Finanzkrise: "Dem amerikanischen Patienten droht der klinische Tod"

Der 700 Mrd. Dollar schwere Plan zur Rettung der Wall Street ist vorerst gescheitert. Tragische Figur ist US-Finanzminister Paulson: Er fiel vor einer demokratischen Politikerin auf die Knie.

(c) Reuters (Mitch Dumke)

Am Donnerstag scheiterte ein Krisengespräch über ein 700 Milliarden Dollar schweres Programm zur Bewältigung der Finanzkrise am Widerstand konservativer Abgeordneter. Finanzminister Henry Paulson fiel nach dem Treffen in seiner Verzweiflung sogar vor der demokratischen Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Nancy Pelosi, auf die Knie, schrieb am Freitag die "New York Times". Er habe sie gebeten, den 700 Mrd. Dollar schweren Kompromissplan nicht platzen zu lassen.

"Ich bin es nicht, die das Ganze zu Fall bringt. Es sind die Republikaner", habe Pelosi darauf geantwortet, zitiert die "New York Times" einen Zeugen, der bei der Szene dabei war. Sie habe anschließend geantwortet: "Nicht ich lasse das Rettungspaket platzen, es sind die Republikaner", woraufhin Paulson niedergeschlagen eingeräumt habe: "Ich weiß, ich weiß."

Aus dem gefeierten Finanzminister wurde so binnen weniger Tage eine tragische Figur. Noch vor wenigen Tagen hatte "Newsweek" Paulson auf dem Cover als "King Henry" geadelt. Auch die "New York Times" nannte ihn kürzlich noch den "mächtigsten Finanzminister" in der Geschichte der USA.

"Ohne Rettungspaket droht Katastrophe"

"Wenn das Rettungspaket der US-Regierung nicht verabschiedet wird, droht eine Katastrophe", sagte ein Analyst an der Wall Street. "Es ist keine Zeit für Wahlkampfgeplänkel. Bei einer zu langen Debatte droht dem amerikanischen Patienten der klinische Tod."

Einen Tag nach dem Scheitern des Krisengesprächs im Weißen Haus über einen Rettungsplan für die angeschlagenen Finanzbranche hat US-Präsident George W. Bush den Kongress erneut zum raschen Handeln aufgerufen. Der Präsident zeigte sich überzeugt, dass es am Ende eine Vereinbarung mit dem Kongress über ein Rettungsprogramm geben werde: "Wir werden ein Paket haben. Wir werden der Herausforderung gerecht werden."

Schuldzuweisungen nach Platzen des Kompromisses

Vor dem für Freitagabend geplanten TV-Duell der beiden Präsidentschaftskandidaten warfen führende demokratische Politiker dem Republikaner John McCain vor, das 700 Milliarden Dollar schwere Programm aus wahltaktischen Gründen torpediert zu haben. Der Senator aus Arizona hielt dagegen, die Demokraten hätten voreilig Hoffnungen auf einen Kompromiss geweckt. Seine Teilnahme am TV-Duell gegen seinen demokratischen Rivalen Barack Obama ließ McCain weiter offen.

McCain habe bei den Gesprächen nicht genützt, sondern nur geschadet, sagte der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid. Sein Parteifreund Barney Frank, der Vorsitzende des Finanzausschusses im Repräsentantenhaus, beklagte, dass die Republikaner in letzter Minute neue Forderungen auf den Tisch gelegt hätten. Der Vorsitzende des Bankenausschusses im Senat, Christopher Dodd, sprach von einem "politischen Theater" McCains, der den Erfolg seiner Wahlkampagne offenbar über das Wohl der amerikanischen Wirtschaft stelle.

McCain erklärte dagegen, es habe nie eine Einigung über das Rettungspaket gegeben. Sein Wahlkampfberater Steve Schmidt fügte hinzu, es gebe weder bei Republikanern noch bei Demokraten eine Mehrheit, die "irgendetwas" zustimmen werde. Gerade bei konservativen Republikanern stößt die Idee, dass der Staat angeschlagene Banken mit Steuergeldern von zweifelhaften Krediten befreien könnte, auf massive Kritik. Die Demokraten hatten auf der anderen Seite darauf gepocht, auch einfache US-Bürger von den Folgen der Finanzkrise zu entlasten.

Das beispiellose Krisengespräch im Weißen Haus über das Rettungsprogramm für den US-Finanzsektor war am Donnerstagabend ohne Ergebnis zu Ende gegangen. An dem Treffen hatten neben Präsident George W. Bush und den beiden Bewerbern um seine Nachfolge auch US-Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke und Spitzenabgeordnete beider Parteien aus dem Kongress teilgenommen. Wenige Stunden vor dem Gespräch hatten die Demokraten noch verkündet, mit den Republikanern eine Grundsatzeinigung erzielt zu haben.

(Ag./Red.)

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