Balearen: Die laute Suche nach Mittelmeeröl

Vor der spanischen Inselgruppe soll mit Hilfe von Schallkanonen bald nach Öl gesucht werden dürfen. Tourismusindustrie, Lokalpolitiker und Umweltschützer laufen dagegen Sturm.

Mallorca
Mallorca
Mallorca – (c) REUTERS (ENRIQUE CALVO)

Alle zehn Sekunden macht es einen lauten Knall, 24 Stunden am Tag, wochenlang – wie eine Explosion, so laut wie ein Gewehrschuss direkt neben dem Ohr. Mit bis zu 260 Dezibel breiten sich die Schallwellen von der Wasseroberfläche durch das Wasser aus und dringen meterweit in den Meeresboden ein. Das Schallecho wird von Unterwassermikrofonen aufgenommen und gibt Auskunft über mögliche Ölvorkommen im Boden (s. Grafik). Diese sogenannten Airguns werden für die Suche nach Öl im Meeresboden benutzt.

„Stress, verändertes Verhalten, Vertreibung aus lebenswichtigen Gebieten, tödliche Strandungen und Missbildungen sind nur eine Handvoll an Folgen für Meeresbewohner wie Wale, Delfine, Fische oder Krebse durch diesen anhaltenden Lärmpegel“, erklärt Unterwasser-Akustikerin Lindy Weilgart von der Universität Dalhousie in Kanada. Langzeitfolgen wurden bisher noch nicht erforscht.

Ölsuchgebiet Balearen

Diese Methode zur Ölsuche ist gang und gäbe in den Weltmeeren. Nun soll auch vor den Balearen gesucht werden dürfen, wo sich allerdings zwei strikt geschützte Meeresgebiete befinden. Große Ressourcen werden hier von Ölfirmen vermutet. Derzeit liegen drei Anträge unterschiedlicher Öl- und Forschungsfirmen vor, nach Ölvorkommen in den Gewässern der Balearen suchen zu dürfen. „Anfang August wurde jedoch veröffentlicht, dass bereits 2013 erste seismische Aktivitäten um die Balearen durchgeführt wurden“, so Nicolas Entrup, Sprecher der Meeresschutzorganisation Oceancare und der Umweltschutzorganisation NRDC. „Die spanische Regierung hat sich bis jetzt noch nicht dazu geäußert. Das ist ein Riesenskandal.“ Doch in Spanien läuft weiterhin das Verfahren, ob Ölkonzerne, allen voran das schottische Unternehmen Cairn Energy, die Bewilligung für die Suche erhalten. „Die Prüfung des Ansuchens soll noch im Herbst veröffentlicht werden.“

Tourismus- versus Ölindustrie

In der Zwischenzeit wird der Widerstand der Inselbewohner, die vor allem vom Tourismus leben, der Lokalpolitiker und der Umweltschützer immer größer. „Mehr als 125.000 Menschen haben offiziell Einspruch gegen die geplanten Vorhaben eingelegt. Das sind ein Zehntel aller Inselbewohner,“ betont Carlos Bravo, Sprecher der Alianza Mar Blava, ein Zusammenschluss von mehr als 80 privaten Organisationen, Fischern, Umweltschützern und Prominenten, die gegen das Vorhaben protestieren.

Ihnen macht vor allem die voraussichtlich erfolgreiche Suche nach Öl Angst: In Folge errichtete Ölbohrtürme vor den Ferieninseln, die Zerstörung des Lebensraums für Fische und das Risiko einer Ölkatastrophe könnte Touristen abschrecken. Doch die Inseln leben von den Urlaubern: „Wir müssen kein Öl suchen. Der Tourismus ist das Öl der Balearen,“ sagte der balearische Regierungschef José Ramón Bauzá.

Und auch die ausländische Tourismusbranche mischt sich zunehmend in den Konflikt ein: Im September übermittelte sowohl der Schweizer als auch der Österreichische Reiseverband einen Brief an den spanischen Energieminister, in dem die Sorge über die Ölsuche zum Ausdruck gebracht wurde.

Im Fall der Kanaren im Atlantik ist man bereits einen Schritt weiter: Hier erteilte Spaniens Regierung im August dem Ölkonzern Repsol die Erlaubnis, mit der umstrittenen Erdölsuche vor den Inseln zu beginnen. Ob die Bohrungen durch ein geplantes Referendum der Regionalregierung im November noch gestoppt werden können, ist fraglich. Negative Vorbildwirkung könnte der Fall der Kanaren jedenfalls auf die Balearen haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2014)

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