Deutsche Bahn stoppt Privatisierung

Die Finanzkrise trifft längst nicht mehr nur Banken und Versicherungen. Ihretwegen wird auch die Bahn-privatisierung, die am 27.Oktober starten sollte, auf Eis gelegt.

(c) AP (MATTHIAS RIETSCHEL)

Berlin.Der Himmel ist derzeit nicht nur über Berlin düster. Ganz Deutschland fragt sich, wann die globale Finanzkrise, die lange „nur“ ein Problem von Bankkonzernen und Versicherungen zu sein schien, in der realen Wirtschaft ankommt – oder ist sie es schon? Die deutschen Exporteure müssen das größte Minus seit fünf Jahren verkraften, die Industrie erhält weniger Aufträge, Wachstumsprognosen werden nach unten korrigiert, Börsengänge gestoppt.

Wegen der schweren Finanzkrise wird auch die Bahnprivatisierung, die am 27.Oktober starten sollte, auf Eis gelegt. Grund dafür ist die Sorge, mitten in der Krise nicht genug Erlöse zu erzielen. „Mindestens einige Wochen“ sollen bis zum neuen Anlauf für den Börsengang verstreichen. Auch das Mainzer Solarunternehmen Schott Solar hat seinen Börsengang wegen des „schlechten Umfeldes“ in letzter Minute abgeblasen.

Als eine der wichtigsten Branchen spürt die deutsche Autoindustrie die Flaute auf dem Markt. Einige Konzerne – wie etwa Opel – müssen zeitweilig Fabriken schließen, andere korrigieren ihre Verkaufsprognosen nach unten.

In der Bilanz der Exporteure hat die Finanzkrise schon im August deutlich sichtbare Bremsspuren hinterlassen: Die Ausfuhren waren um 2,5 Prozent schwächer als im Juli, das ist das größte Minus seit fünf Jahren. Im Juli hatte es noch ein Plus von 6,9 Prozent gegeben. Wobei ein Sprecher des Statistischen Bundesamts erklärte, dass es im August traditionell starke Schwankungen gebe, die unter anderem davon abhängen, wie Firmen ihre Betriebsferien legten.

 

Negativserie bei Aufträgen

Die Industrie hat acht Monate in Folge weniger Aufträge erhalten – die längste Negativserie seit 1990. Wegen der nachlassenden Nachfrage in wichtigen deutschen Absatzmärkten und der schweren Finanzkrise senkt die Regierung ihre Wachstumsprognose für 2009 auf null bis 0,5 Prozent – von bisher 1,2. In diesem Jahr lag das Wachstum bei 1,9 Prozent.

Die Vorhersagen der verschiedenen Institute und Wirtschaftsverbände variieren von 0,2 Prozent (Kieler Institut für Weltwirtschaft), 0,5 (Bundesverband der deutschen Banken), 0,7 (Rheinländisch-Westfälisches Institut) bis zu ein Prozent (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW). Der Aufschwung neige sich generell seinem Ende zu, sagt DIW-Präsident Klaus Zimmermann, eine Rezession drohe jedoch nicht. Zuvor hatte bereits der Internationale Währungsfonds unter anderem der deutschen Wirtschaft eine rasante Talfahrt vorausgesagt – sie werde 2009 stagnieren.

Führende Wirtschaftsverbände dämpften unterdessen die Ängste vor einer drohenden Kreditklemme, wie sie die Industrie befürchtet. So teilte etwa der Softwarekonzern SAP bereits mit, dass Kunden ihre Bestellungen stornierten, weil das Geld fehlt. Auf die rückläufige Nachfrage will man mit einem strikten Sparprogramm reagieren; die Mitarbeiter wurden dazu aufgerufen, auf einen Teil ihres Urlaubs zu verzichten.

Deutschlands größter Wohnmobil- und Wohnwagenbauer Knaus Tabbert hat unterdessen nach erfolglosen Rettungsversuchen am Donnerstag einen Insolvenzantrag stellen müssen. Von der Pleite sind rund 1500 überwiegend in Deutschland beschäftigte Menschen betroffen.

Auf einen Blick

Die Finanzkrise hat Deutschland schwer im Griff. Die Privatisierung der Bahn, die am 27. Oktober starten sollte, wurde vorerst auf Eis gelegt.

Die Regierung hat ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr von bisher 1,2 Prozent auf null bis 0,5 Prozent reduziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2008)

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