Stromversorgung: Ein Minikraftwerk für den Balkon

Mit einer Fotovoltaikanlage für Stadtwohnungen will die Oekostrom AG den Markt für grüne Energie aufmischen. Die Produktion soll mit Crowdfunding finanziert werden.

Auf den Dächern im Zentrum von Wien sieht man kaum Fotovoltaikanlagen.
Auf den Dächern im Zentrum von Wien sieht man kaum Fotovoltaikanlagen.
Auf den Dächern im Zentrum von Wien sieht man kaum Fotovoltaikanlagen. – (c) Michaela Bruckberger

Wien. Strom nicht aus der Steckdose nehmen, sondern über die Steckdose ins System einspeisen. Das ist das ungewöhnliche Konzept von „Simon“, mit dem der Grünstromanbieter Oekostrom AG den Strommarkt aufmischen will. Simon ist eine Fotovoltaikanlage für den Städter, der in einem Mehrparteienhaus lebt und deshalb nicht die Gelegenheit hat, auf dem Dach Solarzellen zu installieren und so grünen Strom zu produzieren.

Alles, was man für die Inbetriebnahme von Simon braucht, sind ein sonniger Balkon und eine Steckdose. Ein integrierter Wechselrichter macht es möglich, dass der erzeugte Strom durch die Steckdose direkt zu den stromverbrauchenden Haushaltsgeräten fließt, noch bevor diese den regulären Netzstrom anzapfen. Speichern lässt sich der Strom aber nicht.

 

Genug für eine Ladung Wäsche

Mit einer Spitzenleistung von 150 Watt produziert das 138 Zentimeter hohe Minikraftwerk, das man auf dem Balkon aufstellen kann, „gerade so viel, dass die Geräte, die in einem Haushalt tagsüber auf Stand-by laufen, mit Strom versorgt werden können“, sagt Lukas Stühlinger, Vorstand der Oekostrom AG. Der Strom reiche auch, um ein Mittagessen für zwei Personen zu kochen, eine Ladung Wäsche zu waschen oder 35 Tassen Kaffee zu kochen. Pro Jahr soll das Minikraftwerk rund 150 Kilowattstunden Strom produzieren. Das bringe eine Ersparnis von 30 bis 40 Euro.

Auch wenn das nicht überwältigend viel ist, hofft Stühlinger, mit Simon einen Nerv zu treffen. „Die Leute haben einen starken Wunsch nach Unabhängigkeit und Energiesicherheit. Und in der Stadt waren die Möglichkeiten, selbst etwas zur Energiewende beizutragen, bisher beschränkt“, sagt Stühlinger. „Am Land ist das einfacher. Man installiert eine Wärmepumpe und Sonnenkollektoren.“

Simon komme dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung in Energiefragen also entgegen. Noch ist die Mini-Fotovoltaikanlage nicht auf dem Markt. Ein Prototyp ist aber bereits produziert. Die kritische Masse von tausend Vorbestellungen, die die Oekostrom AG braucht, um Simon fertigzuentwickeln und in die Serienproduktion zu gehen, soll über eine Crowdfunding-Kampagne erreicht werden, die vergangenen Freitag auf der Plattform 1000x1000 gestartet wurde. In sechs Monaten soll Simon lieferbar sein. Kostenpunkt: 499 Euro. Was bedeutet, dass sich die Anschaffung bei einer jährlichen Ersparnis von 30 bis 40 Euro in zehn bis 15 Jahren rentiert. Bei rund zwei Millionen Balkonen in Österreich, der Hälfte davon südseitig, glaubt Stühlinger, dass der Markt dafür auf jeden Fall vorhanden sei. Ein Blick auf die Wiener Dachlandschaft zeige, dass es so gut wie keine Solarzellen in der Stadt gebe.

 

Gesetzliche Hürden in der Stadt

Der Grund für den fehlenden Ausbau von Fotovoltaik auf Mehrfamilienhäusern liege nicht im fehlenden ökologischen Bewusstsein der Stadtbevölkerung. Vielmehr seien es gesetzliche Hürden, die solche Vorhaben im Keim ersticken.

So ist beispielsweise für die Errichtung einer Solaranlage die Zustimmung aller Parteien im Haus notwendig. Und wenn der Hauseigentümer eine Solaranlage installiert, darf er seinen Mietern den Strom nur schenken, aber nicht verkaufen. Letzteres ist nur mit einer Konzession als Energieversorger möglich. Aber auch wenn das Haus aus einer Gemeinschaft von Wohnungseigentümern besteht, gibt es Probleme. So gebe es keine Regelung für zusätzliche Stromzähler, die für eine Aufteilung des selbst produzierten Stroms auf die einzelnen Wohnungen unerlässlich sind.

Eine Beteiligung der Bürger an Ökostromprojekten ist für Stühlinger jedoch unerlässlich, damit die Energiewende umgesetzt werden kann. Das schaffe ein entsprechendes Bewusstsein. Und dann könne es auch langfristig ohne Förderungen gehen. „Grüne Energie muss marktfähig werden“, sagt er.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2015)

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