Eine Niere für ein iPhone: Wenn der Körper zur Ware wird

Eine Legalisierung des Organhandels ist für viele ethisch undenkbar. Manche Ökonomen und Ärzte sehen darin allerdings eine moralische Pflicht.

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Ein Organspende-Skandal erschütterte Anfang des Jahres Deutschland: Im Universitätsklinikum Leipzig haben Ärzte offenbar Dutzende Patienten kränker gemacht, als sie tatsächlich waren. So sind sie auf den Listen für eine Nieren-Transplantation nach oben gerutscht. Es ist nur der jüngste in einer ganzen Reihe von Skandalen in unserem Nachbarland. Ob finanzielle Bereicherung der Grund war, ist noch unklar. Eine andere mögliche Ursache sieht Klinikvorstand Wolfgang Fleig: "Regelverletzungen können auch damit zu tun haben, dass ein Arzt seinen schwerstkranken Patienten [...] helfen will, ohne dabei zu beachten, dass er damit möglicherweise anderen schadet".

Genau an diesem Punkt hakt der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein. Er kritisiert: "Das Mitleid privilegiert den Nächsten (zumal dann, wenn es dem Samariter Prestigegewinn verspricht) und verdrängt den fernen Schaden (ein anderer stirbt, der das Organ nicht erhält, aber nötiger gebraucht hätte)." Geld mache dagegen "keinen Unterschied zwischen Nah- und Fernbeziehungen, denn es ist robust auch gegen das Mitgefühl". Hank fragt sich: "Wollten die Kritiker des Ökonomismus nicht in einer Welt leben, in der das Geld weniger, das Mitgefühl aber mehr zu sagen hat?"

Eine Niere für ein iPhone

Die Konsequenz daraus - eine Legalisierung des Organhandels - geht zunächst einmal im wahrsten Sinne des Wortes an die Nieren. Denn der Körper ist nun einmal keine normale Ware. Das verhindert freilich nicht, dass schon längst damit gehandelt wird: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass jährlich 10.000 Organe auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. Die meisten stammen aus Asien und Südamerika, wo sie oft unter medizinisch unzumutbaren Bedingungen entfernt und transplantiert werden. Aber auch in Europa - etwa im Kosovo - ist die Organ-Mafia aktiv. Laut der Organisation "Organ-Watch" werden die Organe meistens an Empfänger aus den USA, Kanada und Großbritannien verkauft, die mehrere Zehntausend Euro für eine Niere hinblättern.

Obwohl die Gesetze weltweit immer strenger werden und die Strafen immer härter, lässt sich der Handel mit den lebensrettenden Organen nicht unterbinden. Immer wieder sorgen Fälle, wie dieser aus China für Schlagzeilen: Ein 17-Jähriger verkaufte im Vorjahr seine Niere für ein Smartphone und ein Tablet. Besonders tragisch ist, dass seine verbleibende Niere seit der Operation nicht mehr richtig funktioniert.

Rechtliche Lage in Österreich

Bisher gab es Regelungen in verschiedenen Gesetzen. EU-Vorgaben führen jetzt zu einem eigenen "Organtransplantationsgesetz". Explizite Regeln gibt es darin bezüglich der Lebendspende von Organen. So ist sie für Personen unter 18 Jahren verboten. Es gibt Aufklärungspflichten, Kriterien für die Auswahl und die Beurteilung der Spender und Bestimmungen für die Nachsorge. Wie fast überall auf der Welt gibt es ein "Gewinnerzielungsverbot". Demnach dürfen Organe, Organteile und Gewebe nicht Gegenstand von Rechtsgeschäften sein, die auf Gewinn ausgerichtet sind.

Die Totspende von Organen ist seit 1982 mit der sogenannten "Widerspruchslösung" geregelt: Organe dürfen bei geeigneten hirntoten Spendern entnommen werden, wenn diese nicht zu Lebzeiten dagegen einen Einspruch deponiert haben. Anders ist es etwa in Deutschland, wo man einen Organspendeausweis benötigt. Österreich gehört durch die Widerspruchslösung bei den Transplantationen seit Jahren weltweit zur Spitze. Dennoch warten rund 1000 Patienten noch auf ein geeignetes Organ.

US-Medizinerin Sally Satel, die seit Jahren für einen legalen Organhandel kämpft, bringt die Problematik auf den Punkt: "Die Wahrheit ist, dass der Organhandel erst aufhören wird, wenn der Bedarf an Organen gedeckt ist", schreibt die Yale-Professorin in einem Beitrag zum Weltnierentag 2009. Die aktuelle Situation bezeichnet sie als "doppelte Tragödie": Auf der einen Seite gebe es Tausende von Patienten, die sterben, weil sie keine Niere bekommen - und auf der anderen Seite ein "Menschenrechtsdesaster, mit korrupten Händlern, die mittellose Spender über die Natur der Operation täuschen, sie um ihr Entgelt betrügen und ihre Bedürfnisse nach der Operation ignorieren."

"Wir haben alles versucht, aber die Menschen scheinen ihre Organe einfach nicht umsonst weggeben zu wollen", sagte der australische Nierenspezialist Gavin Carney in einer Rede. In die gleiche Kerbe schlagen Wirtschaftswissenschaftler wie der deutsche Gesundheitsökonom Friedrich Breyer: "Man kann die Gesetze des Marktes nicht ungestraft leugnen", sagte er im Gespräch mit dem "Handelsblatt". Wegen des extremen Mangels an Spenderorganen hält er ein marktwirtschaftliches System sogar für eine moralische Pflicht.

"Geben auch Bergarbeitern Risikozuschläge"

Das Argument, es sei unmoralisch, dass sich Menschen gegen Geld hohen gesundheitlichen Risiken aussetzten, lässt Breyer nicht gelten: "Wir geben Feuerwehrmännern und Bergarbeitern auch Risikozuschläge." Eine Extremposition vertritt der Ökonom Peter Oberender: Er schlägt vor, dass Patienten und Krankenkassen in Zukunft an einer Art Börse Organe "einkaufen" können.

Das einzige Land der Welt, in dem es etwas Vergleichbares gibt, ist der Iran: Vor 20 Jahren hatte sich die Regierung entschieden, den Organhandel für Inländer zu legalisieren. Der US-Mediziner Benjamin Hippen hat die Lage im Iran unter die Lupe genommen. Im Gespräch mit dem "Guardian" meint er: Hätte man den Organhandel nicht legalisiert, wäre die Situation heute dieselbe wie in Pakistan, wo arme Männer ihre Nieren zu Schnäppchenpreisen auf dem Schwarzmarkt verscherbeln und danach nicht mehr medizinisch versorgt werden.

Im Iran kontrollieren heute staatliche Agenturen das Geschäft mit den Nieren. Sie sorgen auch dafür, dass das Geld tatsächlich beim Spender ankommt. Ein Teil des Betrages wird vom Staat bezahlt, der Großteil kommt allerdings vom Empfänger, der mit dem Spender über den Preis verhandelt.

Iran: Angebot übersteigt Nachfrage

Das Angebot übersteigt schon längst die Nachfrage. Zu verlockend ist für viele bitterarme Iraner die Möglichkeit, ihren Körper zu Geld zu machen. Der "Guardian" berichtet, dass Verkäufer mittels Graffiti und Zettelchen nahe der Transplantationszentren um Aufmerksam buhlen: "Achtung, Achtung! Gesunde Niere zu verkaufen", ist da etwa zu lesen. Oder einfach nur "DRINGEND" - was darauf schließen lässt, dass der Verkäufer bereit ist, über den Preis zu verhandeln.

Schon seit 1999 gibt es im Iran für Nieren keine Wartelisten mehr, heißt es im "Guardian"-Bericht. US-Experte Hippen fügt hinzu: "Seit 1999 sind in den USA 30.000 Menschen an Nierenversagen gestorben".

Tauschringe zur Effizienzsteigerung

Einen Weg, um Organspenden effizienter zu machen - ohne auf Geld zu setzen - zeigt Wirtschafts-Nobelpreisträger Alvin E. Roth auf. Seine Idee: Freunde und Verwandte eines Kranken spenden gerne ein Organ, allerdings eignet sich der Kranke oft nicht als Empfänger.

Roth hat daher einen Mechanismus entwickelt, inkompatible Paare zu vernetzen, wodurch ein Tauschring entsteht und das Angebot steigt. Im US-Bundesstaat New England hat sich das Modell bereits etabliert (mehr dazu …).

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