Während die Welt auf Syrien blickt, schmiert Indien ab

Ein perfekter Sturm zieht auf, Gold ist "last man standing" in Indien.

Der Goldpreis ist heute wieder nachhaltig über die 1400-Dollar-Marke geklettert; in Syrien steht ein Angriff der USA scheinbar kurz bevor und der Ölpreis reagiert entsprechend. Und gleichzeitig stürzt die indische Rupie ins Bodenlose. Hängt das zusammen? Sind es zwei unterschiedliche Geschichten? Was ist los?

Vorweg, weil das glänzende Metall hier ja einen Fixplatz hat: ganz oberflächlich betrachtet ist der angebliche Bärenmarkt beim Gold schon wieder vorbei; und dass Gold und Öl im Gleichschritt steigen wenn die Kriegstrommeln ertönen lässt die Gold-ist-sowas-von-over-Talkingheads zum wiederholten mal alt aussehen - was aber eine Nebengeschichte ist. 

Tatsächlich (und das ist nur eine Vermutung) sehen wir wohl eine "knee-jerk-reaction" auf die Nachrichten rund um Syrien. Die Indien-Story spielt sich dort ab: in Indien, dass der Goldpreis davon schon beeinflusst wird, glaube ich eher nicht. Fazit: der Papiergoldmarkt funktioniert weiterhin - nur ein Absturz des "Goldpreises" ins Bodenlose würde hier meine Alarmglocken läuten lassen.

Rupie fällt so stark wie seit 18 Jahren nicht

Also sehen wir uns die abschmierende Rupie an: Die sackt ab - und das gegenüber dem Dollar in einer Zeit in der dieser gegenüber "real stuff" (Öl, Gold) selbst wieder schwächelt. Indien, das ist die konkrete, die greifbare "Geschichte" - nur ist sie nicht so brisant wie Syrien und ein möglicher Krieg. Eh logisch, aber was in Indien passiert sollte man eben auch nicht ignorieren: Die Rupie ist sogar so stark gefallen wie seit 18 Jahren nicht. 

Wenn das mal nicht rasant ging! Gleichzeitig präsentiert die Regierung Konjunktur- und Ernährungsprogramme im bescheidenen Umfang von fast 50 Mrd. Dollar - Sie haben richtig gelesen: Fünfzigmilliardendollar. Das wird wohl weder Inflationsängste noch die Sorgen der Ratingagenturen eindämmen. Aber hey, vielleicht bringt's ja ein paar Stimmen im offenbar anlaufenden Wahlkampf.

Wobei der von der Realität wohl noch eingeholt wird. Gut, 50 Mrd. Dollar sind nur ein Bruchteil des 1,8-Billionen-Dollar-BIPs, aber das ist die Summe, die die Regierung an einem einzigen Tag angekündigt hat. Und das dicke Ende scheint noch zu kommen für die ausgabenfreudige indische Führung.

Die Abwärtsspirale dreht sich schon

Es scheint nämlich tatsächlich ein "perfekter Sturm" zu sein, der sich da über dem Subkontinent zusammenbraut und am Kleiner-Mann-Level zeigt sich das nirgends so klar wie am Goldmarkt. Das Land leidet unter einer "unheiligen Dreifaltigkeit" aus einem wachsenden Defizit, einer instabilen Währung und langsamen Wachstum - was sich wiederum im Handelsbilanzdefizit niederschlägt sowie die Regierung zu zunehmend verzweifelten Maßnahmen greifen lässt. (Das schreibe nicht nur ich, das Wort "verzweifelt" hat auch die New York Times verwendet - paper of record!). Die Abwärtsspirale, sie dreht sich schon. 

Man darf nicht vergessen, dass die Inder zu den goldverrücktesten Völkern überhaupt gehören - und dass sie nicht erst seit gestern Gold vor allem als Hedge gegen die eigene Währung und damit indirekt gegen die eigene Regierung einsetzten, sie "verstehen" Gold also (meiner bescheidenen Meinung nach) weitaus besser als der durchschnittliche "Westler". Nicht umsonst sitzen sie Schätzungen zufolge auf rund 16.000 Tonnen Gold - im Privatbesitz! Nicht schlecht. Zum Vergleich: Für Deutschland belaufen sich die Schätzungen auf "nur" 8000 Tonnen. Gut, Deutschland ist viel kleiner als Indien - aber eben auch viel reicher. Und die Deutschen gehören noch zu den goldaffinen "Western". 

Nun hat vor dem großen Rupie-Absturz und vor der letzten Syrien-Eskalation eine Geschichte die Runde gemacht, die auch mir immer wieder geschickt wurde: die Indische Regierung sagt dem Gold den Kampf an! Indien erhöht die Importzölle! Vor allem auf Twitter wurde diese Anhebung der Importzölle von manchen mir gegenüber als Totschlagargument gegen Gold vorgebracht. Und ich frage mich immer noch: warum eigentlich?

Gold als "last man standing"

Tatsächlich steht der Goldpreis in Rupie (dank steigender Nachfrage, steigenden Importzöllen und fallender Rupie) derzeit auf einem Neunmonatshoch - auf einem Niveau, wo er zuletzt bei 1800 USD/Unze gestanden ist! Warum sollte eine Regierung den Goldimport auch erschweren wollen, wenn die Nachfrage ohnehin schwächeln sollte, wie manche schließen? Macht das Sinn? In meinen Augen nicht. Es ist viel mehr eine dieser verzweifelten Maßnahmen einer verzweifelten Regierung im Jahr vor einem Wahljahr.

Was hier als gern "Argument gegen Gold" präsentiert wird ist vielmehr der Beweis dafür, dass die indische Regierung die goldenen Privatimporte aufgrund des dadurch wachsenden Handelsbilanzdefizits derart fürchtet, dass sie versucht, sie zu erschweren. Oder, die harmlosere Erklärung: Sie hofft lediglich, ein bisschen besser mitverdienen zu können. Klar, das ist nur ein Fragment der ganzen Geschichte - es geht nur um einen "Kleiner-Mann-Markt", nicht um die ganz großen (Zentralbanken, Sovereign Wealth Funds, Ölstaaten, etc.). Aber dass dieser eine (sehr wichtige) "Kleiner-Mann-Markt" von der eigenen Regierung derart gefürchtet wird, erzählt eine wichtige Geschichte.

Oder, um es anders auszudrücken: Gold is last man standing as rupee fuels inflation

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