Island: "System so kaputt wie die DDR vor dem Fall der Mauer"

Die OECD bezeichnet Island als "Extremfall" einer kleinen Volkswirtschaft mit überdimensioniertem Bankensektor. Islands Wirtschaft wird 2009 um 10 Prozent schrumpfen.

Island steckt tief in der Finanzkrise
Island steckt tief in der Finanzkrise
(c) AP (Virginia Mayo)

Das aktuelle Urteil der OECD fällt vernichtend aus. Die Wirtschaft Islands dürfte bis Anfang 2010 schrumpfen. Die Arbeitslosenquote dürfte beträchtlich zunehmen und 2010 etwa 8,5 Prozent erreichen. Für das Jahr 2009 wird ein Rückgang des BIP um 9,3 Prozent erwartet, die isländische Wirtschaft schrumpft also um fast zehn Prozent.

"Extremfall" Island

Das Beispiel Islands zeige die großen Probleme für kleine Volkswirtschaften mit überdimensioniertem Bankensektor, selbst wenn Island ein "Extremfall" sei, schreibt die Organisation in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick. Tatsächlich entspricht das Kapital der drei größten Banken Islands (Kaupthing, Landsbanki und Glitnir) nahezu dem Zehnfachen des isländischen BIP.

Die 320.000 Bürger der Atlantikinsel stehen immer noch unter Schock. Seit dem Zusammenbruch der drei führenden Banken im Oktober bewegt sich die Inflation auf 20 Prozent zu. "Island sinkt, und niemand weiß, wann wir den Grund erreichen werden", sagt Andri Snor Magnason, Sprecher der schnell wachsenden Protestbewegung.

"Erinnert an das chinesische Volksgericht"

Islands Ministerpräsident Geir Haarde hat mittlerweile bei öffentlichen Auftritten mit aufgebrachten Bürgern zu kämpfen. "Das erinnert schon an ein chinesisches Volksgericht bei der Kulturrevolution, wie unsere Regierung hier zur Rechenschaft gezogen wurde", kommentiert der Publizist Oskar Gudmundsson.

Die Aussichten sind alles andere als rosig. Die drei größten isländischen Banken wurden unter Zwangsverwaltung und direkte staatliche Kontrolle gestellt. Die Unfähigkeit, Bankschulden zurückzuzahlen, hat den Zugang der isländischen Banken zu den internationalen Kreditmärkten eingeschränkt und den Devisenmarkt gravierend gestört, mit sehr negativen Konsequenzen für die Wirtschaft.

Die Konsumausgaben werden sich wahrscheinlich deutlich verringern, da sich die privaten Haushalte den rückläufigen Realeinkommen, den steigenden Schuldendienstkosten, den restriktiven Kreditmarktbedingungen und den Vermögensverlusten anpassen. Auch ein starker Rückgang der privaten Investitionen ist zu erwarten.

"Kaputt wie die DDR vor dem Fall der Mauer"

"Das System hier ist in den Augen der Leute so kaputt wie die DDR vor dem Fall der Mauer. Und durch und durch korrupt", sagt der Schriftsteller Einar Mar Gudmundsson. Er verlangt die zwangsweise Ablösung der Regierung durch ein "Expertenkabinett": "Warum sollen wir Normalbürger die komplette Rechnung für den Wahnsinn der Banken und die Untätigkeit der Regierung zahlen?"

(Ag./Red.)

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