Boomland North Dakota: Agrarstaat als Ölmacht

In den US-Staaten North Dakota und Montana ist ein regelrechter Ölrausch ausgebrochen. Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten.

(c) Reuters (Jessica Rinaldi)

Erinnerungen an den Goldrausch im 19. Jahrhundert werden wach: Glücksritter und Arbeitssuchende pilgern zur Zeit in die US-Bundesstaaten North Dakota und Montana. Doch diesmal lockt das Öl. Fast unbeobachtet hat North Dakota wichtige Ölstaaten wie Alaska und Kalifornien hinter sich gelassen. Nur noch in Texas wird in den USA mehr Öl gefördert. Der Agrarstaat North Dakota mit seinen 675.000 Einwohnern ist in Zeiten der Wirtschaftskrise zum Eldorado geworden. Die Arbeitslosigkeit liegt bei drei Prozent. Im Vergleich: Landesweit hält sie sich hartnäckig bei über acht Prozent. Wer bei der Fastfood-Kette McDonald's jobbt, bekommt 15 Dollar in der Stunde - das Doppelte des landesüblichen Lohns, wie "Welt" berichtet. Auch Lkw-Fahrer verdienen schon einmal 120.000 Dollar im Jahr - mehr als das Doppelte des US-Durchschnittlohns.

In keinem anderen US-Ölfeld wird derzeit so stark gebohrt wie im sogenannten Bakken in North Dakota und Montana (eineinhalb Mal so groß wie Deutschland), das bis nach Kanada reicht und mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren erschlossen wird. "Die Energielandkarte Amerikas wird neu gezeichnet", schreibt "wallstreetjournal.de". Und US-Präsident Obama sieht in der Bakken-Formation sogar den Schlüssel für die Energieunabhängigkeit der USA, wie "Die Zeit" schreibt. Tatsächlich dürften die USA schon bald zum Ölselbstversorger werden.

Ölmacht North Dakota

Noch vor fünf Jahren war der Prärie-Staat North Dakota an der kanadischen Grenze mit einer Produktion von 3000 Fass pro Tag im Ölgeschäft so gut wie nicht vorhanden, wie "Die Presse" berichtete. Inzwischen hat sich die Produktion aber auf rund 300.000 Fass pro Tag verhundertfacht. Grund für den Boom sind demnach die hohe Qualität und die verhältnismäßig niedrigen Kosten, die in der Region für die Förderung von Öl aus Ölschiefer anfallen. Mit Hilfe der Fördertechnik "Fracking" kann Erdgas und Erdöl aus bislang unerreichbaren Gesteinsschichten gewonnen werden. Mit rund 40 Dollar je Fass ist das Öl zwar deutlich teurer als etwa konventionelles Öl im Nahen Osten, kann aber mit Tiefseeöl mithalten und ist bei einem Ölpreis von über 100 Dollar bereits profitabel.

Das Fracking-Verfahren stößt aber auch auf vehemente Kritik. Denn pro Bohrloch werden bis zu 20 Millionen Liter Wasser ins Gestein gepresst. Experten warnen zudem davor, dass Fracking Erdbeben auslösen und Trinkwasser vergiften kann.

"Fracking" von Ölschiefer

Es handelt sich dabei um keine Ölfelder im klassischen Sinn, sondern um sogenanntes „unkonventionelles Öl“ in Form von Ölschiefer. Bei Ölschiefer sind die wertvollen Kohlenwasserstoffe im Gestein gebunden. Seitdem der Ölpreis konsequent auf über 80 Dollar je Fass verweilt, werden viele bislang unwirtschaftliche Fördermethoden plötzlich lukrativ.

Möglich wurde das durch zwei technische Neuerungen in der Fördertechnik – dem horizontalen Bohren und dem sogenannten „Fracking“. So ermöglichen es Steuersysteme inzwischen, dass Bohrköpfe mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche seitlich abgeleitet werden und die Bohrung dann zentimetergenau horizontal weiterläuft. Einer der weltweit wichtigsten Hersteller solcher Systeme ist die heimische Schoeller-Bleckmann Oilfield.

Aus dem Schiefer gelöst wird der Rohstoff durch Fracking: Dabei werden Wasser, Sand und eine Reihe von Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gespritzt. Die Mischung reißt künstliche Spalten in den Schiefer, durch die der Rohstoff an die Oberfläche wandern kann.

Quelle: Jakob Zirm, "Die Presse"

"1500 Dollar für ein dunkles Kellerzimmer"

Dennoch ist für viele Menschen in North Dakota der Ölboom ein Segen. "Jahrelang gab es hier nur Niedergang", sagt etwa der Öllobbyist Ron Ness laut Wochenendbeilage "der 7.tag" der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. "Die jungen Leute zogen weg, die Farmen warfen zu wenig Geld ab. Das Öl bringt endlich das Leben zurück in unsere Heimat." Der Schattenseiten des Boom ist sich aber auch der Ölunternehmer Duane Mitchell bewusst, wie "Die Zeit" berichtet: "Seit Pioniertagen wird jeder Aufbruch in eine bessere Zukunft auch von Verbrechen, Habgier und Neid begleitet."

Was das konkret bedeutet? Die Zeitung listet auf: "Ein Drittel mehr Straftaten, 50 Prozent mehr Verkehrsunfälle, Dreck, Lärm, raufwütige Männer, Alkohol, Drogen und raffgierige Vermieter, die einem Ölarbeiter für ein dunkles Kellerzimmer oder ein Bett in der Garage 1500 Dollar im Monat abknöpfen." Ward Koesner, Bürgermeister des Orts Willston, dem Epizentrum des Ölrauschs, sagt einem "CNBC"-Bericht zufolge: "Ich würde nicht sagen, dass die Lage außer Kontrolle ist, aber wir stehen knapp davor".

"Ölrausch ist Wunschdenken"

Josef Braml, USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, hat grobe Zweifel an Szenarien, wonach die USA zu einem führenden Ölproduzenten aufsteigen könnten. "Alles was man vom Ölrausch hört, ist Wunschdenken", merkt Braml laut "Wirtschaftswoche" an. Es sei längst nicht klar, wie viel Öl tatsächlich und zu welchem Preis gefördert werden können, sagt der Autor des Buches "Der amerikanische Patient". Auch die umweltschädigenden Auswirkungen seien noch nicht abzuschätzen.

Sein Fazit: "Bis auf Weiteres bleiben die USA, insbesondere deren Transportsektor und Wirtschaft, in höchstem Maße von Erdöl abhängig, das nach wie vor zu einem sehr hohen wirtschaftlichen und militärischen Preis aus instabilen Weltregionen importiert werden muss."

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