Nauru: Vom Wirtschaftswunder zum Schurkenstaat

Der tiefe Fall der einst reichen Insel Nauru - der kleinsten Republik der Welt - war eine der größten wirtschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Nauru Wirtschaftswunder Schurkenstaat
Nauru Wirtschaftswunder Schurkenstaat
(c) EPA (Torsten Blackwood)

"Jahrtausendelang war Nauru eine Zwischenstation für Zugvögel. Der Ruf des Landes beruht auf dem 'bird shit' (Vogelscheiße), wie die Nauruer ihn nennen", schreibt Luc Folliet in seinem Buch "Nauru: Die verwüstete Insel" über das unscheinbare und gerade einmal 21 Quadratkilometer große Eiland im Pazifischen Ozean. Doch in den 1970er Jahren stieg die Insel angesichts der weltweiten Ölkrise und aufgrund seines Phosphatvorkommens zum zweitreichsten Land der Welt (nach Saudi-Arabien) auf. Das Bruttoinlandsprodukt betrug damals um die 20.000 Dollar pro Kopf. Doch wie so oft folgte auch in Nauru auf den jähen Aufstieg der tiefe Fall.

Es begann alles im Jahr 1899, als die britische Pacific Island Company mit Sitz im australischen Sydney zufällig entdeckt, dass die Insel einen heiß begehrten Rohstoff besitzt: Phosphat. Die australische Landwirtschaft, nicht gerade gesegnet von ertragreichen Böden, braucht dringend Dünger. Und Phosphat ist nun einmal ein wichtiger Bestandteil von Düngemitteln. Da sich Nauru aber unter deutschem Protektorat befindet, muss die mittlerweile in Pacific Phosphate Company umbenannte Firma mit den Deutschen verhandeln, ehe 1907 der Phosphatabbau beginnt.

Chinesische Einwanderer als Arbeitskräfte

Vorerst profitieren alle. "Die Briten kontrollierten den Abbau, während die Deutschen Dividenden kassierten". Aber auch den Nauruern geht es nicht schlecht. "Sie verdienen zwar fast nichts an den Phosphatverkäufen, aber sie können ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen und müssen sich nicht um den Betrieb der Mine kümmern. Im Tagebau stellen chinesische Einwanderer den Großteil der Arbeitskräfte", schreibt Folliet.

Nauru zwischen 1918 und 1945

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wird die Insel schließlich unter das Mandat des Britischen Empire unterstellt und von Australien verwaltet. Aufgrund des "Nauru Island Agreement" kann auch Neuseeland am Phosphat-Kuchen mitnaschen. Im August 1942 fällt Nauru an Japan, drei Jahre später unterzeichnen die Japaner auf der Insel ihre Kapitulation. Nauru gerät wieder unter australische Aufsicht.

 

Planen für die Zeit nach dem Phosphat

1968 gelingt der Insel - gegen den massiven Widerstand Australiens - der Schritt in die Unabhängigkeit. Nauru ist ab sofort die kleinste Republik der Welt. Die Einkünfte aus der Phosphat-Industrie, die verstaatlicht wurde, fließen nun direkt in die Taschen der rund 4000 Insel-Bewohner.

Präsident "Hammer" Deroburt erweist sich also durchaus vorausschauend. Denn Experten haben ihm gesagt, dass sich die Phosphat-Vorkommen in den 1990er Jahren erschöpft haben werden. Es bleiben also 30 Jahre, um Geld in Investitionen zu stecken, die sich langfristig rentieren. Der Staatsfonds "Nauru Phosphate Royalties Trust" investiert massiv in Immobilien und Hotel-Projekte im Ausland - vor allem in Australien - aber auch in lokale Projekte.

(c) Wagenbach

"Nauruer müssen nicht mehr arbeiten"

Die Arbeitsteilung ist klar. Viele Bewohner umliegender Inseln wie Tuvalu und Kiribati, die sogenannten "Islanders", ziehen nach Nauru. Sie steuern die Bagger, die nach Phosphat graben. Die Chinesen betreiben indes Restaurants und Lebensmittelgeschäfte auf der Insel. Und die Nauruer? Für sie sind es paradiesische Zeiten. Sie "müssen eigentlich nicht mehr arbeiten, und schon gar nicht in der Mine. Wenn sie arbeiten, dann für die Regierung, in einem der zahllosen Büros oder irgendeinem Ministerium", schreibt Folliet. In weniger als zehn Jahren werden aus den größten Landbesitzern Millionäre, die nur von ihren Bodenschätzen leben.

Auch sonst lebt es sich wie im Schlaraffenland. Die Regierung kauft im australischen Melbourne sogar ein eigenes Villenviertel, um die Familien von Langzeit-Kranken unterzubringen. Strom und personenbezogene Dienstleistungen kosten nichts. Studiert wird im Ausland. Und die Regierung bezahlt sogar Putzfrauen - niemand muss mehr seine Toilette selbst reinigen. "Die Nauruer leben vor allem für ihre Hobbys", schreibt Folliet. "Sie sind Privatiers und verhalten sich auch so: müßig und verschwenderisch".

Die 1990er bringen ein jähes Erwachen

Die Kehrseite: Die Verwaltung der Anlagen der Staatsgelder bleibt stets undurchsichtig, finanziellen Beratern begegnet man im besten Fall unbedarft. Finanzhaie profitieren davon, Gelder verschwinden. Die Inselbewohner aber leben über ihre Verhältnisse - sie konsumieren. Doch bereits Ende der 1970er Jahre fällt der Phosphat-Kurs, die Abbau-Menge beginnt von Jahr zu Jahr zu sinken. Die Fluggesellschaft Air Nauru verschlingt allein rund die Hälfte der jährlichen Einnahmen des Staats und fliegt über die Jahre an die 600 Millionen Dollar Verlust ein. Die Auslastung ist mit weniger als 20 Prozent nicht rentabel. Die Fassade des wirtschaftlichen Wunderlands bröckelt erstmals.

Als die Geldverschwendung mit einem in London floppenden Musical ihren Höhepunkt erreicht, kommt es erstmals in Nauru zu Protesten. Die Regierung versucht einen Befreiungsschlag und schüttet erneut Geld an die nauruischen Bürger aus. An der Lage ändert sich nichts. Die 1990er Jahre sind für die Inselbewohner dann eine Zeit des jähen Erwachens aus einem Traum. Die Spuren des Raubbaus sind unübersehbar: 80 Prozent der Inseloberfläche sind zu diesem Zeitpunkt abgetragen. Was folgt, kennt man aus anderen Krisen. Der Staat nimmt Kredite auf.

Vom Wirtschaftswunder zum Schurkenstaat

Viele Bewohner sind sich einig: "René hat Nauru den Todesstoß versetzt". Gemeint ist René Harris, der 1999 erstmals Präsident Naurus wird. Obwohl kaum mehr Phosphat gefördert wird, regiert er "wie in den goldenen Zeiten, als die Staatskasse vor Scheinen überquoll". 2004 wird er mit einem Misstrauensantrag abgesetzt, aber da ist die Katastrophe bereits geschehen. Die Insel gerät als Steueroase in Verruf und Pässe können um 15.000 Dollar pro Stück gekauft werden. So werden auch zwei al-Qaida nahestehende Terroristen mit Pässen aus Nauru verhaftet, weshalb US-Außenminister Colin Powell den Inselstaat sogar zu den "Schurkenstaaten" zählt. "Pässe auf Bestellung und nachsichtig verteilte Lizenzen - Nauru betrügt, um zu überleben", fasst es Folliet zusammen.

Die Bank auf Nauru schlittert in die Pleite - an einem einzigen Tag verlieren hunderte Nauruer Ende der 1990er Jahre ihr gesamtes Vermögen. Kredite können nicht mehr zurückgezahlt werden. Die Lage wird immer verzweifelter. 2004 muss Nauru seinen gesamten Besitz in Australien um 140 Millionen Dollar veräußern. Die Staatskasse ist leer, das Land hoch verschuldet. Und für finanzielle Hilfe tut René Harris alles: Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs werden illegale Einwanderer, die Australien loswerden will, im Tausch gegen Geld aufgenommen. Zwei Auffanglager für Asylwerber werden eröffnet. Australien spricht von der "pazifischen Lösung" und lagert sein Problem aus, während Nauru 30 Millionen Dollar in die chronisch leere Staatskasse gespült werden. "Ohne Flüchtlinge würde Nauru nicht mehr existieren", rechtfertigt sich Harris bis zum heutigen Tage.

Die Geißel Naurus: Diabetes

Auch im Jahr 2012 leidet Nauru unter den Folgen des kurzzeitigen Reichtums. Am auffälligsten sichtbar wird das angesichts der vielen Fettleibigen. Denn die weit verbreitete Trägheit hatte für viele Inselbewohner massive gesundheitliche Folgen. Laut WHO sind 75 Prozent aller Erwachsenen übergewichtig. Jede Woche gibt es zwei bis drei Beerdigungen - bei rund 9000 Einwohnern. Der Grund: Diabetes. Die Diabetesrate liegt bei über 40 Prozent - Nauru ist folglich das Land der Welt mit den dicksten Bewohnern, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb. Die Lebenserwartung der Menschen liegt bei unter 50 Jahren. Ausgerechnet die zurückgekehrte Armut könnte die Menschen aber nun retten, da sie sich wieder auf ihre traditionelle Ernährung besinnen.

Anfang des 21. Jahrhunderts fiel Nauru also in den Status eines Entwicklungslandes zurück. Und eines steht fest: Nauru mag zwar als warnendes Beispiel dienen, wird aber nicht das letzte Land gewesen sein, dem dieses Schicksal zu teil wurde. Wer nach Dubai schaut, wird die Parallelen erkennen: Geld und Gigantismus führen dort zu Überfluss und Müßiggang. Auch die Diabetesrate steigt. Dass das Öl dort ausgeht, steht fest. Ob die Lehren aus dem Beispiel Nauru gezogen wurden, wird sich zeigen.

Literaturtipp: Luc Folliet: Nauru, die verwüstete Insel

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