USA: "Nur Tage von Kernschmelze des Finanzsystems entfernt"

Die Vergabe von Krediten drohe komplett zum Stillstand zu kommen, warnt Christopher Dodd, Vorsitzender des Bankenausschusses des US-Senats.

(c) AP (M. Spencer Green)

Der Vorsitzende des Bankenausschusses des US-Senats, der Demokrat Christopher Dodd, hat davor gewarnt, dass die USA möglicherweise "nur mehr Tage von einer kompletten Kernschmelze des Finanzsystems" entfernt seien. Diese Warnung habe Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank Fed, vor führenden Kongressmitgliedern in einer Sitzung am Donnerstagabend ausgesprochen. Der Kongress werde sich nun beeilen, um das zu verhindern.

Die Vergabe von Krediten sei im Begriff zum Stillstand zu kommen, die Menschen würden kein Geld mehr geborgt bekommen, sagte der Politiker in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC.

Auch Charles E. Schumer, demokratischer Senator von New York betonte: “Kredite sind der Lebensnerv unserer Wirtschaft, und diese sind nun eingefroren". "Das ist niemals zuvor passiert. Es ist die 'schöne neue Welt'. Wir befinden uns auf unerforschtem Gebiet. Wir wissen bloß, dass wir die Kredite nicht eingefroren lassen können - sonst wird die Wirtschaft in schnellem Tempo in den Keller rasseln".

700 Mrd. Dollar für faule Kredite

US-Präsident George W. Bush hat den Kongress um die Bewilligung von 700 Milliarden Dollar (492 Mio. Euro) zur Linderung der Finanzkrise gebeten. Damit sollen Hypotheken aufgekauft werden, deren Besitzer zahlungsunfähig geworden sind, heißt es in einem Vorschlagspapier des Präsidenten. Die Regierung soll demnach ermächtigt werden, die Schulden der betroffenen Kreditinstituten für die kommenden zwei Jahre zu übernehmen. Das Programm muss nun vom Kongress gebilligt werden.

Zugleich soll die zulässige Obergrenze der Staatsverschuldung von derzeit auf 10,6 Billionen auf 11,3 Billionen Dollar angehoben werden. Dies sei notwendig, damit der Staat zur Stützung der Finanzmärkte angemessen intervenieren könne. Bush betonte, seine Regierung wolle eng mit dem Kongress zusammenarbeiten, um die einschlägigen Gesetze so schnell wie möglich in Kraft treten zu lassen. Er habe sich zu diesen weitreichenden Schritten entschlossen, nachdem ihm das gesamte Ausmaß der derzeitigen Finanzkrise klar geworden sei.

Die demokratische Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi sagte ein schnelles und parteiübergreifendes Vorgehen der Abgeordneten zu. Eine Entscheidung solle in der kommenden Woche fallen.

Finanzminister Henry Paulson hatte erklärt, das Rettungspaket sei nötig, um die Krisenpapiere vor allem aus dem kollabierten Hypothekenmarkt zu beseitigen, die auf den Finanzinstituten und der Wirtschaft lasteten. Das Programm müsse groß genug sein, um einen deutlichen Erfolg zu zeigen "und die Probleme an der Wurzel zu packen". Zugleich müssten die Steuerzahler so weit wie möglich geschützt werden.

Kritik von McCain, Lob von Obama

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain kritisierte Paulson und sagte, es handele sich um unüberlegtes Krisenmanagement. Er gab zudem Grundzüge eines Plans zur Reform der US-Finanzmärkte bekannt. Dieser sieht die Gründung eines Treuhandfonds für Hypothekenbanken und Finanzinstitutionen (MFI) vor, der mit Behörden und Privatwirtschaft schwächelnde Finanzinstitutionen stärken soll, bevor sie kollabieren.

McCains demokratischer Rivale Barack Obama erklärte indes, er unterstütze die Entscheidungen der Regierung, mit der das Vertrauen in die Finanzmärkte gestärkt werde. Mit mutigen und entschiedenem Handeln könne eine Verschlimmerung der Wirtschaftskrise vermieden werden, die die Lebensersparnisse und das Wohlergehen von Millionen Amerikanern aufs Spiel setze.

Zwölfte US-Bank geschlossen

In den USA haben die Behörden eine weitere Bank geschlossen. Die Ameribank Inc ist die zwölfte, die in diesem Jahr aufgeben musste. Wie die Federal Deposit Insurance Corp am Freitag mitteilte, hatte die in Northfork, West Virginia, ansässige Bank am 30. Juni 115 Millionen Dollar an Vermögenswerten und 102 Millionen Dollar an Einlagen. Der Zusammenbruch der Ameribank dürfte den Einlagensicherungsfonds der USA rund 42 Millionen Dollar kosten.

(Red./Ag.)

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