OMV bastelt eine russische Nabucco-Pipeline

"Presse"-exklusiv: Frühstart des künftigen OMV-Chefs Rainer Seele: Während Europa Russland die kalte Schulter zeigt, plant er mit Gazprom einen neuen Weg für russisches Gas nach Wien.

Bloomberg

Nabucco ist tot, lang lebe Nabucco. 2013 wurde die europäische Pipeline, die Gas aus dem Kaspischen Raum über die Türkei und den Balkan nach Wien transportieren sollte, um die Abhängigkeit von russischen Gasimporten zu verringern, offiziell beerdigt. Zwei Jahre später mehren sich die Anzeichen, dass der Abgesang verfrüht war. Wie die „Presse“ in Erfahrung bringen konnte, wird an einer „neuen Nabucco“ gebastelt. Mit einem riesigen Unterschied: Statt Gas aus dem Kaspischen Raum soll sie russisches Gas über die Türkei bringen. Und beizeiten wohl auch iranisches.

An vorderster Front bei den Verhandlungen ist die heimische OMV. Niemand geringerer als der frühere Geschäftsführer des Nabucco-Konsortiums, Reinhard Mitschek, soll das Projekt vorantreiben, wie der „Presse“ gleich von drei verschiedenen Quellen aus dem OMV-Umfeld bestätigt wurde. Der Ölkonzern selbst, der das Thema tunlichst geheimhalten will, lehnte einen Kommentar ab. Die Russen haben da weniger Probleme: Gazprom selbst veröffentlichte im Internet ein Foto, das den künftigen OMV-Chef Rainer Seele am 3. Juni beim Gespräch mit Gazprom-Chef Alexej Miller über „künftige Kooperationen“ zeigt. Rechts neben dem aktuellen Wintershall-Manager am Verhandlungstisch in Moskau: OMV-Mann Mitschek. Vor wenigen Jahren noch war er den Russen als Frontman des Konkurrenzprojekts Nabucco ein Dorn im Auge gewesen. Heute sitzen sie in trauter Einigkeit am Tisch. Die OMV bestätigte zwar das Treffen, wollte darüber hinaus aber nichts sagen. Auch Reinhard Mitschek und Gazprom-Sprecher Sergej Kuprianov waren für „Die Presse“ nicht erreichbar. 

 

Europa erwacht aus Schockstarre

Diese Verhandlungen sind in mehrerer Hinsicht pikant. Zum einen hängt der Haussegen zwischen der EU und Russland angesichts der Ukraine-Krise schief. Zum anderen hat die EU immer betont, den jahrzehntelangen Transit russischen Gases über die Ukraine unbedingt aufrechterhalten zu wollen, um so auch die Ukraine zu stärken und ihr weiterhin die Einnahmen aus den Transitgebühren zu sichern. Aber Gazprom ist fest entschlossen, ab dem Jahr 2019, also nach Auslaufen des Transitvertrages mit der Ukraine, auf den ukrainischen Transit zu verzichten.

Das Vorhaben ist nicht gänzlich neu. Nur hatte bis vor Kurzem der Plan bestanden, die aus der Ukraine abgezogenen Gasvolumina über eine gazpromeigene Pipeline namens South Stream erst durch das Schwarze Meer und dann bis nach Wien zu leiten. Weil die EU sich aber zur Abwendung eines russischen Leitungsmonopols dagegen gesträubt hatte, warf Gazprom im Dezember alles über den Haufen und rief statt der South Stream als neues Projekt Turkish Stream aus. Soll heißen: Gazprom liefert künftig das Gas nur noch zu einem Hub an die türkisch-griechische Grenze, von wo die EU den Weitertransport über die „neue Nabucco“ nun also selber organisieren und den Bau dieser Pipeline selber finanzieren muss. Das hat die EU in den vergangenen Monaten völlig irritiert. Nun scheint sie sich erfangen zu haben und lässt den Russland-Freund Seele und Mitschek über diese Anschlusspipeline verhandeln. Mit der Erfahrung aus dem Nabucco-Projekt hat die OMV hier einen Startvorteil.

 

Turkish Stream ohne die Türkei?

Alle Seiten stehen unter Druck. Am stärksten aber die Russen. Sie nämlich haben in ihren Verträgen mit deutschen, französischen, italienischen oder österreichischen Abnehmern vielfach Wien als Übergabeort für das Gas festgeschrieben – brauchen also die Pipeline, wie E-Control-Chef Walter Boltz erklärt. Die EU macht dem Vernehmen nach außerdem Druck, dass Gazprom sein Gas nicht unnötigerweise zuerst in das Drittland Türkei, sondern an die bulgarische Küste liefert, von wo die EU dann eine neue Pipeline nach Wien legen würde.

Die Botschaft scheint in Moskau angekommen zu sein. Denn wie die „Presse“ aus russischen Parlamentskreisen in Erfahrung bringen konnte, hat Gazprom im Mai bei einem Treffen mit dem Energieausschuss des Parlaments erklärt, die Pipeline „Turkish Stream“ vorerst einmal nur bis zu jener Stelle im Schwarzen Meer zu verlegen, an der eine Abzweigung Richtung Türkei oder nach Bulgarien möglich ist. Der heimischen OMV kann diese Entwicklung nur Recht sein. Ihr Interesse gilt vor allem der guten Auslastung des Gasverteiler-Knotens in Baumgarten bei Wien. Rund 30 Milliarden Kubikmeter russisches Gas im Jahr könnten nach derzeitigem Stand durch die neue Nabucco in einem ersten Schritt hier landen, schätzen Beobachter.

Iran als Konkurrenz zu russischem Gas

Mittelfristig könnte sich sowohl die Menge als auch die Herkunft des Rohstoffs jedoch noch verändern. Dafür soll eine der größten ungenutzten Quellen der heutigen Energiewelt sorgen: der Iran. Das Land verfügt über die zweitgrößten Erdgasreserven weltweit und war offenbar von Beginn an Teil des europäischen Konzepts.

Der Zeitpunkt ist ideal: Nach der Grundsatzeinigung im Atomkonflikt mit Teheran scheint der Weg für iranisches Gas in Richtung Europa bald wieder frei zu werden. Die OMV scharrt, wie viele internationale Energiekonzerne, längst in den Startlöchern. Im Jahr 2007 verkündete das heimische Unternehmen, an der Entwicklung des weltgrößten Gasfeldes South Pars im Persischen Golf mitwirken zu wollen. Auf starken politischen Druck hin musste der Konzern die Kooperation mit dem iranischen Ölgesellschaft NIOC fallen lassen. Doch die engen Verbindungen mit dem Regime blieben ebenso bestehen wie das OMV-Büro in Teheran.

Der Iran wiederum lechzt danach, endlich Gas nach Europa liefern zu dürfen. Zehn Milliarden Dollar (8,9 Milliarden Euro) will das Land bereitstellen, um Export-Pipelines zu finanzieren. Im Gespräch ist auch eine Route durch die Türkei. Ab der Grenze zur EU könnte iranisches Gas in die neu geplante Pipeline eingespeist werden. Dann wäre sogar das Ziel der ursprünglichen Nabucco erreicht – weniger Abhängigkeit von Russland.

 

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