Von der Fassade in die Steckdose

Sonnenstrom. Noch hat die Fotovoltaik in Österreich viel Ausbaupotenzial. Bauwerkintegrierte Anlagen und digitales Energiemanagement kurbeln die Entwicklung neu an.

Das weltweit erste Bürohaus mit dem Anspruch, mehr Energie ins Stromnetz zu speisen, als für den Gebäudebetrieb benötigt wird, steht in Wien. Errichtet wurde das Hochhaus am TU-Wien-Standort Getreidemarkt bereits 1971. Mit der energetischen Sanierung im Rahmen eines universitären Forschungsprojekts wurde es 2014 zum größten Plus-Energie-Gebäude des Landes. Verantwortlich zeichnet dafür nicht zuletzt die – ebenfalls landesweit größte fassadenintegrierte Fotovoltaikanlage mit knapp 1600 m2 Paneelfläche. Gemeinsam mit der Installation auf dem Dach könnte damit der Stromverbrauch von 128 Haushalten abgedeckt werden. De facto versorgt man sich selbst und umliegende Häuser: „Übersteigt die gewonnene Energie den aktuellen Stromverbrauch des Gebäudes, wird der Überschuss von den benachbarten Gebäuden der TU Wien verbraucht“, erklärt Helmut Schöberl vom zuständigen Bauphysik-und-Forschungsbüro Schöberl & Pöll.

Im März 2018 nahm Schöberl stellvertretend für das gesamte Projektteam den erstmals ausgelobten österreichischen Innovation-Award für bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV) in der Kategorie Sanierungen entgegen. Vergeben wurde der Preis von der Technologieplattform Photovoltaik, der Interessenvertretung der heimischen Fotovoltaikforschung und -industrie. „BIPV hat großes ungenutztes Flächenpotenzial, vor allem in einem Land wie Österreich mit seinem hohen Anteil an urbanen Räumen und Bestandsgebäuden“, sagt Obmann Hubert Fechner, zugleich Institutsleiter Erneuerbare Energie an der Fachhochschule Technikum Wien.


Potenzial von 230 km2

Jüngste Schätzungen gehen von rund 230Quadratkilometern geeigneter Flächen an Gebäuden aus – was vergleichsweise der kumulierten Fläche der vier größten Wiener Gemeindebezirke (Donaustadt, Floridsdorf, Hietzing und Penzing) entspricht.

Um das Potenzial nutzen zu können, tut vor allem seitens der Fördergeber (Bund, Länder, Klima- und Energiefonds) eine Reihe von Unterstützungen not. Wünschenswert sind laut Fechner unter anderem Förderungen für Anlagenerrichter und Anreizprogramme für Industrie und Gewerbetreibende. Zugute kämen Österreich zudem die Errichtung von größeren BIPV-Gemeinschaftsanlagen, die eine Wirtschaftlichkeit oder Beteiligung von Interessenten ermöglicht (Bürgersolarkraftwerke), die Berücksichtigung von Projekten mit BIPV-Flächen bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen sowie die verpflichtende Integration von BIPV in öffentlichen Gebäuden bei Sanierungsmaßnahmen und Neubau.


In den Speicher und den Tank

Von einer Ausschöpfung des PV-Potenzials kann in Österreich längst noch keine Rede sein. Zahlen von Photovoltaic Austria (PVA) zeigen, dass die in Betrieb befindlichen Anlagen 2016 im heimischen Stromerzeugungsmix lediglich 1,9 Prozent zur Stromproduktion beigetragen haben.

Um die installierte PV-Leistung derart hochzutreiben, dass bis 2050 ein Anteil am Stromverbrauch von 27Prozent erreicht werde (PV-Technologie-Roadmap), reiche es nicht, Sonnenstrom zu produzieren und ins Netz zu liefern, sagt PVA-Vorstandsvorsitzender Hans Kronberger: „Das war gestern. Der wichtigste Schritt heute und morgen ist die Suche nach innovativen zukunftsfähigen Energieversorgungsstrukturen.“ AlsBeispiel für ein Projekt der Zukunft nennt er das im Südburgenland angesiedelte Innovationslabor Act4.Energy.

„Bisher wurde überschüssiger Fotovoltaikstrom zumeist zu relativ niedrigen Preisen ins Netz eingespeist und dann für die eigene Nutzung wieder teurer zurückgekauft. Grund dafür ist die weitgehend nicht vorhandene Gleichzeitigkeit von Energiegewinnung und Energieverbrauch“, erklärt Projektmanager Andreas Schneemann. „Durch den Einsatz von Speichern in Kombination mit digitalen Energiemanagementlösungen kann man diese Situation wesentlich verbessern.“ Der Schwerpunkt in der Open-Innovation-Energie-Musterregion liegt auf der Erhöhung von PV-Strom-Direktnutzung. In regionalen Realtests werden seit Anfang 2018 neue digitale Energiesysteme entwickelt, die den österreichischen PV-Strom auf kürzestem Weg in die Steckdose und ins E-Auto bringen sollen.

INFORMATION

Industrie in Österreich. Die heimische Fotovoltaikindustrie beschäftigt sich vor allem mit der Herstellung von Modulen, Wechselrichtern, der Installation von Anlagen sowie Forschung & Entwicklung. Von strategischer Bedeutung ist die Entwicklung von Elementen zur Gebäudeintegration, eine Nische, die Chancen für Exportmärkte eröffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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