Ressourcen: Die geopolitische Energierevolution

Schieferöl und Schiefergas verändern das Machtgefüge in der Welt - zugunsten der USA, zulasten Saudiarabiens und Russlands.

(c) AP (MATT SLOCUM)

Im Hauptquartier der Nato zerbrechen sich Vordenker über alle möglichen Horrorszenarien den Kopf: über Cyber-Attacken, den Aufstieg Chinas, den Bürgerkrieg in Syrien, einen israelischen Luftangriff auf den Iran oder auch die Auswirkungen der Schuldenkrisen in Europa und den USA.

Doch radikal umfärben dürfte den geopolitischen Atlas eine ganz andere, bisher unbemerkte Entwicklung, wie einer der Chefanalysten der Allianz jüngst im Hintergrundgespräch mit europäischen Journalisten ausgeführt hat: Es bahnt sich eine Energierevolution an, die zu beträchtlichen Verschiebungen im globalen Machtgefüge führen könnte. Diese Woche lieferte die Internationale Energieagentur (IEA) das Zahlenmaterial für die Prognose: Schon im Jahr 2020 könnten die USA Saudiarabien als größten Ölproduzenten der Welt ablösen und bis 2030 sogar zum Nettoexporteur werden.

Derzeit fördern die Amerikaner jeden Tag acht Millionen Fass, die Russen jedoch zehn und die Saudis elf Millionen Barrel. Die Wüstenmonarchie lieferte zuletzt fast 40Prozent des auf dem Weltmarkt angebotenen Öls. Doch das Schieferöl eröffnet der Supermacht völlig neue Optionen. Und auch bei der zweiten großen Energieressource, dem Gas, haben die Amerikaner Fortschritte erzielt. Sie haben einen Weg gefunden, Schieferquellen rentabel zu erschließen. Manche sehen die USA deshalb schon als das neue Saudiarabien der Erdgasproduktion.

 

Putins Geschäftsmodell wackelt

Die Wende verdanken die Amerikaner einer Fördermethode, die vor allem in Europa bei Umweltschützern höchst umstritten ist: dem „Fracking“. Dabei wird das Lagerstättengestein durch horizontale Tiefbohrungen (siehe Grafik) künstlich aufgebrochen, um dann mit Hochdruck ein Gemisch aus Chemikalien, Wasser und Sand hineinzupumpen.

Die Umwälzungen auf dem Gasmarkt haben bereits begonnen. Denn die Amerikaner exportieren Flüssiggas auf Schiffen bis nach Europa. Lange schien Russland die Schieferrevolution zu ignorieren, doch neulich zeigte Kreml-Chef Wladimir Putin erste Zeichen von Nervosität. „Wir sind verpflichtet, diese Trends ins Kalkül zu ziehen, um ein klares Bild zu bekommen, wie sich die Situation entwickelt, nicht nur in den nächsten zwei, drei Jahren, sondern in der gesamten kommenden Dekade.“

Russlands Geschäftsmodell wankt, auch politisch. Die staatlichen Einnahmen speisten sich zuletzt fast zur Hälfte aus Öl- und Gasexporten. Sinken die Preise oder brechen gar ganze Märkte weg, dann haben die Herren in Moskau ein ziemliches Problem. Dazu kommt noch etwas anderes: Die Gaspreise dürften sich über kurz oder lang von den Ölpreisen abkoppeln. Auch das ist eine unerfreuliche Nachricht für den Kreml.

Europa hingegen hat die Aussicht, seine Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Für Polen könnte gar eine goldene Ära anbrechen: In polnischen Tongesteinsschichten werden bis zu 5,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas vermutet. Wobei: Ganz so genau weiß das auch niemand. Es herrscht jedenfalls Goldgräberstimmung an der Weichsel. Die polnische Regierung hat 110 Konzessionen für Probebohrungen verteilt. Auch unter österreichischem Boden, im Weinviertel, lagert Schiefergas. Doch die OMV nahm vorläufig Abstand, der Druck von Umweltschützern war offenbar zu groß.

Auch andere Staaten könnten sich bald selbst mit Gas versorgen, Südafrika ebenso wie Israel. Brasilien wird ohnehin zum Energieriesen aufsteigen, auch Argentinien könnte auf die Petrokarte setzen, wie Mozambique, Kenia, Kamerun oder die Elfenbeinküste. Längst haben die USA umgeschwenkt und ihre Ölimporte aus Afrika gesteigert, um nicht mehr ganz so stark wie bisher arabischen Unwägbarkeiten ausgesetzt zu sein.

Natürlich wird auch künftig die Nachfrage nach Energie steigen. Doch der globale Einfluss der bisherigen Öl- und Gasgiganten wird angesichts der neuen Konkurrenz sinken. Nicht nur Russland, auch Saudiarabien oder der Iran werden wenig Freude mit dem Schieferboom haben. Schon stellen Experten die Frage, ob sich die USA aus dem Nahen Osten zurückziehen werden, wenn sie von dort kein Öl mehr brauchen. Was dann? Wäre Europa in der Lage, das Vakuum in der unruhigen Nachbarregion zu füllen?

Drängt China in den Nahen Osten?

Doch bei solchen Vorhersagen ist Vorsicht geboten. Erstens werden die Amerikaner die Region nicht sang- und klanglos den Chinesen überlassen. Und zweitens werden sie bei steigendem Verbrauch ja auch weiter Ressourcen aus der arabischen Halbinsel beziehen müssen. Der Einfuhrbedarf ist bei Weitem noch nicht auf das Niveau von 1973 zurückgeschraubt, als die Araber einen Ölschock auslösen konnten, indem sie den Hahn zudrehten. Damals importierten die USA nur 15 Prozent ihres Öl- und Gasbedarfs und waren dennoch verletzlich. Heute liegt der Importanteil bei 45 Prozent. Und selbst Schieferenthusiasten rechnen nicht damit, dass der Anteil unter 22 Prozent fällt. Verändern aber wird die neue Energiegleichung die Welt in jedem Fall.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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