Irland: "Junge haben keine Zukunft"

Wegen schlechter Chancen auf dem Arbeitsmarkt wandern jährlich tausende Iren aus. Die Regierung der grünen Krisen-Insel bemüht sich um die Einhaltung strenger Sparauflagen.

Irland Junge haben keine
Irland Junge haben keine
(c) AP

[London/Dublin] Bis vor zwei Jahren transportierte Keith Massey aus Greystones, eine halbe Autostunde südlich von Dublin an der irischen Ostküste, den Sand mit dem die Traumhäuser des Baubooms der „Celtic Tiger“-Jahre gebaut wurden. Doch dann platzte Ende 2008 die Immobilienblase, den drei größten irischen Banken drohte wegen fauler Kredite in Milliardenhöhe der Bankrott. Die irische Regierung übernahm die komplette Rechnung – und Irland wurde zum ersten europäischen Opfer der Schuldenkrise. „Meinem Schwiegervater gehört eine der größten Kies- und Sandgruben in Irland; für den bin ich gefahren“, erzählt Keith am Telefon. „Doch ab 2009 gingen immer mehr Baufirmen pleite, die Aufträge brachen weg. Ich hatte anfangs noch drei Lastwagen, dann zwei, dann einen. Mein Schwiegervater hat von einst 22 Lkw nur noch vier.“

Keith hatte Glück: Während tausende seiner Landsleute durch die Krise den Job verloren (die Arbeitslosenquote stieg seit April 2008 von gut fünf auf derzeit über 14 Prozent) konnte er bei einer Supermarktkette anheuern. Viele seiner rund 4,5 Millionen Landsleute taten das, was Iren in Krisenzeiten immer tun: Sie suchten das Heil in der Flucht. Über 40.000 wanderten allein im ersten Quartal 2011 aus. „Vor allem die jungen Leute haben keine Zukunft hier“, sagt Keith.

Seine Lieferfahrten führen den dreifachen Familienvater täglich vorbei an den Geistersiedlungen, den halbfertigen Rohbauten und vernagelten Luxuseinfamilienhäusern, den neuen Wahrzeichen der Grünen Insel. „Ich habe es kommen sehen“, meint er. „Die Banken haben das Geld doch mit beiden Händen nach rechts und links verteilt. Jeder, der einen Kredit wollte, hat ihn auch bekommen. Ich hab mir damals auch 120.000 Euro für einen neuen Lkw geliehen – und musste dafür noch nicht mal persönlich in die Bankfiliale kommen.“

Luxussiedlungen stehen leer

Keith Massey lacht bitter. „Die Leute, die sich in den Boomjahren ein Haus gekauft haben, hat's jetzt echt erwischt. Irre Schulden, und ihre Immobilie ist nur noch die Hälfte wert.“ Ab 2000, dem Beginn des Baubooms, wurden in Irland Jahr für Jahr 75.000 neue Häuser gebaut – geschätzt 230.000, viele davon Ferienhäuser, stehen heute leer. Eine der Luxussiedlungen, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen, entstand direkt neben Keiths Farm. „Am ersten Tag, als das Musterhaus zur Besichtigung fertig war, landeten fünf Hubschrauber mit Interessenten – ganz junge Paare waren das, sie sahen nicht älter aus als 15.“
Am schlimmsten, meint Keith, sei nun die Unsicherheit, wie es weitergehe. Die Aussichten für die irische Wirtschaft sind düster. Getragen wird das magere Wachstum vor allem vom Export – die Binnennachfrage dagegen schrumpft ständig. Wer wie Keith noch Ersparnisse hat, scheut sich, sie anzutasten: „Ich weiß ja nicht, was wird.“

Wie viele Iren gibt Keith den ehemaligen Regierungen unter Bertie Ahern und Brian Cowen die Schuld für das Desaster. „Es war ein Riesenfehler, die Schulden der Banken komplett zu übernehmen. Die müssen wir nun wer weiß wie lange zurückzahlen, alles rausgeschmissenes Geld.“ Er und viele seiner Landsleute seien deshalb „sehr wütend“, meint Keith und fügt resigniert hinzu: „Aber wir Iren sind nicht so gut darin, unseren Zorn zu zeigen. Wir gehen nicht auf die Straße wie die Franzosen oder gar die Griechen.“
Die neue Mitte-links-Regierung, die Anfang 2010 aus Protest über das Krisenmanagement der vorigen Koalitionsregierung ins Amt gewählt wurde, habe die Situation besser im Griff, „aber es ist schon ein sehr tiefes Loch, aus dem sie uns da rausziehen müssen“, meint Keith.

Für ihre Bemühungen bekommt die Truppe um Regierungschef Enda Kenny von der EU und dem Internationalem Währungsfonds (IWF) derzeit gute Noten. Im November 2010 flüchteten sich die Iren als erstes Land der EU unter den Rettungsschirm des EFSF und liehen zu Sonderkonditionen 85 Mrd. Euro, um den drohenden Staatsbankrott zu verhindern. Und anders als die Griechen halten sich die Iren seitdem auch brav an die vorgeschriebenen Sparauflagen.

Experten warnen vor erneuter Verschärfung

Keith Massey hat zwar Verständnis für den Sparkurs der Regierung, ist aber auch frustriert: „Wenn man das Radio aufdreht, geht es nur um Einsparungen. Das ist total deprimierend.“

Wirtschaftsexperten fragen, ob Irland nicht dabei sei, sich zu Tode zu sparen – und warnen vor den Folgen der sich verschärfenden Eurokrise für die Grüne Insel. Keith Massey versucht, darüber möglichst wenig nachzudenken: „Meine Älteste wird in drei Jahren mit der Schule fertig, so lange versuche ich, mich nicht verrückt zu machen.“ Und er hofft, dass Irland die Krise bis dahin so weit überstanden hat, dass es für seine Tochter doch noch eine Zukunft in ihrer Heimat gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2012)

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