Das Geldsystem ist schon alt, sitzt aber in einem schwer bewaffneten Rollstuhl

Oder kennen Sie eine bessere Analogie?

Inflation, Deflation, Geld, Handel und Ökonomie sind Themen des täglichen Lebens. Wer kommt schon auch nur einen Tag aus, ohne Geld in irgendeiner Form zu verwenden? Wer kauft und verkauft nicht? Selbst Kinder werden mit einem Taschengeld ausgestattet - und ohne das jetzt nachzuprüfen, traue ich mich zu wetten, dass Kinder heute "mehr" Taschengeld bekommen als vor 20 Jahren.

Es war nie meine Absicht, zu behaupten, dass Deflation aktuell nicht drohen würde oder dass Deflation nicht ihre eigenen Probleme mit sich bringen würde - lediglich dass es einen "Schuldigen" für diese Deflation gibt - und das ist die Inflation, die uns ja oft und gerne als guter Freund verkauft wird. Wir erleben seit 2008 (bzw. seit 2000, aber diese Frage ist ein Job für die Historiker) das dicke Ende des "Zeitalters der Inflation", wie der frühere französische Finanzminister und Ökonom Jacques Rueff es schon 1964 beschrieben hat.

Inflationäre Übertreibungen werden durch Deflation oder Disinflation korrigiert. Das ist weder neu noch überraschend. Ich bin auch nicht im Besitz einer Glaskugel, mit der ich in die Zukunft schauen kann. Ich gestehe zudem gerne ein, dass die Bekämpfung der extrem lockeren Geldpolitik seit 2008 per se sinnlos ist, wenn man davon ausgeht, dass die Notenbanken ihrem Wort treu bleiben werden und die Deflation durch immer neue, immer exotischere Gelddruck-Ideen bekämpfen werden.

Für den kollektiven Lernprozess scheint es mir aber wichtig. Mir geht es nur darum, Themen von scheinbar überwältigender Komplexität soweit herunterzubrechen, dass jeder Leser seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Wobei für die Frage Deflation/Inflation für den überzeugten Goldbug sowieso irrelevant ist, weil dieses verdammte Metall aus unterschiedlichen Gründen in beiden Szenarien ganz gut dasteht. Einzig Disinflation, wie wir sie derzeit erleben, ist Gift für Gold.

Reset in der "Geldwelt"

Um die Komplexität zu reduzieren, hilft es sich die Welt als Kombination zweier Dimensionen vor zu stellen. Da wäre einerseits die "Güterwelt", die Realwirtschaft - in der echte Menschen echte Güter und Rohstoffe kaufen, verkaufen, verbrauchen etc. Gold hat sich über die Jahrtausende als Geld dieser physischen Welt durchgesetzt. Dass es (außer für Schmuck) kaum in der Industrie eingesetzt wird, war dafür sogar entscheidend. Milch, eine Flüssigkeit die entweder verbraucht oder rasch sauer wird ist sozusagen das Gegenteil von Gold. Das Metall glänzt nicht nur schön, es ist auch praktisch unzerstörbar, austauschbar (im Gegensatz zu Diamanten) und vor allem knapp. Es ist diese Knappheit, die Gold von allen anderen Währungen auf der Welt unterscheidet.

Der "Güterwelt" gegenüber steht die "Geldwelt", das virtuelle Universum der Währungen und Derivate, das in den vergangenen Jahrzehnten unaufhaltsam gewachsen ist.

Was wir als Inflation/Deflation erleben, ist eine Veränderung der Balance zwischen diesen beiden Welten, die sich im täglichen Handel immer wieder gegenseitig überprüfen. Nun findet aber die aktuelle Krise ganz eindeutig in der "Geldwelt" statt. Konkret: An der Basis dieser "Geldwelt", dem internationalen Währungssystem. Es wäre vereinfachend zu sagen, es sei eine Krise des US-Dollar. Denn der Dollar ist viel mehr als nur die Währung der USA - er ist die Währung der Welt. Und genau da liegt das Problem.

Keynes hatte recht, 1944 bei der Konferenz von Bretton Woods eine internationale Verrechnungseinheit ("Bancor") dem Dollar-basierten System zu bevorzugen - er hatte als Gesandter des britischen Ex-Imperiums aber nicht den Hauch einer Chance gegen den Abgesandten des neuen US-Imperiums Harry Dexter White, der für seine Nation die großartigen Vorteile sichern wollte, die man als Herausgeber der Weltwährung genießt.

Bis es eben nicht mehr geht

Es gibt da nur ein Problem, das so genannte "Triffin-Dilemma". Das beschreibt die Probleme, die auftreten, wenn die Währung eines Landes gleichzeitig als Weltwährung genutzt wird. Denn irgendwann stehen die Interessen der Nation gegen die Interessen der internationalen Wirtschaft. Und was dann? 

Wie zuvor war das neue System per Goldstandard an die reale "Güterwelt" gekoppelt - bis es 1971 endgültig entkoppelt wurde. Rueff hatte das schon in den 60ern kommen sehen. Es war auch nicht schwer, das kommen zu sehen. Die Weltwährung Dollar ist genau denselben Weg gegangen, wie jede an Gold gebundene Währung vor ihr. Und jetzt ist sie auch noch im "Triffin-Dilemma" gefangen. Wenn wir den positiven US-Daten glauben dürfen, muss die Zentralbank der Welt (die Fed) ihre Geldpolitik bald straffen um den Bedürfnissen der nationalen Wirtschaft gerecht zu werden.

Aber was wird die globale Wirtschaft dazu sagen, die sich mit disinflationären oder sogar deflationären Tendenzen konfrontiert sieht? Es gibt noch ein Problem. Weil die Herausgeberin einer Weltwährung eine wachsende globale Wirtschaft ja mit frischem Geld versorgen muss, ist die herausgebende Nation de facto gezwungen, große Handelsbilanzdefizite, staatliche Defizite und Staatsschulden zu produzieren. Verstehen Sie, warum absolut niemand sich um die Rückzahlung des unglaublichen 18-Billionen-Schuldenberges der USA Sorgen macht? Warum die USA kein Rettungspaket brauchen? Es glaubt schlicht und einfach niemand daran, dass das relevant ist. Das System wird solange ausgebaut und fortgeführt bis es eben nicht mehr geht. Und mit ihm werden auch die US-Staatsschulden verschwinden.

Alter Mann im Rollstuhl

Der Dollar, die Basis unseres Geldsystems, wird irgenwann in einem alles konsumierenden Feuer untergehen. Wann es soweit ist? Wie gesagt, ich habe keine Glaskugel. Die Fed wird die Schulden der US-Regierung zurückzahlen, ja. Aber mit wertloser Währung. Und zwar zu genau dem Zeitpunkt, an dem es für die USA opportun ist, sich sowohl ihres Weltwährungs-Privilegs als auch ihrer Schulden zu entledigen. Ich mache mir auch keine Sorgen darüber, dass die USA nach einer kurzen Phase des Chaos als industrielle Supermacht wieder auferstehen werden. Der Dollar als Währung muss noch nicht mal verschwinden dabei, eine kleine Währungsreform kann das regeln - aber wir brauchen eine neue Basis des Geldsystems.

Was ich hier versuche zu beschreiben, ist der Neustart der "Geldwelt", das Ende eines riesigen globalen Pyramidenspiels, bei dem wir alle in den vergangenen 70 Jahren glücklich mitgemacht haben. Es ist nicht notwendig, das moralisch zu bewerten. Das System ist, was es ist. Wie jedes "von Menschenhand" gemachte Geldsystem wird auch dieses irgendwann das Zeitliche segnen und durch ein neues System ersetzt werden.

Stellen sie sich das aktuelle System kurz als alten Mann vor. Nach 70 Jahren und einem erfüllten Leben voller Reichtum sitzt das System in einem hochmodernen Rollstuhl, der mit den besten Waffensystemen ausgestattet ist, die man für Geld kaufen kann. Jede offene Attacke auf das System wird - wie schon in den vergangenen Jahrzehnten - durch die militärische Überlegenheit des alten Mannes im Rollstuhl zurückgeschlagen. Aber irgendwann wird die Arthritis selbst das unmöglich machen.

Euro, Yuan oder doch SDR?

Die Idee hinter diesem Blog war immer, diesen Weg zu begleiten und wo möglich (womöglich?) für ein bisschen Aufklärung zu sorgen. Warum ich den Euro betreffend weiterhin positiv bleibe? Weil ich glaube, dass der Euro für genau dieses Szenario geschaffen wurde. Als alternative Verrechnungswährung für die wichtigsten Rohstoffe für den Tag, an dem sich die Märkte vom Dollar abwenden.

Kann sein, dass die Europlaner sich beim Zeithorizont verschätzt haben - und wir jetzt tatsächlich schon so weit sind, dass auch der Yuan als Dollar-Nachfolger in Frage kommt. Oder doch die SDR - die "Sonderziehungsrechte" des IWF? Rueff hat sie als "monetäres LSD" verspottet - aber wer weiß. Lustigerweise glaube ich auch als Goldfan nicht an die Rückkehr des klassischen Goldstandards im Sinne einer Bindung der Währung an Gold - sondern eher an ein freies und flexibles System, dass unserem heutigen gar nicht so unähnlich sein wird. Mit einem entscheidenden Unterschied: Wenn der Dollar geht - und ich kann mir durchaus vorstellen, dass das auch bis 2030 dauern kann - dann wird auch die unipolare Phase der Geopolitik endgültig vorbei sein, die wir mit dem Ende der Sowjetunion betreten haben.

Wer die Hintergründe kennt kann den Todeskampf des Systems genau mitverfolgen. Aber niemand sollte so arrogant sein, das System und seinen Überlebenswillen zu unterschätzen. Und wie bei allen Systemwechseln ist auch diesmal nicht garantiert, dass automatisch etwas besseres das alte System ersetzen wird.

Mir geht es nicht unbedingt darum, Vor- und Nachteile von Inflation und Deflation zu debattieren - auch wenn das Spaß machen kann ist das zu kurzfristig gedacht. Mir geht es darum, diese meiner Meinung nach wichtigste "Story" unserer Tage so gut wie möglich zu beobachten und darüber zu berichten. Leider ist das keine exakte Wissenschaft, weshalb mir sicher Fehler unterlaufen. Auch Journalisten sind nur Menschen (aber das bleibt unter uns!).

Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich immer richtig liege - aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich zugeben werde, wenn ich falsch liege.

NJ

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