Rekordtief: 100 Euro für nur 2,26 Gramm Gold

30.09.2012 | 18:27 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Gold ist nicht "zu teuer" - es entwickelt sich lediglich zunehmend zum Maßstab für alle anderen Werte und Währungen. Und der Euro fiel zuletzt auf ein neues Rekordtief. Eine Analyse.

Wien. Eigentlich hätten die Zeitungen es von den Titelseiten brüllen müssen: „Euro fällt auf neues Allzeittief gegenüber Gold!“ Aber stattdessen fanden sich die entsprechenden Meldungen auf den Seiten für Finanz-Geeks wieder und vermeldeten bloß, dass der Preis für eine Unze Gold auf das Rekordhoch von 1380 Euro gestiegen ist. Dass der „Preis“ für 100 Euro gleichzeitig auf das Rekordtief von 2,26 Gramm Gold gefallen ist, verschwiegen die Meldungen. Warum bloß?

 

Gold ist kein Rohstoff

Die Antwort führt uns zu einem großen Missverständnis, das vielen Menschen (vor allem in Europa und Amerika – dem sogenannten „Westen“) den korrekten Blick auf das glänzende Metall verstellt: „Gold ist ein Rohstoff“, lautet dieses Missverständnis. Sein Ursprung ist verständlich. Alle Metalle sind auch Rohstoffe – Materialien, die für verschiedenste Produkte weiterverarbeitet werden. Allein Silber hat rund 10.000 verschiedene Einsatzbereiche. Zehntausend!

Und Gold? Gold wird in der Industrie kaum gebraucht und – wenn überhaupt – zu Schmuck verarbeitet. Fast alles je in der Geschichte geförderte Gold ist deswegen noch vorhanden und nicht auf Müllhalden verschwunden – wie etwa viel Silber. Auf rund 160.000 Tonnen Gold belaufen sich die offiziellen Schätzungen. Als Rohstoff sieht Gold also gar nicht glänzend aus. Warum der Preis trotzdem steigt? Weil beim Gold die vermeintliche Schwäche zur Stärke wird: Gold ist Geld – gerade weil es in der Industrie nicht verbraucht wird, weil es unzerstörbar ist, leicht teilbar und wiedererkennbar. Klar, die Rolle des Goldes hat sich gewandelt. Niemand kann sich vorstellen, heute seinen Supermarkteinkauf mit Golddukaten zu bezahlen. In einer Welt mit sieben Milliarden Menschen, Kreditkarten und Internet wäre ein solches Goldgeldsystem auch kaum möglich – oder nötig.

Stattdessen entwickelt sich Gold immer mehr zum Maßstab für alle anderen Werte und Währungen. Der damalige Weltbank-Chef Robert Zoellick wies schon 2010 in einer weitverbreiteten Rede auf die neue Rolle des Goldes als „internationalen Referenzpunkt für Markterwartungen über Inflation, Deflation und zukünftige Währungsentwicklungen“ hin.

Heißt: Gold übernimmt wieder seine Funktion als „gutes Geld“, das die „schlechten Gelder“ aus Papier (also Euro, Dollar etc.) in die Schranken weist. Während das Thema vor zwei Jahren noch ein Randgruppenprogramm war, nimmt jetzt auch die Deutsche Bank in einer neuen Analyse diese Unterscheidung zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Geld vor und schreibt: „Wir sehen Gold besonders aus einem Grund als offiziell akzeptiertes Geld: Die meisten großen Zentralbanken der Welt halten es als einen Teil ihrer Reserven.“

 

Millionen kleine Zentralbanken

Soll heißen: Auch die Hersteller des „schlechten“ Geldes, dessen Kaufkraft durch Inflation sukzessive erodiert wird, halten das „gute“ Gold als ultimative Reserve. In der Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) steht das Gold nicht ohne Grund in der ersten Zeile der Aktiva. Seit mittlerweile drei Jahren verkaufen die Zentralbanken auch kein Gold mehr – sondern kaufen zu.

Und die Menschen? In Asien und dem arabischen Raum war es schon immer üblich, physisches Gold als persönliche Reserve zu halten – ohne sich über den „Goldpreis“ allzu viele Gedanken zu machen. Die Überlegung war immer: Papierwährungen kommen und gehen, Gold bleibt. Asiaten und Araber, die es sich leisten können, verhalten sich im Grunde genau wie Millionen winzig kleine Zentralbanken.

Die „Westler“ müssen den Unterschied zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Geld jetzt wieder mühsam erlernen – und haben erst in der Krise angefangen, ihre Beziehung zum Gold wieder zu vertiefen. Ausgerechnet die Zentralbanken helfen eifrig bei diesem Lernprozess mit, indem sie durch ihre Gelddruckprogramme das Vertrauen in Papiergeld untergraben und den Goldpreis auf immer neue Höhen schicken. Beziehungsweise Euro und Dollar in immer neue Tiefen – alles eine Frage der Perspektive.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2012)

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