Kilowattstunden, die neuen Pferdestärken

E-Mobilität. Die Energiebranche soll den Weg für die Straßenhoheit elektrisch betriebener Autos ebnen. Herausfordernd ist vor allem die Bereitstellung der notwendigen Lade- und Netzinfrastruktur. Was es noch braucht? Grünen Strom.

Der E-Auto-Markt startet weltweit durch.“ Das Kurzresümee einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Alix Partners klingt wie ein Echo aus längst vergangenen Zeiten. Die Schlagzeile könnte gut und gern hundert Jahre alt sein. 1910 liefen etwa in den USA knapp 40 Prozent der Automobile mit elektrischem Antrieb. Ob diese Prozentwerte auch im dritten Jahrtausend erreicht werden, ist seriöserweise nicht abzusehen. Elmar Kades, Managing Director bei Alix Partners, ist dennoch überzeugt: „Mit dem Jahr 2017 ist die grundlegende Transformation einer globalen Schlüsselindustrie endgültig auf den Märkten angekommen. Der Trend ist unumkehrbar.“ Dafür würden laut Kades unter anderem die knapp 250Milliarden US-Dollar sprechen, die Autohersteller in den nächsten fünf Jahren in batteriebetriebene Fahrzeuge und Plug-in-Hybride zu investieren planen.


Laden auf der Straße

Sollten die E-Autos im zweiten Anlauf ihrer Historie dauerhaft durchstarten, wird das freilich nicht allein an der Investitionsfreude der Produzenten liegen. „Beispiele in Vorreiterstädten wie Oslo zeigen, dass der Erfolg von Elektromobilität neben der Verfügbarkeit der Fahrzeuge und einer Politik mit Förder- oder Anreizmaßnahmen vor allem vom Angebot einer leistungsfähigen Infrastruktur abhängt“, sagt Michael Strebl, Geschäftsführer von Wien Energie, die aktuell 550 Ladestellen im Großraum Wien betreibt. Was bis vor Kurzem ausschließlich im halb öffentlichen Raum wie etwa Parkhäusern zu finden war, wird vom Energieunternehmen seit Ende Jänner auf die Straße gebracht. „Wir haben bereits 90 neue Ladestellen im öffentlichen Raum, weitere 80 sind derzeit in Bau“, so Strebl. Bis Ende 2020 ist in Kooperation mit der Stadt die Errichtung von rund 1000 Stationen an öffentlichen Stellen vorgesehen. Punkto Ladeleistung orientiert sich das Konzept am innerurbanen Bedarf. Mit elf kW lässt sich ein halb geladenes E-Auto mit einer Batteriekapazität von 30 kWh in rund 90 Minuten vollladen. Strebl hält diesen Spielraum für bequem: „In dieser Zeit geht man einkaufen oder auf einen Kaffee.“


Coffee to go

Ein schnellerer „Boxenstopp“ ist gefragt, wenn es um größere Distanzen, etwa entlang von Autobahnen geht. Das erste Schnellladenetz des Landes betreibt Smatrics. Das Joint Venture von Siemens, Verbund und OMV setzt bei mehr als 200 seiner knapp 440 Ladepunkte auf Leistungen von in der Regel 50 kW, ist aber auch schon mit dem Aufbau des Ultraschnellladenetzes der nächsten Generation beschäftigt. Im Rahmen des EU-Projekts CEUC (Central European Ultra Charging) sollen innerhalb von zweieinhalb Jahren 118 Ladestellen mit bis zu 350 kW in sieben Ländern (darunter Österreich) geschaffen werden. Smatrics fungiert dabei als Generalunternehmer und Know-how-Lieferant für die Investoren. „Mit unserer Dienstleistung im Hintergrund verbinden wir Zentral- und Osteuropa und etablieren dort eine Hochgeschwindigkeits-Infrastruktur für die wichtigsten Verkehrskorridore“, erklärt Geschäftsführer Michael-Viktor Fischer. „Die ersten Autos dazu werden 2019 zu kaufen sein. Und dann sprechen wir im Idealfall von fast 100 km Reichweite, die in nur fünf Minuten geladen ist.“

Dass neben der Lade- auch eine neue Netzinfrastruktur vonnöten ist, betont Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie: „Wir sehen mittel- bis langfristig intelligente Stromnetze und Zähler (Smart Meters, Smart Grids) als Enabler digitaler Vernetzung durch Ladesysteme, vor allem im Hinblick auf das Daten- und Abrechnungsmanagement der Ladevorgänge.“ Es gehe aber nicht nur darum, mehr Strom auf smarte Weise ins Energiesystem, sondern auch mehr erneuerbare Energien ins Stromsystem zu bringen.


Umweltfreundlich? Ja, wenn . . .

Letzteres ist mitentscheidend, um E-Autos den viel gepriesenen ökologischen Vorteil zu verschaffen. So verursacht ein in Österreich geladenes Elektromobil in der Regel deutlich niedrigere Treibhausgasemissionen als eines, das beispielsweise deutschen Strom anzapft. Verantwortlich dafür ist der hierzulande ökologischere Strommix mit seinem hohen Anteil an Wasserkraft. Konkrete Zahlen präsentierte dazu kürzlich ein Projektteam der Plattform Addendum der Quo-Vadis-Veritas-Redaktion. Verglichen wurde bei ein und derselben Automarke die Diesel- mit der E-Variante. „Der CO2-Ausstoß ist in unserer Lebenszyklusberechnung beim Dieselmodell mehr als doppelt so hoch wie beim Elektropendant“, so Projektleiterin Elisabeth Oberndorfer. Würden 100 Prozent des Stroms aus erneuerbarer Energie gewonnen werden, fiele der Vergleich noch drastischer aus.

AUF EINEN BLICK

Zugelassen.Battery Electric Vehicle (BEV) nennt man batteriebetriebene Fahrzeuge, die ausschließlich über Elektromotoren als Antriebsstrang verfügen und einen besonders geringen Anteil an lokalen Emissionen verursachen. Waren 2016 laut Statistik Austria 9073 BEVs in Österreich unterwegs, so sind es mit Stand Ende April dieses Jahres 16.767. Im ersten Quartal des neuen Jahres sind 2149 vollelektrische E-Autos neu zugelassen worden: um 31,3 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2017. Aktuell sind 1,8 Prozent aller Neuzulassungen E-Pkw.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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