peter hatte es da leichter. Rein in das Fell, Kette herum, Maske auf und fertig. Als mein Kompagnon um Viertel nach fünf noch immer nicht da war, habe ich ihn auf dem Handy angerufen, aber er hat sich nicht gemeldet. Ehrlich gestanden, konnte ich mir das nicht erklären. Die Hausbesuche waren Peter eine Herzensangelegenheit. Es hat ihm einen Mordsspaß bereitet, den Kindern einen Schrecken einzujagen. Außerdem war Peter die Pünktlichkeit in Person. Wir machen das seit mehr als fünfzehn Jahren, und er ist kein einziges Mal zu spät gekommen. Ich habe ihn noch ein paar Mal zu erreichen versucht. Allerdings vergeblich. Um halb sechs habe ich beschlossen, allein aufzubrechen. Ich konnte die Kinder ja nicht länger warten lassen. Zwar sind die Hausbesuche ohne Krampus nur eine halbe Sache, aber immerhin verteile ich die Geschenke an die Kinder. Das würde sie über die Abwesenheit meines Begleiters hinwegtrösten. Exakt um 17.33Uhr habe ich ein letztes Mal Peters Nummer gewählt. Als er wieder nicht abgehoben hat, habe ich das Vereinshaus abgeschlossen und mich allein auf den Weg gemacht.“

Beck schloss das Protokoll und nickte. Der Fall war gelöst, musste nur noch der Mörder verhaftet werden.
Wen verdächtigt Beck?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2013)

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