Wer folgt, wenn Bernanke den Fed-Thron räumt?

US-Präsident Obama hat praktisch klargestellt: 2014 wird die Fed (und mit ihr die Weltwirtschaft) eine neue Führung bekommen. Mit Janet Yellen könnte erstmals eine Frau an die Spitze der Notenbank kommen.

Bernanke Fed Thron
Bernanke Fed Thron
Bernanke Fed Thron – (C) Reuters

Wien. Deutlicher konnte es US-Präsident Barack Obama kaum ausdrücken. Fed-Chef Ben Bernanke sei nun schon „länger im Amt, als er wollte und als er eigentlich sollte“, sagte Obama kürzlich in einem Interview. Heißt: Im Jänner, wenn Bernankes zweite Amtszeit ausläuft, wird Obama ihn wohl nicht um eine dritte bitten.

Tatsächlich muss der Präsident schon bis Herbst einen Nachfolger nominiert haben, damit dieser rechtzeitig vom Senat bestätigt werden kann. Die Kandidaten bringen sich bereits in Stellung. Sicher dürfte nur eines sein: Der Demokrat Obama wird keinen „Falken“ nominieren, also einen Notenbanker, der sich stark auf die Bekämpfung der Inflation konzentriert. Auch Bernanke gilt als „moderate Taube“ mit Blick auf den Arbeitsmarkt.

Obama wird genau abwägen: In mancher Hinsicht ist der Fed-Chef mächtiger und einflussreicher als der Präsident selbst. „Die Presse“ listet die Kandidaten.

Janet Yellen, die Top-Favoritin
Niemandem werden zurzeit bessere Chancen eingeräumt als der derzeitigen Fed-Vizechefin Janet Yellen (Jahrgang 1946). Obama hat sie schon auf ihren jetzigen Posten gehoben, was von Vertrauen zeugt. Yellen war bereits eine wichtige Wirtschaftsberaterin von Bill Clinton, sammelte erste Fed-Erfahrungen in den 1970ern und war von 2004 bis 2010 Chefin der San-Francisco-Fed. Seitdem ist sie Bernankes Vize. Yellen gilt als „Taube“, und dürfte einer lockeren Geldpolitik sogar noch zugeneigter sein als Bernanke selbst. Konservative Republikaner kritisieren, sie habe eine „inflationäre Schlagseite“.

Yellen ist mit dem Ökonomen George Akerlof verheiratet und wäre die erste Frau an der Spitze der Federal Reserve, die heuer ihren 100. Geburtstag feiert. Ihre Reputation würde für Kontinuität in der Fed-Politik sprechen. Paradoxerweise könnte sie als bekannte „Taube“ aber in die Verlegenheit kommen, die Zinsen zu schnell zu heben – was potenziell äußerst negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben könnte. Den Umgang mit der Öffentlichkeit muss sie auch noch üben.

Larry Summers, das große Ego
Es besteht absolut kein Zweifel über die Antwort auf die Frage, wer Larry Summers' größter Fan ist. Es ist Larry Summers. Der ehemalige Weltbank-Chefökonom, Finanzminister und Präsident der Elite-Uni Harvard würde gern Fed-Chef werden – und traut sich den Job durchaus zu. Sein großes Ego und ein wenig diplomatischer Stil haben ihm aber ebenso viele Feinde wie Freunde eingebracht.

Außerdem war Summers (Jahrgang 1954) bisher nie in der Fed tätig – und Notenbanker bleiben gern unter sich. Summers weiß sicherlich mit den Medien umzugehen – ist aber auch für (unangenehme) Überraschungen gut. Seine Kandidatur dürfte wohl scheitern. Auch weil er sich als Harvard-Präsident nicht mit Ruhm bekleckert hat: Er hatte die Elite-Uni in eine Art Hedgefonds verwandelt. Ausgerechnet mit Spekulationen auf Zinsderivate verlor die Uni rund eine Milliarde Dollar. Summers hatte die Spekulationen in der Höhe von 3,5 Mrd. Dollar genehmigt. Als sie platzten, war er als Harvard-Chef schon zurückgetreten – und arbeitete passenderweise bei einem echten Hedgefonds.

Tim Geithner, der Unwillige
Der erste Obama-Finanzminister Timothy Geithner (Jahrgang 1961) ist der Anti-Summers. Er war zwar während der Lehman-Krise als damaliger Chef der New-York-Fed direkt am Krisenmanagement beteiligt, bringt alle nötigen Qualifikationen und die notwendige Ruhe für den Job, aber – er will ihn einfach nicht. Jedenfalls hat Geithner das immer wieder betont. Außerdem hat er gerade einen Buchvertrag unterschrieben und sein Haus in der Nähe von Washington verkauft. Sollten die anderen Kandidaten Obama aber nicht entsprechen, wird Geithner sich wohl nicht widersetzen können.

Don Kohn, der Langweiler
Wenn Yellen Obama doch zu heikel wird, Summers ihn nervt und Geithner partout in Pension gehen will, greift der Präsident vielleicht zu Donald Kohn. Der war 40 Jahre lang in der Fed tätig, zuletzt als Yellens Vorgänger auf dem Posten des Vizechefs. Zuvor war er der engste Berater von Alan „Maestro“ Greenspan. Kohn ist mit 70 Jahren schon ein bisschen alt – sollte aber als Kandidat der Marke „solide und langweilig“ nicht ausgeschlossen werden.

Als weitere Kandidaten (mit Außenseiterchancen) gelten der scheidende israelische Notenbankchef Stan Fischer, der ehemalige Fed-Vize Roger Ferguson und der Harvard-Ökonom Jeremy Stein.

Neue Prognose

Die Federal Reserve hat als US-Zentralbank am Mittwoch ihre neue Prognose vorgelegt. Demnach soll die Wirtschaftsleistung der USA heuer schon um bis zu 2,6 Prozent wachsen. 2014 soll das Bruttoinlandsprodukt dann um bis zu 3,5 Prozent zulegen. Auch der US-Arbeitsmarkt wird vor einer deutlichen Entspannung gesehen: Die Zentralbank rechnet für 2014 mit einem Absinken der Arbeitslosenquote auf 6,5 bis 6,8 Prozent. Im März hatte die Fed noch 6,7 bis 7 Prozent veranschlagt. 2015 soll der Wert dann deutlich weiter sinken – auf Werte zwischen 5,8 und 6,2 Prozent. Den angemessenen Zeitpunkt für eine Zinserhöhung sehen 14 Notenbanker im Jahr 2015 gekommen. Im März favorisierten „nur“ 13 Fed-Führungsmitglieder diesen Zeitraum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2013)

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