Als die Tulpen beinahe eine ganze Nation ruinierten

1593 kam die Tulpe nach Holland. 44 Jahre später musste der Staat zu drastischen Maßnahmen greifen um eine Volkspleite zu verhindern.

Aus der Türkei kam die Garten-Tulpe um die Mitte des 16. Jahrhunderts nach Mittel- und Westeuropa
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Aus der Türkei kam die Garten-Tulpe um die Mitte des 16. Jahrhunderts nach Mittel- und Westeuropa
(c) AP (Winfried Rothermel)

Wer glaubt, dass Spekulationsblasen eine Erfindung der Börsenwelt des 20. Jahrhunderts sind, irrt gewaltig. Die Internet-Bubble aus dem Jahr 2000 wird oftmals als warnendes Beispiel  für übertrieben Spekulation hingestellt. Sie ist vielen Menschen in guter oder auch in schlechter Erinnerung. Vor elf Jahren führte der überbewertete Markt von Hightech-Unternehmen an der Technologiebörse Nasdaq im April zu einem kollosalen Kursturz. Bei einzelnen Aktien betrugen die Korrekturen über 90 bis 95 Prozent. Doch mit einem solchen Preisverfall konnten die Tulpen schon vor etwa 400 Jahren locker mithalten.

Die Geschichte begann sehr harmlos im ausklingenden 16. Jahrhundert in Holland. Einig sind sich die Quellen über die Herkunft der Tulpe aus der Türkei. Wie es diese Blume aus der Gattung der Liliengewächse aber in das Land ohne Berge schaffte, darüber gibt es verschiedene Überlieferungen. Einer Erzählung nach sollen die Habsburger die Finger im Spiel gehabt haben. Ein Gesandter am Hofe Suleimans soll bereits 1554 eine Sendung Tulpenzwiebel an den Wiener Hof geschickt haben. Und von dort soll die Blume den Weg in verschiedene europäische Länder, darunter Holland, gefunden haben. Eine andere Geschichte:  1593 importierte Carlos Clusis, der Leiter des botanischen Gartens „Hortus bontanicus“ im niederländischen Leiden, die Tulpe direkt aus der Türkei nach Holland. Nur wenige Menschen nehmen davon Notiz, dass bereits 1594 die erste Tulpe blühte und es dauerte einige Zeit bis sich die Blume aus der Gattung der Liliengewächse Geltung verschaffen konnte. Denn trotz ihrer exotischen Herkunft wurde die Tulipa, wie sie lateinisch heißt, als eher langweilig eingestuft. Die Tulpe war eine Pflanze der Hochwohlgeborenen und Reichen, in Gärten gehütet und unzugänglich.

Konkurrenzkampf der Tulpenzüchter

Die Wende führten holländische Züchter herbei, denen es gelang, durch die Kreuzung der einfärbigen roten, weißen oder gelben Pflanzen wahre Feuerwerke an Buntheit zu zünden. Bei den holländischen Bürgern setzte sich damals sogar die Überzeugung durch, die Tulpe bringe ohne Zutun des Menschen neue vielfarbige Formen hervor. Die Tulpe wurde zum Kultobjekt und die Blumenzüchter genossen hohes Ansehen. Bald entwickelte sich unter den erfolgreichen Gärtner ein regelrechter Konkurrenzkampf.  Besonders ausgefallene Züchtungen, die immer nur in kleinen Mengen angeboten wurden, wurden als Luxusgegenstände gehandelt. Die marktwirtschaftliche Konsequenz des geringen Angebots und der starken Nachfrage waren exorbitante Preissteigerungen. Kostete eine Tulpenzwiebel nach der Einführung in Holland nur einen Gulden, so mussten wenige Jahre später schon 1000 Gulden und mehr bezahlt werden.

Spekulationssucht erfasste alle Schichten

Sämtliche soziale Gruppen erlagen dem Spekulationswahn: Reiche und Arme, Kaufleute und Bauern, Schlachter und Maler, Weber und Studenten, Torfgräber und städtische Beamte, Altwarenhändler und Dichter, Matrosen und Witwen, geachtete und weniger geachtete Personen. Für autodidakte Spekulierer gab es Handbücher, die eine Art Einführung in die Grundlagen der Tulpenspekulation anboten. Der Beruf des Tulpen-Notars entstand und das Tulpen-Gesetz legte fest, dass allein die Beschädigung von Tulpenzwiebeln eine Gefängnisstrafe nach sich zog.

Seltene  Tulpenzüchtungen wurden an der Börse in Holland neben den Aktien gehandelt. Und mit Optionsgeschäften zeigten ganz  besonders gewiefte Zocker ihre Kreativität in Geldangelegenheiten: Mit dem Recht, eine bestimmte Sorte zu einem späteren Zeitpunkt zu einem vereinbarten Preis geliefert zu bekommen und zu kaufen, waren Traumrenditen möglich. Der Kapitaleinsatz konnten binnen weniger Wochen dutzendfach multipliziert werden. Denn noch bevor die Tulpe zum Blühen kam, hatte sie bereits mehrfach den Besitzer gewechselt. In Windes Eile verbreiteten sich auch Nachrichten durch die mittels Tulpen erworbenen Reichtümer. So zum Beispiel die Kunde von einem Amsterdamer Bürger, der einen kleinen Tulpengarten besaß und binnen vier Monaten ein Vermögen von 60.000 Gulden verdiente. Ein durchschnittlicher Kaufmann konnte am Ende seines arbeitsamen Lebens von einer Summe dieser Größenordnung lediglich träumen.


Den traurigen Höhepunkt erreichte die Euphorie um die Tulpen im Jahr 1637. Zuvor hatten sich gigantische Höchstpreise für eine einzelne, zugegebenermaßen, seltene Tulpenzwiebel entwickelt. Für die „Semper Augustus“, eine heute ausgestorbene Tulpensorte, wurden bis zu 10.000 Gulden auf den Tisch gelegt; für eine einzelne Zwiebel wohlgemerkt. Zu dieser Zeit verdiente ein Zimmermann in den Niederlanden rund 250 Gulden im Jahr. Für eine Zwiebel der sehr seltenen Sorte Vizekönig, die halb so viel wert war wie die "Semper Augustus", ist belegt, dass ein Spekulant für sie zwei Fuder Weizen, vier Fuder Roggen, vier fette Ochsen, acht fette Schweine, zwölf fette Schafe, zwei Fässchen Wein, vier Tonnen Bier, 1000 Pfund Käse und obendrauf noch einen Silberpokal, ein Bett und einen Anzug bezahlte.

Die holländische Staatsmacht war gezwungen, selbst in das manische Treiben einzugreifen, schließlich bedrohten die uneingeschränkten Spekulationen die Basis der Volkswirtschaft. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang im April 1637 der entscheidende Schlag gegen den Tulpenwahn. Ein drastisches Dekret der Generalstaaten annullierte sämtliche Spekulationsvereinbarungen und bestimmte gleichzeitig fortan einen geltenden Höchstpreis für die Tulpenzwiebeln: 50 Gulden. Nun brachte die "Semper Augustus" plötzlich nur noch den hundertsten Teil ihres Börsenpreises. Für die Spekulanten endete das Spiel fatal: ruinierte Vermögen, zehntausend Menschen ohne Arbeit, Legionen von unbezahlten Krediten, zerbrochene Karrieren, Familien ohne Existenzmittel, Kinder, auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen.

Zu den Opfern der Tulpenhausse gehörte auch ein gewisser Rembrandt Harmenszoon van Rijn, der 1606 geboren wurde und in die Hochblüte der Blase groß wurde. Der Rembrandt, dessen Kunstwerke heute auf Versteigerungen Millionen einbringen, saß auf wertlosen Tulpen-Verträgen und auch seine Malerwerkstatt bekam in den Folgejahren kaum noch Aufträge. Die Niederländer gab ihr Geld für wichtigere Dinge als Gemälde aus. Rembrandt musste in der Folge Konkurs anmelden und nachdem 1657 sein Haus versteigert wurde starb er selber verarmt im Jahr 1669.

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