Gas wird grün und erneuerbar

Erdgas. Im heimischen Energiemix hat der fossile Energieträger seinen fixen Platz. Mit dem „Greening the Gas“–Konzept und der Wandlung zum Erneuerbaren könnte ihm zudem eine Schlüsselrolle bei der Energiewende zukommen.

Schauplatz Baumgarten, Niederösterreich. Rund 1400 Kubikmeter Gas strömen jede Sekunde durch die Leitungen der von Gas Connect Austria und der TAG GmbH betriebenen Erdgasstation in dem 192-Seelen-Dorf an der March. 45 Milliarden Kubikmeter waren es im gesamten Jahr 2017, was in etwa dem Volumen des Bodensees entspricht. Das Gros des Erdgases kommt aus einem 5000 Kilometer entfernten Fördergebiet in Sibirien und wird von Baumgarten aus über ein eng verflochtenes Leitungsnetz verteilt. „Die Station Baumgarten ist eine der wichtigsten Gasdrehscheiben Europas“, erklären die Gas-Connect-Austria-Geschäftsführer Harald Stindl und Stefan Wagenhofer. 80Prozent der 45Milliarden Kubikmeter werden in sechs Länder weitertransportiert, 20 Prozent in Österreich verbraucht.


Hohe Nachfrage, Tendenz steigend

Der heimische Bedarf ist groß. Ein Viertel aller Haushalte verwendet Erdgas zum Heizen und zur Aufbereitung von Warmwasser (in Deutschland sind es sogar rund 50 Prozent), in jeder zehnten Küche wird mit Gasherd oder Gasofen gekocht. Zu den Abnehmern zählt ebenfalls die Industrie, in der Erdgas als Rohstoff für die Produktion von Kunststoffen, Düngemitteln, Klebstoffen, Lösungsmitteln oder Pflanzenschutzmitteln dient. Auch in der Stromproduktion spielt Gas eine bedeutende Rolle, wie zuletzt die Kältewelle im Februar und März 2018 gezeigt hat: „Am 23. Februar etwa betrug der Gasanteil im österreichischen Strom-Mix 22,6Prozent, während 22,9Prozent des Stroms importiert wurden“, erzählt Peter Weinelt, stellvertretender Generaldirektor der Wiener Stadtwerke, und plädiert für ein Mehr an Gas: „Das würde die Stromimporte verringern und es österreichischen Energieversorgern ermöglichen, Ausfälle schnell und flexibel zu kompensieren.“

Ein Argument für den vermehrten Einsatz von Erdgas, das als emissionsärmster fossiler Energieträger gilt, liefert zudem die im Umbruch befindliche Mobilität. Neben E-Autos könnten auch Erdgasautos mit dem Einsatz von Compressed Natural Gas (CNG) einen neuen Aufschwung erleben. „Auf dem deutschen Markt sind die CNG-Motoren schon heute die am stärksten wachsende Antriebsart“, weiß Wolfgang Demmelbauer-Ebner, Leiter Entwicklung Ottomotoren bei Volkswagen. Das Unternehmen präsentierte Ende April beim Wiener Motorensymposium das neueste Motorenmodell. „Das ist ein wichtiger Baustein im Rahmen unserer CNG-Offensive. Ziel ist, das Volumen der effizient und weitgehend ohne Partikelemission arbeitenden Motoren zu erhöhen“, so Demmelbauer-Ebner.


Grünes Gas

Auch auf die kritische Frage, wie Gas als fossiler Energieträger im Zuge der allseits geforderten Rohstoff- und Energiewende überleben soll, scheint es eine innovative Antwort zu geben. Die Zukunft gehört laut Experten CO2-neutralem Biogas und synthetischem Gas. Gewonnen wird es zum einen aus den Reststoffen der Tier- und Pflanzenproduktion sowie aus Klärschlamm und zum anderen aus überschüssigem erneuerbaren Strom. Letzteres gelingt über das Power-to-Gas-Verfahren. Dabei wird durch Wasserelektrolyse nicht benötigter Strom aus erneuerbaren Energien in Gas – Wasserstoff oder Methan – umgewandelt. Dieses Gas kann ins Gasnetz eingespeist und in Gasspeichern gelagert werden. Erneuerbare Energie geht somit nicht verloren und ist bei Bedarf nutzbar. Die Synergien und Potenziale der Energiesektoren lassen sich zusammenführen, wenn die bestehenden Gasinfrastrukturen dabei als zentrale Drehscheibe in der Vernetzung fungieren.


Einfacher Energietransport

Die Vorteile: günstiger und einfacher Energietransport, die Speicherung erneuerbarer Elektrizität im Gasnetz und geringerer Investitionsbedarf bei den elektrischen Übertragungsnetzen. „Grünes Gas muss Teil der österreichischen Energie- und Klimastrategie sein. Durch das Erhalten der Gasnetze und die direkte Nutzung von grünem Gas lassen sich erhebliche Kosten im Energiesystem einsparen“, meint Manfred Pachernegg, Geschäftsführer der Energienetze Steiermark und Präsident der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW).

Damit die erneuerbaren Gase im Netz wirtschaftliche Vorteile bringen können, müssen laut Pachernegg allerdings die Sicherheit und die Funktionalität der Leitungen und Endgeräte sichergestellt werden: „Derzeit sind Gasthermen und Brennwertgeräte in Österreich auf Erdgasqualität eingestellt. Die Zunahme des Wasserstoffgehalts verändert die Qualität des Gases, was Auswirkungen auf den Verbrennvorgang in Gasthermen hat.“ Dafür müssen die richtigen Einstellungen und der Grad der Einspeisung des Wasserstoffs gefunden werden.

Zusätzliche Anforderungen an die Qualität des Gases gibt es ebenfalls in der industriellen Anwendung. Beispielsweise könnten Öfen zur Stahlhärtung, die mit dem Erdgas-Wasserstoff-Gemisch betrieben werden, möglicherweise Auswirkungen beim Endprodukt vorweisen. Der eingespeiste Wasserstoff könnte ebenfalls zur Versprödung von Schweißnähten beitragen. Langzeitstudien sollen Klarheit bei diesen Themen bringen.

AUF EINEN BLICK

Dekarbonisierung. Gemäß einer aktuellen Studie der Johannes-Keppler-Universität Linz können bis 2050 in Österreich zwei Milliarden Kubikmeter grünes Gas ins Gasnetz eingespeist werden. Damit könnten alle Gas- und Fernwärmekunden in Österreich mit erneuerbarer Wärme oder drei Millionen Fahrzeuge mit grünem Gas versorgt werden. Das Gas soll dabei zu drei Vierteln aus Reststoffen der Tier- und Pflanzenproduktion oder aus Klärschlamm, der Rest aus überschüssigem erneuerbaren Strom gewonnen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Gas wird grün und erneuerbar

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.