Windenergie

Zwischen Rekorden und Sorgen

Sie gilt als Hoffnungsträger auf dem österreichischen Weg zu 100 Prozent Stromversorgung aus erneuerbaren Energien. Die Entwicklung neuer Projekte zur Nutzung von Windenergie bremst sich aktuell aber ein.

Dürnkrut, die kleine Marktgemeinde in Niederösterreich, ist historisch Interessierten ein Begriff. Im Jahr 1278 fand hier die Schlacht zwischen dem Böhmenkönig Ottokar und dem Habsburger Rudolf I. statt. 740 Jahre später steht Dürnkrut für zukunftsträchtige Technologie. Der Ort in einer der ertragsstärksten Windregionen Österreichs beherbergt einen Windpark mit insgesamt zehn Kraftwerken, der von den Betreibern, Windkraft Simonsfeld und WEB Windenergie, gerade erweitert wird. Ende Februar erfolgte der Spatenstich, im Herbst sollen acht neue Windräder installiert und in Betrieb sein. „Bis Ende des Jahres liefern wir damit sauberen Strom für rund 17.900 Haushalte in die Leitungsnetze“, sagt Martin Steininger, Vorstand der Windkraft Simonsfeld.

 

Niederösterreich geht voran

Das im Weinviertel ansässige Unternehmen zählt zu den Windkraftpionieren in Niederösterreich – jenem Bundesland, das mit 54 % (Stand 2017) den mit Abstand wichtigsten Beitrag zur heimischen Windkraftleistung liefert. 693 Anlagen in Niederösterreich mit einer Leistung von 1535 Megawatt erzeugen Windstrom für 943.000 Haushalte. Zum Vergleich: Österreichweit werden von 1260 Windkraftanlagen rechnerisch 1,75 Millionen privater Haushalte mit 2844 Megawatt Windstrom versorgt. „Die Windräder in Niederösterreich vermeiden so viel CO2, wie beinahe alle (94 %) Autos dieses Bundeslands ausstoßen“, bringt Niederösterreichs Landeshauptmann-Stellvertreter, Stephan Pernkopf, einen anschaulichen Vergleich. Knapp ein Drittel des Stromverbrauchs wird mit Windkraft gedeckt. 2018 sollen weitere 44 Windräder neu in Betrieb gehen, was rund zwei Dritteln der 68 neuen Anlagen entspricht, die heuer für ganz Österreich geplant sind.

68 – was nach viel klingt, ist laut Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft, aber zu wenig: „2014 wurden noch 143 neue Windräder errichtet. Der Windkraftausbau geht immer weiter zurück. Laut unserer jüngsten Studie braucht es in Österreich zumindest 100 neue Windräder pro Jahr, um das hohe Potenzial richtig zu nutzen.“ Der aktuell erzeugte Windstrom entspricht rund zehn Prozent des heimischen Stromverbrauchs. Mit 100 neuen Windrädern pro Jahr würde man 2030 bereits 24 Prozent des Verbrauchs decken und somit einen wesentlichen Beitrag zum im neuen Regierungsprogramm verankerten Ziel leisten, das bis 2030 eine Stromvollversorgung aus erneuerbaren Energien vorsieht. „Das Windenergie-Potenzial wäre grundsätzlich vorhanden. Allerdings braucht es dafür dringend ein neues Ökostromgesetz und stabile, vorhersehbare Rahmenbedingungen“, meint Moidl. Fakt ist, dass aktuell eine Vielzahl an bereits genehmigten Windkraftprojekten bis zum Jahr 2021 auf Umsetzung warten muss. „Die Kraftwerke, die wir heuer bauen werden, wurden bereits vor Jahren bewilligt. Elf unserer 13 neuen Anlagen warten bereits seit drei Jahren auf ihre Errichtung“, bestätigt Simonsfeld-Vorstand Steininger, der es als „unverständlich“ empfindet, „dass wir weiterhin Unmengen an Strom importieren, während Hunderte bewilligte Windkraftwerke jahrelang auf Einspeisetarife warten müssen.“

 

Knackpunkt Einspeisetarife

Einspeisetarife ist zugleich das Stichwort, das der Branche gerade Kopfzerbrechen bereitet (siehe Infokasten). Konkret geht es um die Ökostrom-Einspeisetarifverordnung für die Jahre 2018 und 2019. Für neue Windparks, für die der Antrag bei der Förderstelle eingebracht wird, wird der Einspeisetarif für 2018 um 8,4 % reduziert. Für das Jahr 2019 ist eine weitere Absenkung um einen Prozentpunkt vorgesehen. „Diese Reduktion ist deutlich stärker als die Kostensenkungen der Windparks der vergangenen Jahre. Ein solches Signal bremst die Entwicklung von neuen Projekten ein“, erklärt Moidl. Mit der Unsicherheit bezüglich der Zukunft der Windenergie ist man nicht allein. „Den meisten Regierungen in Europa fehlt Klarheit, wie es nach 2020 mit dem Windenergieausbau weitergehen soll. Der Umstieg auf Ausschreibungen verläuft leider viel chaotischer, als wir hofften“, meint Giles Dickson, Geschäftsführer des europäischen Windenergieverbandes WindEurope. Wurden 2016 noch in 21 Ländern der EU Windräder errichtet, so war das 2017 nur mehr in 17 der Fall. In 40 % der EU-Länder wurden somit im Vorjahr überhaupt keine Windräder mehr gebaut. De facto konzentriert sich der Ausbau zu 80 % auf drei Staaten: Deutschland, Großbritannien und Frankreich. In allen drei Ländern wurde das Fördersystem umgestellt, und die Betreiber mussten rasch ihre Projekte noch im alten System errichten. Was den EU-Ausbaurekord bei Windenergie im Jahr 2017 erklärt, ist demnach nicht zwingend ein Zeichen einer windstarken Zukunft.

INFORMATION

Ökostrom-Einspeisetarife. Die in das Netz eingespeisten Energiemengen geförderter Ökostromanlagen werden von der OeMAG (Abwicklungsstelle für Ökostrom AG) mit speziellen Einspeisetarifen vergütet. Eine starke Reduktion (2018) verschlechtert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Windkraftanlagen müssen zudem von der Förderstelle einen Vertrag erhalten. Das Förderkontingent ist aber beschränkt. Zusätzlich sind die Marktpreise für Strom in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, der Förderanteil pro kWh also gestiegen. Daher stehen viele baureife Windkraftanlagen seit Jahren bei der OeMAG in einer Warteschlange.

Fokus Energie

Dieser Text ist in der "Presse"-Beilage "Fokus Energie" erschienen und wurde von einer Spezialredaktion unabhängig von Werbekunden erarbeitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2018)

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