Kredit oder Untergang: Als Österreich vor der Pleite stand

Das Ende Österreichs schien nahe: 1922 musste das Land von der internationalen Staatengemeinschaft des Völkerbundes gerettet werden.

Kredit oder Untergang oesterreich
Kredit oder Untergang oesterreich
(c) APA (Roland Schlager)

1922 rutschte die junge Republik Österreich erstmals in eine schwere Finanzkrise - sie stand vor der Pleite. Ähnlich wie Griechenland heute musste das Land seine finanzielle Gebarung unter Aufsicht stellen lassen und damit jegliche finanzpolitische Souveränität aufgeben. Was heute IWF und EU sind, war damals der Völkerbund. "Kredit oder Untergang" titelte in diesem Zusammenhang die "Neue Freie Presse" am 6. Oktober 1922.

"Österreich will leben. In der Wirrnis der widersprechenden Empfindungen, die jeden ergreifen müssen, der die Protokolle des Völkerbundes liest, ist diese Erwägung die einzig bleibende", hieß es im ersten Absatz des Artikels. "Österreich will leben, und mag es auch durch das kaudinische (in der Schlacht an den Kaudinischen Pässen erlitten die Römer 321 v. Chr. eine demütigende Niederlage gegen die Samniten, Anm.) Joch schreiten müssen, mögen wir auch mit knirschenden Zähnen den Verlust unserer Selbständigkeit betrauern, wir müssen hindurch und wir kommen hindurch, wenn ein ehrlicher Wille vorhanden ist. Es ist nicht mehr die Zeit für Wehleidigkeit und die Periode ist endgültig vorüber, wo man Rücksichten hatte auf Zartgefühl und wo Konflikte heroisch zugespitzt wurden auf Sein oder Richtigsein, auf Leben oder Sterben".

Der Text schloss mit den folgenden Sätzen: "Wir wissen, dass wir vor dem elendesten Untergang stünden, wenn wir ohne äußere Hilfe uns selber überlassen blieben. Nicht diese oder jene Form des Kredits steht in Frage. Kredit oder Untergang, das ist leider die einzige Alternative."

"Das Ende Österreichs schien nahe"

Als der Christlichsoziale Ignaz Seipel am 31. Mai 1922 als Regierungschef das Ruder übernahm, fand er eine katastrophale Lage vor. Eine Hyperinflation hatte das Land erfasst. Vor dem Ersten Weltkrieg kostete in Wien ein Laib Brot 46 Heller, im September 1922 waren es 5700 Kronen. Auch ein Straßenbahnfahrschein kostete statt ein paar Heller plötzlich 4400 Kronen. Die Auszahlung der Löhne erfolgte unter heute kaum mehr vorstellbaren Umständen: Die Buchhalter großer Firmen rückten mit Rucksäcken und extra angeforderten Trägern zu den Banken aus, um das Papiergeld in die Firmen zu schleppen.

"Die Krone sank auf den 15.000sten Teil ihres Goldwertes, ein völliger Zusammenbruch stand bevor, das Ende Österreichs schien nahe", schrieben dazu Walter Goldinger und Dieter Binder in ihrem Buch "Geschichte der Republik Österreich: 1918-1938".

Das Ausland verhinderte die Selbsthilfe

Die Anglo- und die Länderbank - in britischer bzw. französischer Hand - erhoben Einspruch gegen die Finanzpolitik der Regierung Seipel. Sie verweigerten jenen Beitrag, mit dem eine österreichische Notenbank errichtet werden sollte. "Das Ausland verhinderte die Selbsthilfe, zu der sich Österreich entschlossen hatte", heißt es bei Goldinger/Binder weiter. Vor allem Großbritannien war von der Lebensunfähigkeit Österreichs überzeugt. Ausländische Bankiers, die noch ein Jahr zuvor bereit waren, eine Anleihe zu bewilligen, erklärten nun, "dass ihnen dies jetzt unmöglich sei, da große Zweifel an der Möglichkeit des weiteren Bestehens des österreichischen Staates bestünden". Ohne Anleihen konnte Österreich aber keine Reformen umsetzen.

Kanzler Seipel wies die Siegermächte Großbritannien, Frankreich und Italien auf den Ernst der Lage hin und erbat ein dringendes Darlehen in Höhe von 15 Millionen Pfund Sterling: "Wenn gegen alle Erwartungen sich auch diese letzte Hoffnung als trügerisch erweisen sollte, so muss die österreichische Regierung in dem Bewusstsein, dass sie alle in ihrer Macht stehenden Mittel erschöpft hat, das österreichische Parlament zu einer außerordentlichen Tagung einberufen und in Übereinstimmung mit ihm erklären, dass weder die gegenwärtige Regierung noch irgendeine andere in der Lage ist, die Verwaltung des Staates weiter zu führen."

Seipel arbeitete am Stimmungsumschwung

Der Oberste Rat der Entente zeigte sich wenig beeindruckt. Dessen Ansicht: Es sei so gut wie sinnlos, Österreich immer wieder neue finanzielle Hilfen zu bewilligen, wie Hugo Portisch bereits in seinem Standardwerk "Österreich I. Die unterschätzte Republik" schrieb.

Viele Kritiker fürchteten um den vollständigen Verlust der staatlichen Selbständigkeit Österreichs und beharrten auf den Anschluss an den großen Nachbarn Deutschland. Doch Seipel blieb hartnäckig. In persönlichen Gesprächen machte er den europäischen Staatsmännern klar, dass Österreich ohne Hilfe nicht mehr anders könne, als irgendeine Art von Anschluss zu finden. Als er im September zum Völkerbund nach Genf pilgerte, hatte er die Stimmung umgekehrt. Österreich müsse geholfen werden, sonst drohe in Mitteleuropa ein Chaos.

Die Genfer Protokolle: Harte Bedingungen

Am 4. Oktober kam es schließlich zur Unterzeichnung der "Genfer Protokolle". Die österreichische Republik musste harte Konditionen hinnehmen. Die Verzinsung lag mit neun bis zehn Prozent weit über den damals üblichen Sätzen. Ein Drittel der Beamten (rund 84.000 Betroffene) musste entlassen werden. Das Geld wurde auch nicht einfach ausbezahlt, sondern nur in kleinen Raten freigegeben.

Der Völkerbund setzte einen "Generalkommissar", den Holländer Alfred Zimmermann, ein. Er überwachte, ob die Sparmaßnahmen, zu denen sich Österreich verpflichten musste, eingehalten wurden. Die finanzpolitische Souveränität wurde damit faktisch aufgegeben.

Die Völkerbundanleihe

Österreich erhielt vom Völkerbund eine garantierte Anleihe in Höhe von 650 Millionen Kronen. Die Laufzeit betrug 20 Jahre. Von 1923 bis 1938 wurden alle fälligen Zinsen und Raten pünktlich entrichtet. Nach dem "Anschluss" an das Deutsche Reich wurden die Zahlungen eingestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden bei einer Konferenz der Gläubigerstaaten die noch offenen Zahlungen Österreichs für die Völkerbundanleihen eingefordert und bis 1980 beglichen.

"Das ist eine Spottgeburt"

Vor allem die Sozialdemokraten sahen jene sozialen Errungenschaften, die gerade erst erkämpft worden waren, bedroht. Die "Arbeiter-Zeitung" titelte am 7. Oktober mit "Der Hochverrat des Prälaten". "Ein zivilisierter europäischer Staat ist noch nie in solchen Formen geknechtet worden", hieß es in dem Artikel. Am 30. Oktober wetterte die Zeitung "Gegen Seipels Sklavenvertrag". Als die Regierung den Finanzplan im Parlament einbrachte, rief der Sozialdemokrat Robert Danneberg: "Was da vorliegt, Hohes Haus, das ist kein Finanzplan, das ist eine Spottgeburt, bei der das Feuer fehlt". Die Sozialdemokraten stimmten gegen die Regierungsvorlage.

Doch um die Völkerbundanleihe in Anspruch nehmen zu können, benötigte die Regierung eine Zweidrittel-Mehrheit. Um ihr Gesicht nicht zu verlieren, stimmten die Sozialdemokraten daher einer Verfassungsänderung zu, die es ermöglichte, einen "Außerordentlichen Kabinettsrat" zu bilden. Dieser konnte der Regierung die benötigten Vollmachten übetragen. Der Trick: In dem Ausschuss wurde mit einfacher Mehrheit abgestimmt. Der Weg zur Völkerbundanleihe war frei.

Rettungsschirme: Ein zweischneidiges Schwert

Zimmermann, der Generalkommissar des Völkerbundes, hatte nur den Staatshaushalt im Blick. Von der Gesamtwirtschaft verstand er wenig. Das ausgeglichene Budget war ihm wichtiger als Wirtschaftswachstum und Produktivität. Von seiner Stimme hing allerdings alles ab - ohne sein Ja floss kein Geld. Als Folge war zwar die österreichische Währung binnen weniger Monate stabilisiert, auch das Budget nach zwei Jahren ausgeglichen - doch Betriebe sperrten massenhaft zu und die Arbeitslosigkeit war nicht in den Griff zu bekommen. 1932 musste der Völkerbund daher einen zweiten Rettungsschirm aufspannen. Dennoch kam es 1934 zum Bürgerkrieg.

Hugo Portisch leitet in seinem aktuellen Bestseller "Was jetzt" daher folgendes aus den Erfahrungen der Vergangenheit ab: "Rettungsschirme nach der Art Merkel-Sarkozy können bei Einhaltung der mit ihnen verbundenen strengen Auflagen offenbar Staatspleiten verhindern, aber auch die Zivilgesellschaft gefährden".

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