Dürre sei Dank: Bauerntochter besiegt Wall-Street-Riesen

Renée Haugerud machte mit der Rekordhitze die Wette ihres Lebens. In der Welt der auf Rohstoffe spezialisierten Hedgefonds ist sie eine Ausnahme.

(c) AP (SVEN KAESTNER)

Bloomberg. Drei qualvolle Wochen im Mai befürchtete Renée Haugerud, die Gründerin des New Yorker Hedgefonds Galtere Ltd., dass sie mit ihren Wetten auf Mais einen schrecklichen Fehler gemacht haben könnte. Im März hatte sie mit dem Kauf von Terminkontrakten für 5,59 Dollar je Bushel (35,2 Liter) begonnen, da sie fest mit steigenden Preisen gerechnet hatte. Die Nachfrage nach Viehfutter und die Ethanolproduktion sah sie immer weiter steigen.

Stattdessen brachen die Preise innerhalb eines Monats um zwölf Prozent ein, nachdem das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) am 10. Mai erklärt hatte, dass Mais im Rekordvolumen angepflanzt worden und entsprechend mit einer Riesenernte zu rechnen sei. Andere Hedgefonds bekamen kalte Füße und zogen sich zurück.

Haugerud, die 57-jährige Tochter eines Teilzeitfarmers, blieb jedoch standhaft und machte sich stattdessen mit ihrem Team an die Arbeit. Sie prüften frühere Maisrenditen, durchforsteten Zahlen von Ethanolproduktion und Export, um zu sehen, ob ihre Annahme, dass es eine starke Nachfrage nach einer potenziell durchschnittlichen Ernte geben werde, richtig war.

Unterstützung kam im April von der US-Umweltbehörde, die das Limit für Ethanol in Benzin für Fahrzeuge mit einem Baujahr ab 2011 von zehn auf 15 Prozent hinaufsetzte. Die USDA-Schätzung des Angebots hielt Haugerud für zu optimistisch. Wenn die Farmer tatsächlich so viel Mais anpflanzten wie seit 1937 nicht mehr, hieß das gemäß ihrer Erfahrung, dass sie nun auch weniger geeignetes Land nutzten, bei dem mit geringeren Erträgen zu rechnen sei. „Unsere Nachforschungen brachten das Ergebnis, dass es bestenfalls eine Durchschnittsernte geben dürfte“, sagt sie im Interview mit „Bloomberg News“. „Auf dem Markt wurde jedoch Perfektion eingepreist.“

 

Zur richtigen Zeit verkauft

Um absolut sicherzugehen, flog sie zur Forschungsfarm der Firma nach Minnesota. Und als sie sich eine Handvoll Erde durch die Finger rieseln ließ, wuchs ihr Vertrauen, dass ihre Maiswette richtig war. Die Erde war trocken, die Maisstängel gingen ihr kaum bis zum Knie. Einige waren keine 15 Zentimeter hoch.

Einer ihrer Analysten erfuhr auf Reisen durch die Bundesstaaten Iowa, Illinois und Indiana, dass sich viele Farmer über die Hitze beschwerten, was für eine mögliche Dürre sprach. Ihre Erfahrung als Farmerstochter und ihre Nachforschungen machten sich bezahlt: Von den 50 US-Staaten erlebten 32 heuer die schlimmste Dürre seit 1956. Der seit 117 Jahren bestehende US-Hitzerekord wurde durchbrochen. Am 30. Juli erreichten die Mais-Terminkontrakte 8,1775 Dollar je Bushel und lagen damit 2,5 Dollar über dem Märzpreis. Haugerud verkaufte an diesem Tag ihre gesamten Kontrakte.

In der Welt der auf Rohstoffe spezialisierten Hedgefonds ist sie eine Ausnahme. Eine Frau aus dem Mittleren Westen mit einem 600 Mio. Dollar schweren Hedgefonds, der viele der Großen an der Wall Street schlägt. Nur drei Prozent der zwei Billionen Dollar in Hedgefonds werden von Frauen verwaltet. Im Jahr ihres Durchbruchs, 2002, schnellte Haugeruds Hedgefonds Galtere 61 Prozent nach oben, seit seiner Gründung 1999 kommt der Hedgefonds nach eigenen Angaben auf ein durchschnittliches Jahresplus von elf Prozent. In diesem Jahr bis Ende August hat Galtere 9,3 Prozent zugelegt.

Mittlerweile ist auch die USDA vorsichtiger geworden: Ihre Septemberprognose lautet, dass die Ernte 10,7 Milliarden Bushel betragen dürfte, das wäre der schlechteste Ertrag in sechs Jahren. „Die zweite Jahreshälfte 2012 wird fantastisch”, sagt Haugerud, die noch Optionen hält, um von steigenden Maispreisen zu profitieren. „Alle fünf bis zehn Jahre hatte ich ein richtiges Ausnahmejahr und das letzte war 2002. Da klopfe ich lieber auf Holz.“

Auf einen Blick

Renée Haugerud gründete den New Yorker Hedgefonds Galtere Ltd. Im März kaufte sie Terminkontrakte für Mais, da sie mit steigenden Preisen rechnete. Dann brachen die Preise ein, andere Hedgefonds zogen sich zurück. Die 57-jährige Farmerstochter behielt ihre Kontrakte. Schließlich verkaufte sie mit 2,5 Dollar Gewinn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

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