„Schöngefärbte“ Bankbilanzen?

Bei den Bilanzexperten rauchen die Köpfe. Um im Zuge der Finanzkrise einen massiven Abwertungsbedarf zu verhindern, ist bei der Erstellung der Bankbilanzen eine gewisse Kreativität gefragt.

(c) Www.BilderBox.com (Erwin Wodicka)

Wien. Viele internationalen Großbanken haben schon ihre Vorjahresergebnisse veröffentlicht – und die Börsen mit teilweise massiven Verlusten geschockt. Bei den Bilanzexperten der österreichischen Banken rauchen noch die Köpfe. Sie beschäftigen sich vor allem mit der Frage, wie Beteiligungen, die an der Börse massiv an Wert verloren haben, in der Bilanz dargestellt werden können. Dieses Problem trifft vor allem den Raiffeisensektor und die Sparkassen.

Hintergrund: Um einen Schutzwall gegen eine feindliche Übernahme der Erste Bank aufzubauen, haben die österreichischen Sparkassen in den vergangenen Jahren über die Börse im großen Stil Erste-Aktien erworben. Im Zuge der Finanzkrise ist das Papier dramatisch abgestürzt. Vergangenen Mai kostete eine Erste-Aktie 49 Euro. Ende 2008 ist der Wert auf 16 Euro gesunken.

Da viele Sparkassen die Aktie zu einem deutlich höheren Preis als 16 Euro erworben haben, würde ein kräftiger Abwertungsbedarf entstehen. Um dies zu verhindern, ist eine gewisse Kreativität der Buchhalter gefragt. Laut „Presse“-Informationen haben es die Prüfer der Sparkassen österreichweit erlaubt, die Erste-Bank-Aktie trotz des Kursrückgangs mit 30 Euro in die Vorjahresbilanz zu nehmen.

Ist das legal? Ja, sagen Wirtschaftsexperten. Denn es gibt in den nationalen und teilweise auch in den internationalen Bilanzierungsrichtlinien die Möglichkeit, dass Beteiligungen, die langfristig gehalten werden und deren Geschäftsaussichten sich nicht verschlechtert haben, nicht zum Börsenkurs bilanziert werden müssen.

Doch Vorsicht: Bei dieser Ergebnisgestaltung haben die Sparkassen unter Umständen eine tickende Zeitbombe in den Büchern. Sollte der Kurs der Erste-Aktie nachhaltig auf dem niedrigen Niveau bleiben, müssen die Sparkassen später abwerten. „Die 30-Euro-Regelung gilt nur für 2008. Die Situation wird jedes Jahr neu bewertet“, sagte ein Sparkassen-Vorstand.

Offiziell will sich im Sparkassenverband niemand zur heiklen Causa äußern. „Es tut nichts zur Sache, zu welchem Wert wir die Erste-Bank-Anteile in den Büchern haben“, heißt es. Eine Indikation für die 30-Euro-Regelung lieferte Erste-Bank-Chef Andreas Treichl vergangenen Dezember, als er bei der außerordentlichen Hauptversammlung den inneren Wert der Erste-Aktie mit 30 Euro angab. Anhänger von strengen Rechnungslegungsvorschriften warnen, dass die Bilanzen der Sparkassen nach dem Prinzip Hoffnung aufgebaut sind. Niemand kann angesichts des Osteuroparisikos vorhersagen, ob die 30 Euro werthaltig sind.

 

RZB: „Haben keine Probleme“

Übrigens: Auch der größte Anteilseigner der Erste Bank, die Erste-Privatstiftung, hat dem Vernehmen nach die Erste-Bank-Aktien mit 30 Euro pro Stück in den Büchern.

Ähnlich wie die Sparkassen will sich auch die Raiffeisen Zentralbank (RZB) nicht zu Bewertungsfragen äußern. Die RZB hält rund 70 Prozent an der börsenotierten Osteuropaholding „Raiffeisen International“ (RI). Im Zuge der Finanzkrise sank der Kurs der RI-Aktie im Vorjahr von 100 Euro auf 20 Euro. In anderen Worten: Der Marktwert der RZB-Beteiligung hat 2008 stolze sechs Mrd. Euro eingebüßt.

Ein RZB-Sprecher weist Gerüchte, wonach dem Institut aus dem Osteuropageschäft ein massiver Wertberichtigungsbedarf entsteht, zurück. Er bestätigt allerdings, dass man Raiffeisen International nicht mit dem Börsenkurs in den Büchern stehen habe. Den Wert gibt die RZB aber nicht preis. Wie nun durchsickerte, haben Raiffeisen-Osteuropa-Chef Herbert Stepic, Erste-Bank-Chef Andreas Treichl und andere Bankmanager schon am 1. Dezember 2008 einen Brief an die EU-Kommission geschickt und einen Zwölfpunkte-plan für Osteuropa gefordert.

Weil das bislang nichts genutzt hat, fliegt Finanzminister Josef Pröll morgen und übermorgen in vier Ostländer, um die dortigen Regierungen von nationalen Hilfspaketen für die Banken zu überzeugen.

AUF EINEN BLICK

Viele Banken haben langfristige Beteiligungen nicht zum Börsenkurs, sondern zu einem höheren Wert in den Bilanzen. Diese Ergebnisgestaltung könnte sich als „tickende Zeitbombe“ erweisen. Bleiben die Aktienkurse nachhaltig auf einem niedrigen Niveau, müssen die Banken zu einem späteren Zeitpunkt massive Wertberichtigungen vornehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2009)

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