EU verdächtigt Ölkonzerne, Ölpreis manipuliert zu haben

Anfang der Woche gab es Razzien bei BP, Shell und Statoil. Was wird den Konzernen konkret vorgeworfen und welche Auswirkungen hätte dies?

oelkonzerne oelpreis
oelkonzerne oelpreis
oelkonzerne oelpreis – (c) EPA (ANDY RAIN)

Wien. Haben die Europäer in den vergangenen Jahren zu viel für Ölprodukte wie Benzin oder Diesel gezahlt? Wenn es nach Ansicht der EU-Kommission geht, dann deutet vieles darauf hin. Sie verdächtigt mehrere Ölkonzerne, falsche Daten an den Informationsdienstleister Platts geliefert zu haben, um so die Preise zu manipulieren. Daher führten Beamte der Kommission sowie der Efta am Dienstag Razzien bei BP, Shell, der norwegischen Statoil sowie Platts durch. Was wird den Konzernen konkret vorgeworfen und welche Auswirkungen hätte dies? „Die Presse“ hat die Antworten:

1. Was werfen die Wettbewerbshüter den Ölkonzernen vor?

Da Öl nicht über Börsen, sondern mittels direkter Verträge zwischen Käufern und Verkäufern („over-the-counter“) gehandelt wird, gibt es keinen transparenten Börsenpreis. Der Weltmarktpreis wird daher von Informationsdienstleistern wie Platts ermittelt, die Daten über diese direkten Kontrakte sammeln. Laut EU-Kommission haben die Ölkonzerne aber verfälschte Daten an Platts geliefert, um so den Ölpreis zu manipulieren. Der Vorwurf erinnert an den Libor-Skandal aus dem Vorjahr, bei dem sich herausgestellt hatte, dass Banken falsche Zinsdaten gemeldet hatten, um den Referenzzinssatz Libor zu ihren Gunsten zu verändern.

2. Wie funktioniert der Informationsdienstleister Platts?

Einmal am Tag gibt es ein sogenanntes Handelsfenster von 30 bis 45 Minuten, in dem Platts Ölkonzerne und -händler anruft und über die Details ihrer jüngsten Kontrakte befragt. Rund 90 Unternehmen liefern dabei ihre Daten. Aus diesen Werten errechnet Platts in der Folge den für diesen Tag gültigen Preis. Allerdings erfolgt die Nennung der Kontraktdetails freiwillig und kann von Platts auch nicht wirklich verifiziert werden. Konzerne oder Händler könnten also auch unrichtige oder unvollständige Angaben machen. Platts begegnet diesem Problem, indem nur Daten von „seriösen“ Firmen bezogen und diese von eigenen Editoren noch einmal auf Plausibilität überprüft werden. Daten, die diesen Test nicht bestehen, fließen nicht in die Preisbildung ein.

3. Wurde schon früher Kritik an dem System der Ölpreisfindung geübt?

Ja. Die heimische Wettbewerbsbehörde BWB führte 2010 bereits eine umfassende Studie durch, in der eine Reihe von Kritikpunkten genannt wurden. So gab es bei der Preisfindung von Ölprodukten wie Diesel oder Benzin verhältnismäßig wenig Transaktionen, die als Grundlage herangezogen wurden. Bei Hochseeschiffen wurden etwa bei Dieseltransporten im Schnitt nur 1,3 Verträge pro Tag abgeschlossen, bei Benzin gar nur 0,3. Auch die Internationale Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden (IOSCO) kritisierte erst im Herbst in einem Bericht, dass die Preisfindung durch die freiwillige Nennung der Daten leicht manipulierbar wäre.

4. Welche Auswirkungen hätte eine Manipulation der Platts-Werte?

Laut Schätzungen des französischen Ölkonzerns Total werden rund 80 Prozent aller globalen Öltransaktionen auf Basis von Referenzpreisen durchgeführt. Und Platts ist in diesem Markt der unbestritten wichtigste Informationsdienstleister. In Summe geht es dabei um einen Ölmarkt von 2,3 Billionen Euro pro Jahr. Und auf diesem Markt hätten auch „kleine Verfälschungen eine riesige Auswirkung“, wie die EU-Kommission in einer Aussendung zu den Razzien schreibt. Darüber hinaus werden aber auch die Preise von chemischen Produkten wie Kunststoffen vom Ölpreis bestimmt.

5. Welche Effekte hat die ganze Sache auf Österreich?

Auch die OMV nimmt Daten von Platts als Grundlage, um ihre eigene Produktion zu bewerten. So wird beispielsweise Öl, das von der OMV in Österreich gefördert und raffiniert wird, zu den aktuell gültigen Platts-Preisen verkauft. Waren diese Preise also zu hoch, haben auch Österreicher zu viel für Benzin oder Diesel bezahlt. Die OMV liefert auch selbst Daten an Platts, ist von den Untersuchungen der EU aber nicht betroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2013)

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