Setschin: Igor, der Schreckliche

Keiner steht Kremlchef Wladimir Putin näher. Keiner jagt den Oligarchen mehr Angst ein oder hält die Hand auf Russlands Rohstoffe wie er. Wenn Macht einen Namen hat, dann den von Igor Setschin.

Setschin Igor Schreckliche
Setschin Igor Schreckliche
Putin Sechin – (c) REUTERS (SERGEI KARPUKHIN)

Um Machthaber greifbar zu machen, die sich dem Blick der Welt entziehen, bedient sich die Öffentlichkeit gern der kolportierten Anekdoten. Es sei denn, Letztere haben sich schon zu einem Pseudo- bzw. Synonym verdichtet, mit dem das Wesen des Umschriebenen optimal erfasst ist. Darth Vader nennen ihn die Russen nach dem schlauen Helden aus den „Star Wars“-Filmen, der darin die Armee des Galaktischen Imperiums anführt. Ja, und der als rechte Hand des Imperators wegen seiner Unerbittlichkeit sogar in den eigenen Reihen gefürchtet ist.

Die Rede ist von Igor Setschin, dem Darth Vader der russischen Gegenwart. Selbst mit seinem undurchschaubaren Äußeren dem filmischen Pendant nicht unähnlich, hat er sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts ängstlichen Respekt im Establishment verschafft. Heute pfeifen es die Spatzen von den Kremlmauern: Wenn Macht in Russland einen Namen hat, dann den von Igor Setschin.

Das hat kürzlich auch das Magazin „Time“ erkannt und ihn als einzigen Russen in die Liste der einflussreichsten Personen der Welt aufgenommen. Setschins jüngste Heldentat: Ende März hat der von ihm geführte staatliche Öl-Branchenprimus Rosneft mit der Übernahme des privaten Konkurrenten TNK-BP die größte Akquisition in der Landesgeschichte vollzogen. Rosneft hat damit den Weltmarktführer Exxon-Mobil überholt und steht nun für 40 Prozent der Förderung im weltweit größten Ölproduktionsland Russland.Die Akquisition für 44,4 Mrd. Dollar aus den Händen der britischen BP und eines russischen Oligarchenkonsortiums ist freilich nur der Höhepunkt von Setschins brachialem Streifzug durch das postsowjetische Russland. Seit der Arbeit in der St. Petersburger Stadtverwaltung mit Wladimir Putin bekannt, wich der heute 52-Jährige, der zu Sowjetzeiten als Militärdolmetscher in Angola diente und deshalb dem KGB zugeordnet wird, nicht mehr von der Seite seines Freundes.

Den größten Freundschaftsdienst erwies Setschin ihm ab 2003, als er die– bis heute aufrechte – Inhaftierung des damals reichsten Russen Michail Chodorkowski und die Zerschlagung von dessen Ölkonzern Yukos orchestrierte. Am Ende war nicht nur der aufmüpfigste Oligarch kaltgestellt, am Ende hatte die zuvor bedeutungsschwache Rosneft durch die Einverleibung der Yukos-Aktiva die Förderung versechsfacht. Und hatte damit die Renationalisierung des Ölsektors eröffnet. Später, als Putin Premier wurde, erhielt Setschin als sein Vize die Oberaufsicht über den Öl- und Energiesektor. Schließlich vor genau einem Jahr übernahm er nicht nur die operative Leitung von Rosneft, sondern auch die Kremlkommission für den gesamten Energiesektor (Öl, Gas, Kohle, Elektrizität). Damit hat er zumindest ein Drittel der Wirtschaftsleistung des Rohstoffstaates unter seiner Kontrolle.


Skepsis gegenüber Marktwirtschaft. „Ich schätze ihn für seine Professionalität und seinen Biss“, sagt Putin über ihn. „Er kann eine Sache zu Ende führen.“ Dabei kann man Ende auch anders deuten, wie ein Ex-Kremlbeamter zur Zeitung „Wedomosti“ sagte: „Man kann sich Setschin schwer als Menschen vorstellen, der etwas geschaffen hat, hingegen leicht als einen, der andere behindert hat.“ Leute wie der Ölmagnat Michail Guzeriew, der Rosneft einst geschäftlich in die Quere kam und dann fluchtartig das Land verlassen musste, wissen ein Lied davon zu singen: Setschin, der bei seiner Arbeit lieber steht als sitzt, ist der Mann fürs Grobe. Privatunternehmertum und der Marktwirtschaft steht er skeptisch gegenüber, obwohl er als Rosneft-Chef im Vorjahr laut „Forbes“ etwa 25 Mio. Dollar kassierte. Und er ist kein Freund der Rechte von Minderheitsaktionären, weshalb er Russlands berühmtesten Oppositionellen und Shareholder-Value-Aktivisten Alexej Navalny, der die Offenlegung von Aufsichtsratsprotokollen zu erzwingen versuchte, im Vorjahr als verlängerten Arm von Konkurrenzfirmen diskreditierte. „Irgendjemand möge Setschin ausrichten“, kommentierte Navalny über Twitter: „Früher wusste ich, dass er einfach ein Gauner ist, jetzt ist mir klar, dass er auch debil ist.“ Ob Setschin die treibende Kraft dahinter ist, dass Navalny nun ein auffällig fadenscheiniger Gerichtsprozess gemacht wird, ist nicht erwiesen.


Angriff auf Gazprom.
Setschin gilt als Kopf der starken Falkenfraktion aus Geheimdienstlern und Militärs. Nie hat er Putin signalisiert, dass er zum Konkurrenten werden könnte. Stattdessen hat er für ihnOligarchen aus dem Geschäft gedrängt und zuletzt ohne Verständigung der Regierung dem Staat die fehlenden Aktien für die Kontrollmehrheit beim Gaskonzern Gazprom zurückgeholt.Das verwundert nicht, schließlich hegt Setschin eine unverhüllte Antipathie gegen Gazprom-Chef Alexej Miller, expandiert selbst aggressiv in den Gassektor und will bis 2020 die Konzernjahresförderung auf 100 Mrd. Kubikmeter – das Zwölffache des österreichischen Jahresverbrauchs – hochtreiben. Und er ist gemeinsam mit dem zweitgrößten Gasproduzenten Novatek dabei, das Gasexportmonopol von Gazprom zu brechen. Insofern ist Igor Setschin nicht nur „der Schreckliche“, wie er analog zum historischen Zaren Iwan genannt wird. Im Angriff auf Gazproms Exportmonopol ist er frei nach Goethes „Faust“ auch Teil von jener Kraft, die oft das Böse will und manchmal auch das Gute schafft.

Steckbrief

1960
Igor Iwanowitsch Setschin wird in Leningrad geboren.

2004
Setschin wird zum Chef des staatlichen Ölkonzerns Rosneft ernannt.

2008
Er wird Vize-Ministerpräsident der Regierung der Russischen Föderation.

2012
Setschin wird Sekretär der Kremlkommission für den gesamten Energiesektor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)

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