Als Bayer noch mit Heroin dealte

Eine der gefürchtetsten Drogen wurde um 1900 als Wundermittel gefeiert – und bescherte Pharmafirmen ein dickes Plus auf dem Konto.

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AP (Christof Stache)

Abgemagerte 14-Jährige, die auf den Strich gehen, qualvolle Schmerzen beim Entzug, der "Goldene Schuss" am Bahnhofsklo: 1978 zeichnete Christiane F. im Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ein alptraumhaftes Bild der Droge Heroin, das bis heute in vielen Köpfen verankert ist. Vor diesem Hintergrund klingt es geradezu absurd, dass Heroin einst als harmloser Hustensaft galt, den Ärzte auch an Babys verabreichten.

Namensgeber von Heroin ist Bayer: Das deutsche Pharmaunternehmen brachte Diacetylmorphin 1898 unter diesem geschützten Namen auf den Markt. Entwickelt wurde die Substanz von Werkschemiker Felix Hoffmann, der es nach einem neuen Verfahren aus Morphin herstellte. Mit Hilfe der sogenannten Acetylierung hat Hoffmann übrigens nur 11 Tage zuvor ein Medikament entwickelt, das heute noch in den meisten Haushalten zu finden ist: Aspirin.

Auch Heroin versprach, ein ganz großer Wurf zu werden. Nach nur einem Jahr exportierte Bayer das Medikament in 20 Länder, nach drei Jahren trug es fünf Prozent zum Gewinn bei. Das recherchierte der Berliner Mediziner Michael de Ridder, der in seinem Buch "Heroin - vom Arzneimittel zur Droge" die Entstehungsgeschichte detailliert nachzeichnet.

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Felix Hoffmann: Er entwickelte Heroin und Aspirin –

Anwendung: Von Demenz bis "Nymphomanie"

Ursprünglich gegen Atemwegserkrankungen eingesetzt, galt Heroin bald als Allheilmittel. Ärzte behandelten damit Herz- und Kreislaufkrankheiten, Depressionen und Demenz, "extreme Masturbanten" und "Nymphomanie". Bei Geschlechtskrankheiten verschafften Heroin-getränkte Tampons Linderung. Bergsteiger nutzten Heroin als Doping – und nicht nur die: Auch Rennpferden wurde es verabreicht.

"Das sicherste aller Hustenmittel"

Mit "aggressiven Vermarktungsstrategien" habe Bayer Heroin an Mann, Frau und Kind gebracht, so de Ridder. Als ein Wissenschaftler 1899 die "Giftigkeit" des Arzneimittels kritisierte und der Absatz zurückging, fuhr man schwere Geschütze auf. Bayer-Prokurist Carl Duisberg sagte, man müsse die "Gegner mundtot schlagen". Meist war das gar nicht notwendig: Ein Großteil der Ärzteschaft feierte Heroin ohnehin als neues Wundermittel. "Das sicherste aller Hustenmittel" sei es, es entfalte eine "zauberhafte Wirkung", zeigten sich deutsche Ärzte von Heroin beeindruckt.

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Schon nach wenigen Jahren war Bayer nicht mehr Monopolist, immer mehr Pharmafirmen wollten im Geschäft mitmischen. Zum wichtigsten Herstellerland mauserte sich die Schweiz, allein 1926 produzierte sie 4,5 Tonnen Heroin - mehr als 60 Prozent des Weltexportvolumens.

USA kämpften gegen "Heroinseuche"

Missbraucht wurde Heroin in den Anfangsjahren kaum. Die ersten Heroinsüchtigen gab es in den USA: Nachdem Opium-Rauchen und Kokain illegal und damit extrem teuer wurden, entdeckten die Jugendgangs von New York und Philadelphia Heroin.

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Laut einer Studie snieften um 1915 drei Viertel der jugendlichen Drogenkonsumenten in New York Heroin. De Ridder zufolge blieb die tatsächliche Bedrohung durch die "Heroinseuche" aber weit hinter der politischen Debatte zurück. Die US-Politiker machten zunehmend gegen die Erfindung des damaligen Kriegsgegners Deutschland mobil und verboten 1924 die Herstellung.

Warum Heroin als harmlos galt

Heroin gab es als Pulver, Zäpfchen, Tabletten oder Sirup. Auf die Idee, die Arznei zu sniefen, zu rauchen oder gar hoch dosiert zu spritzen, kam den Patienten erst viel später. Heroin-Sucht war in Europa auch noch 20 Jahre nach der Einführung ein Fremdwort.

Dass die Konsumenten nicht abhängig wurden, lag an der oralen Einnahme und an den geringen Mengen, die selten fünf Milligramm überstiegen. Heute spritzt sich ein Heroinsüchtiger eine Dosis, die bis zu 40 Mal so hoch ist.
Auch international wurde der Heroin-Handel an immer strengere Bedingungen geknüpft, bei der Genfer Opiumkonferenz von 1931 die Produktion massiv eingeschränkt. Dennoch blühte der Handel: De Ridder recherchierte, dass Pharmafirmen, etwa das Schweizer Unternehmen Roche, den Schwarzmarkt jahrelang mit Tonnen von Heroin schwemmten. Erst um 1940 entstand eine unabhängige illegale Drogenindustrie.

Heute nur noch in wenigen Ländern legal

Zu dieser Zeit gab Bayer die Heroinproduktion auf, andere Phramafirmen taten es den Deutschen gleich. Heute werden jährlich nur noch wenige hundert Kilogramm für Medizin und Wissenschaft produziert. In einigen Ländern erhalten Drogensüchtige Heroin im Rahmen einer Therapie, als Schmerzmittel wird es nur in den USA und Großbritannien verschrieben.

Für Mediziner de Ridder ist ein Verbot der falsche Weg. Schließlich sei Heroin nach wie vor eines der effektivsten Schmerzmittel und weder krebserregend noch organschädigend.

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