Studie gibt Ratingagenturen Schuld an Euro-Krise

Einer Studie der renommierten Universität St. Gallen zufolge sind ungerechtfertigte Herabstufungen die Hauptursache für die Schuldenkrise in Europa. Viele Länder seien nach anderen Maßstäben beurteilt worden als früher - mit fatalen Folgen.

Studie gibt Ratingagenturen Schuld
Studie gibt Ratingagenturen Schuld
EPA/OLIVER BERG

Nicht nachvollziehbare Herabstufungen europäischer Länder sind eine Hauptursache der Euro-Schuldenkrise. Das ist das Ergebnis einer Studie der Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie an der Universität St.Gallen. Die von Manfred Gärtner und Björn Griesbach verfasste Studie wertete Daten für 25 OECD-Länder im Zeitraum 2009 bis 2011 aus. Das Fazit: Man müsse die Ratingagenturen als "zentrale Auslöser und Antreiber" der Schuldenkrise betrachten.

"Viele europäische Länder werden seit 2008 nach anderen Maßstäben beurteilt als früher oder als außereuropäische Länder", schreibt der Volkswirt Gärtner in einer Presseaussendung. Die Herabstufungen können der Studie zufolge nicht durch Verschlechterungen der Wirtschaftslage und der Staatsfinanzen begründet werden.

Folgendes ergab sich aus den empirischen Berechnungen:

  • Die Wirtschaftslage in Spanien habe sich in den untersuchten zwei Jahren nicht einmal um eine Note verschlechtert, berechnete Gärtner. Bei der Ratingagentur Fitch wurde das Land jedoch von AA+ auf AA- herabgestuft.
  • Auch bei Portugal wäre den Berechnungen zufolge nur die Herabstufung um eine halbe Note gerechtfertigt gewesen. Das Rating wurde aber tatsächlich um acht Stufen gesenkt.
  • Irland hätte eineinhalb Noten verlieren müssen, wurde aber gleich um sieben Noten herabgestuft.
  • Besonders hart trifft es Griechenland: Schenkt man der Studie Glauben schenkt, hätte sich das Rating aufgrund der untersuchten Wirtschaftsindikatoren nicht einmal um einen einzige Note verschlechtert. Tatsächlich sackte es aber bis Ende 2011 um 12 Stufen ab: Von A auf CCC.

>>> Karte: Die Bonität der EU-Länder

Grundlage vor Gärtners Bewertung bildeten Daten aus der Vergangenheit. Er untersuchte, wie die Ratingagenturen vor der Krise auf Indikatoren - wie zum Beispiel einem gestiegenen Schuldenstand - reagierten. Damals ließen sie offenbar wesentlich mehr "durchgehen".

Kein Ausweg aus dem Insolvenzstrudel

Die Folgen eines ungerechtfertigten Ratings können der Studie zufolge fatal sein: Bereits geringe Fehleinschätzungen können einen Teufelskreis auslösen. Vor allem Länder mit einem Rating von A oder schlechter seien in höchstem Masse gefährdet, in einen Insolvenzstrudel zu geraten: "Die Staatsschulden werden unbezahlbar, die Ratings kollabieren". Übertritt ein Land einmal eine bestimmte Schwelle, schreibt Gärtner, "setzt ein Sog in Richtung Insolvenz ein, aus dem es sich selbst nicht mehr befreien kann."

>>> Die gesamte Studie

(Red.)

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