Schwacher Euro, starkes Europa?

Sollen sich Deutsche und Österreicher mit einem schwachen Euro anfreunden oder sogar danach verlangen? Einige bekannte Ökonomen sind dieser Meinung.

Schwacher Euro starkes Europa
Schwacher Euro starkes Europa
(c) EPA (OLIVER BERG)

Wien/Red. In Deutschland, Österreich und dem Rest des „Hartwährungsklubs“ in Europa war die Sache eigentlich immer klar: starke Währung, starke Wirtschaft, starkes Land. Die legendäre Stärke der D-Mark und die Unantastbarkeit der Deutschen Bundesbank waren unverzichtbare Voraussetzungen für das Wirtschaftswunder. Der Schilling trug den Spitznamen „Alpendollar“ und jeder deutsche Finanzminister der letzten 20 Jahre versprach seinen Bürgern, dass der Euro irgendwann so stark werde wie die D-Mark. Deutschland hätte den Euro wahrscheinlich nie akzeptiert, wenn die EZB nicht genauso streng auf die Geldwertstabilität ausgerichtet worden wäre, wie es die Bundesbank war.

Aber die Zeiten ändern sich. Die Welt steckt in einer Wirtschaftskrise, Europa in einer Schuldenkrise und Griechenland, Spanien, Italien und Portugal zusätzlich in einer Wettbewerbsfähigkeitskrise. Was tun? Mehrere bekannte Ökonomen sprechen sich in der „Welt am Sonntag“ für einen weichen Eurokurs aus. Also für den Abschied vom Dogma „harter Euro“ und die Inkaufnahme weiterer Kursverfälle beim Euro. Dieser steht historisch betrachtet derzeit trotz Krise relativ stark da: Kurz nach seiner Einführung sackte der Euro auf 85 US-Dollar-Cent ab. In den folgenden Jahren kletterte er allerdings zeitweise auf fast 1,60 US-Dollar.

„Europa und Deutschland würde es besser gehen, wenn der Außenwert des Euro niedriger wäre“, so Paul De Grauwe, Professor für Internationale Wirtschaft im belgischen Leuven, zur „WaS“. Der Wunsch der Deutschen nach einer teuren Währung sei „rein emotional“ und habe nichts mit „rationaler Analyse“ zu tun, so De Grauwe. Die Überlegung: Schuldengeplagte Südländer haben vor allem unter ihrer fehlenden Wettbewerbsfähigkeit zu leiden. In Griechenland und Co. sind die Löhne seit der Euro-Einführung stärker gestiegen als in Deutschland oder Österreich. Im traditionell inflationsgeplagten Süden sind die Gewerkschaften gewöhnt, für nördliche Verhältnisse exorbitant hohe Lohnforderungen zu stellen.

 

Washington kennt die Idee schon

Der Vorschlag von De Grauwe und anderen entspricht also der Übertragung südländischer Geldpolitik auf ganz Europa – nachdem die deutsche Stabilitätspolitik gescheitert scheint. Selbst der als „Falke“ bekannte Ex-EZB-Chefvolkswirt Ottmar Issing meint: „Man könnte sogar sagen: Euroland ist in der Rezession, und ein leichtes Absinken des Wechselkurses hilft Exporten, wirkt wie ein Konjunkturprogramm.“

Die deutsche Exportindustrie schwärmt geradezu von einem schwachen Euro. „Die Exporte in den Dollarraum werden durch den niedrigen Eurokurs kräftig befeuert“, sagt Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel: „Nicht von ungefähr sind die deutschen Exporte in die USA jüngst um über 20 Prozent gestiegen.“ Und der UniCredit-Ökonom Andreas Rees meint sogar, dass ein schwächerer Euro allen Euroländern nützen würde: „Den Krisenkandidaten ebenso wie Deutschland.“ Tatsächlich kann eine Weichwährungspolitik auch massive Probleme mit sich bringen. So würden sich durch einen Verfall des Eurokurses die Preise für Importgüter vom iPhone bis zu Autos erhöhen. Und auch die viel gerühmte deutsche Exportindustrie ist bei vielen Rohstoffen auf Importe angewiesen.

Die meisten Rohstoffe (allen voran Öl) werden nämlich in US-Dollar gehandelt. Sollte dessen Wert gegenüber dem Euro steigen, steigt auch der Ölpreis in Euro und irgendwann auch der Benzinpreis an der Tankstelle. Dazu kommt die Frage, ob die Eurozone überhaupt in der Lage ist, aus dem Euro eine relative Weichwährung zu machen.

Die USA haben die „Vorteile“ einer weichen Währung schon vor Jahren erkannt und fluten den Planeten seit vier Jahren mit Billionen an US-Dollars. Eine Strategie, die sie im Fall eines stark fallenden Eurokurses wohl verschärfen würden. Die Tage der „Politik des starken Dollar“ sind nämlich endgültig vorbei.

Auf einen Blick

Der Euro kann sich im Vergleich zum Dollar eigentlich durchaus sehen lassen: Kurz nach der Einführung der Gemeinschaftswährung fiel sie auf 85 US-Cent – nur um dann auf bis zu 1,60 Dollar anzusteigen. Bei 1,20 Dollar ist der Euro noch keine Weichwährung, ein Umstand, der einige bekannte Ökonomen stört. Sie fordern eine explizite Weichwährungspolitik. Umstritten ist allerdings, ob das wirklich Vorteile brächte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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