IEA: Schiefergasboom senkt Konkurrenzfähigkeit Europas

Das Fördern von Schiefergas senkt in den USA die Energiepreise. Schlecht für den Standort Europa, so IEA-Chefökonom Birol. Die Industriebetriebe würden in die USA zurückkehren.

(c) AP (Hadi Mizban)

Die Presse: Die Kernaussage des aktuellen World Energy Outlook der Internationalen Energie-Agentur ist, dass die USA dank Schiefergas und -öl ihre Importabhängigkeit drastisch verringern werden. In Europa stehen Politik und Öffentlichkeit dem Thema Schiefergas ablehnend gegenüber. Vergibt Europa hier eine große Chance?

Fatih Birol: Ja. Ohne eigene Aktivitäten bringt die Schiefergas-Revolution für Europa vor allem schlechte Nachrichten. Aufgrund des dadurch entstandenen Rückgangs der Energiepreise in den USA wird der Gaspreis in Europa künftig fünfmal so hoch wie in den Vereinigten Staaten sein. Das bedeutet, dass die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen und die Kaufkraft europäischer Haushalte deutlich gegenüber jenen in Amerika zurückgehen wird. Ich könnte mir auch vorstellen, dass energieintensive Branchen Europa vermehrt verlassen, während sie in die USA inzwischen sogar wieder zurückkehren. Der einzige Vorteil für Europa ist, dass durch das nun entstehende globale Gasüberangebot der Druck auf die Lieferanten – etwa Russland – steigt, ihre Preise ebenfalls zu senken.

 

Europa müsste also selbst Schiefergas fördern. Doch was ist mit den Bedenken von Umweltschützern und Bevölkerung?

Die Bedenken sind natürlich berechtigt. Und es stimmt auch, dass in den USA am Anfang des Booms Fehler gemacht wurden, die zu Verschmutzungen der Umwelt geführt haben. Inzwischen gibt es aber die Technologien, um Schiefergas und -öl auch ohne Gefahren für die Umwelt zu fördern. Dies bedeutet zwar Mehrkosten in Höhe von rund sieben Prozent, dennoch ist die Förderung immer noch konkurrenzfähig. Es braucht dafür halt nur die notwendigen Gesetze, die den Einsatz der sauberen Technologien vorschreiben.

Die OMV wollte in Niederösterreich Schiefergaslagerstätten erkunden. Dies wurde nach massiven Protesten abgesagt – ein Fehler?

Jedes Land muss selbst entscheiden, ob Schiefergas gefördert werden soll. Es ist aber zu beobachten, dass viele Länder, die Schiefergas bereits abgelehnt haben, dem Thema aufgrund veränderter ökonomischer Voraussetzungen und neuer Technologien nun eine zweite Chance geben.

Eine andere Aussage im World Energy Outlook ist, dass wir nicht mehr als ein Drittel der bereits bekannten fossilen Ressourcen verbrauchen dürfen, wenn wir die Klimaziele noch erreichen wollen. Durch Schiefergas und -öl werden die fossilen Energieträger aber wieder konkurrenzfähiger. Was ist die Lösung?

In den beiden Ländern, in denen die Schiefergasförderung künftig am stärksten ausgebaut werden wird – den USA und China –, ersetzt das Gas vor allem Kohle. Und das sorgt für eine starke Verringerung der CO2-Emissionen. Anders übrigens die Situation in Europa: Hier wird die im Preis ebenfalls verfallende Kohle zunehmend wieder teures konventionelles Gas ersetzen. Schiefergas allein wird aber natürlich nicht dazu beitragen, dass wir die Klimaziele erreichen. Dazu wird es auch den vermehrten Einsatz von Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Speicherung unter der Erde (CCS) brauchen. Diese ist in der Öffentlichkeit aber ebenfalls stark umstritten.

In einem Interview mit der „Presse“ vor einem Jahr meinten Sie, dass die Reduktion der Subventionen für fossile Treibstoffe eine Hauptbedingung für das Erreichen der Klimaziele sei. Inzwischen haben sich die Subventionen um 30 Prozent auf 530 Mrd. Dollar erhöht – sechsmal so viel wie für erneuerbare Energieträger. Können die Klimaziele so erreicht werden?

Nein. So lange es diese Subventionen gibt, haben wir keine Chance, die Ziele zu erreichen. Diese Subventionen gibt es nämlich vor allem in jenen Schwellenländern, in denen der Energieverbrauch und somit auch die CO2-Emissionen rasant ansteigen. Vor allem im Nahen Osten wurden seit dem Arabischen Frühling Subventionen sogar noch weiter erhöht.

In Ländern wie Ägypten oder Indonesien, wo es sehr hohe Subventionen für Öl und Gas gibt, wird argumentiert, dass sich ohne diese staatlichen Hilfen die armen Bevölkerungsschichten Energie gar nicht mehr leisten werden können.

Wir haben uns dieses Thema in einer Studie genau angesehen und herausgefunden, dass nur acht Prozent der Subventionen an jene 20 Prozent der Bevölkerung dieser Länder gingen, die über die niedrigsten Einkommen verfügen. Der Großteil ging an die Mittel- und Oberschicht. Die Armen könnten auch über andere Wege – vergleichbar der europäischen Sozialhilfe – unterstützt werden.

Zur Person

Fatih Birol ist Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA) und in dieser Funktion für den jährlichen World Energy Outlook – die bedeutendste Zukunftsprognose in Energiefragen – verantwortlich. Vor seiner Tätigkeit bei der IEA (sozusagen der Energiesparte der OECD) war der 1958 in Ankara geborene Wirtschaftswissenschaftler sechs Jahre bei der Opec in Wien beschäftigt. In Österreich lebte er in Summe 13 Jahre, da er an der TU Wien sein Doktorat in Energiewirtschaft absolvierte. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)

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