SuperMarkt: Hatte Karl Marx also doch recht?

"Wie unrecht hatte Marx wirklich?" Während die Insassen kollektivistischer Völkerkerker nichts mehr wollen, als in den freien Westen abzuhauen, wird dort Karl Marx idealisiert.

SuperMarkt Hatte Karl Marx
SuperMarkt Hatte Karl Marx
(c) EPA

Vergangenen Samstag suchte eine exklusive Diskussionsrunde im Wiener Narrenturm (kein Witz) Antworten auf die offensichtlich brennende Frage: „Wie unrecht hatte Marx wirklich?“ Dass diese Fragestellung rhetorische Züge trägt, versteht sich von selbst. Schon vor der ersten Wortmeldung war klar, dass der alte Marx natürlich recht hatte. Schließlich prophezeite er schon im 19. Jahrhundert, wohin das für den Kapitalismus so typische Profitstreben führt. Und jetzt haben wir den Salat, womit eine zu Unrecht verunglimpfte Größe wie Karl Marx eben in neuem Glanz erstrahlt.

Die ganze Angelegenheit ließe sich freilich mit einem „Was soll's, sind doch nur ein paar Schrullis“ übergehen. Allerdings preisen auch die bei Jugendlichen überaus populären Globalisierungsgegner von Attac ein neo-marxistisches Modell als Alternative an: die „Gemeinwohlwirtschaft“. Sie sollte möglichst rasch einen Kapitalismus ablösen, der in unseren Breiten mit einer öffentlichen Rundumversorgung und Staatsquoten jenseits der 50 Prozent wütet. Das neue Modell räumt dem Staat jenen Raum ein, von dem auch Marx immer geträumt hat: Größere Unternehmen werden dem Volk überantwortet, Gewinne sind zwar erlaubt, würden aber nur noch an Mitarbeiter ausgeschüttet werden.

Die Linke stellt die Systemfrage. Zudem wird die Arbeiterschaft von der Last des Profitstrebens und des Konkurrenzdenkens befreit. Man arbeitet nicht mehr für sich, sondern für das Kollektiv. Gemeinnutz statt Eigennutz war zwar auch schon die Devise der Nationalsozialisten, aber davon lassen sich benevolente Alternativforscher ebenso wenig die Laune verderben wie von den Millionen Menschen, die in der genossenschaftlichen Mangelwirtschaft den Hungertod fanden. Von den Opfern des gemeinwirtschaftlich denkenden Terrorregimes nicht zu reden.
Während sich also die Insassen postmarxistischer Völkerkerker nichts sehnlicher wünschen, als endlich in den wohlhabenden „Westen“ zu entkommen, wird ebendort dem missverstandenen Marx nachgeweint. Dahinter steht die Vermutung, dass sein Grundkonzept gut, aber nur schlecht ausgeführt war.

Nun kann es nie schaden, die „Systemfrage“ zu stellen. Schließlich finden sich viele Hinweise, dass auch die Marktwirtschaft alles andere als perfekt ausgeführt wird. Was allerdings kaum verstanden wird, ist, dass der Kapitalismus noch immer das mit Abstand beste schlecht ausgeführte System ist, das die Menschheit bis dato hervorgebracht hat. So wird neben den immer wieder auftretenden Überhitzungen vor allem die wachsende Ungleichheit angeprangert, die der Kapitalismus zwangsläufig erzeuge.

Tatsächlich ist die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich eine der großen Errungenschaften der freien Marktwirtschaft: Sie beweist nämlich, dass nicht mehr alle Menschen gleich arm und gleich mittellos sind, sondern dass Teile der Bevölkerung diesem beklagenswerten Zustand zu entfliehen in der Lage sind – ohne, dass dadurch irgendjemand schlechter gestellt wäre.

Wenn etwa Kinder bitterarmer Bauernfamilien aus einem chinesischen Kaff einen gut dotierten Job in einem neuen Produktionsbetrieb finden, wächst die soziale Ungleichheit: Die Kinder zählen plötzlich zur kleinen, schnell wachsenden Gruppe der Wohlhabenden, die Eltern sind aber arm wie zuvor. Relativ gesehen wurden sie (und mit ihnen massenhaft Menschen) ärmer, weil andere in den geöffneten Märkten ein besseres Leben führen können.

Auffallend ist, dass Länder mit ungleicher Einkommensverteilung anziehend auf jene wirken, die nach einem besseren Leben suchen: Neben den Vereinigten Staaten von Amerika sind Kanada und Australien noch immer die erklärten Zielländer gut ausgebildeter Menschen aus den ärmeren wie reicheren Regionen der Welt.

Hilfeschrei nach Bildung. In den ungleichen Westen abhauen zu wollen, kann nach Ansicht der „Denker“ in den Hochburgen wohlhabender Marktwirtschaften freilich nur ein böses Missverständnis sein. Andernfalls würden sie nicht heute dafür plädieren, der kollektivistischen Planwirtschaft doch noch einmal eine Chance zu geben. Das ist, wie ein Leser dieser Zeitung in einer Reaktion bemerkte, vor allem einmal eines: ein lauter Hilfeschrei nach mehr Bildung.


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2011)

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