Finanzaufseher im Vatikan: "Konsequenzen ziehen"

René Brülhart ist der oberste Finanzaufseher im Vatikan. Dass kürzlich die Spitze der Vatikanbank zurückgetreten ist, sieht er als "logische Konsequenz" seiner Arbeit.

Finanzaufseher Vatikan Konsequenzen ziehen
Finanzaufseher Vatikan Konsequenzen ziehen
Vatikan – (c) EPA (Handout)

Trüge René Brülhart keinen schwarzen Designeranzug, er würde unter der hiesigen Hitze wohl trotzdem stöhnen. Gefühlte 40 Grad hat es auf der römischen Straße Via della Fornaci. Selbst ins klimatisierte Ristorante La Vittoria, wo wir uns zum Interview treffen, kriecht die Schwüle durch jede Ritze. Heiß geht es aber auch hinter den Mauern auf der anderen Seite der Straße her. Im Vatikan nämlich ist förmlich der Teufel los, seit Brülhart als Externer gerufen wurde, die übel beleumundete Vatikanbank IOR (wörtlich „Institut für religiöse Aufgaben“) nach Mafiageldern, Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu durchforsten und ein System der Transparenz und Frühwarnung zu etablieren. Brülhart, wegen seiner bisherigen Arbeit in Liechtenstein und seiner Ermittlungen gegen Terrorismusfinanzierung auch „James Bond der Finanzwelt“ genannt, kann im Vatikan auf eine Reihe von Erfolgen verweisen. Darunter den, dass die Vatikanbank erstmals in ihrer Geschichte selbst Konten eingefroren hat – und zwar das des mittlerweile inhaftierten Prälaten Nunzio Scarano, der an einer Transaktion von 20 Mio. Euro Bargeld aus der Schweiz nach Italien beteiligt gewesen sein soll.

 

Wollte Ihre Behörde mit dem Fall Scarano, dem Chefbuchhalter der vatikanischen Vermögensverwaltung, auch ein Exempel statuieren?

René Brülhart: Es geht nicht um ein Exempel. Es ist lediglich der Beweis, dass das Kontrollsystem zu funktionieren beginnt.

 

Welcher Kategorie ordnen Sie den Fall zu: Mafia, Geldwäsche,...?

Noch ist es zu früh, einen Strich zu ziehen. Weitere Untersuchungen werden Klarheit bringen. Zum jetzigen Zeitpunkt sieht es nach einem möglichen Wirtschaftsvergehen aus.

 

Haben wir weitere Kontoeinfrierungen in nächster Zeit zu erwarten?

Das wird die Zukunft weisen (lacht). Sollte es Anlass dafür geben, werden wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.

 

Mal ehrlich: Haben Sie im vorigen Herbst anfänglich gezögert, den Job anzunehmen?

Nicht zwingend. Ich fand es eine große Ehre und Herausforderung zugleich.

 

Wer hat Sie denn angerufen?

Ich wurde angefragt.

 

Wovon waren Sie denn bisher am meisten überrascht?

Vom großen politischen Willen, die Reformbemühungen in die Wege zu leiten. Und vom doch nicht geringen Medieninteresse.

 

Ist es bei Ihrer jetzigen Arbeit von Vorteil, religiös und Katholik zu sein?

Einigen wir uns darauf: keine persönlichen Fragen.

 

Die Frage betrifft Ihre Arbeit. Es ist ja auch von Vorteil, dass Sie Italienisch sprechen.

Ich habe eine Aufgabe, und die erfülle ich nach bestem Wissen und Gewissen. Und das Gewissen ist nicht ganz unbedeutend.

 

Wenn Sie Ihre Arbeit in Liechtenstein und jetzt im Vatikan vergleichen: Gibt es einen essenziellen Unterschied?

In Liechtenstein gibt es einen Finanzplatz, im Vatikan nicht. Auch von den Volumina und der Art der Finanzgeschäfte her unterscheiden sie sich wesentlich. Gemein haben beide, dass es darum geht zu verstehen, wo die Verwundbarkeiten liegen, um ein maßgeschneidertes System zu erarbeiten.

Wo sind denn die Verwundbarkeiten? Was ist denn das Wesen der Vatikanbank IOR?

Zweck des IOR ist, der katholischen Kirche zu dienen. Ich würde es als eine Art Vermögensverwaltungsgesellschaft mit einem klaren Ziel ansehen. Wichtig sind zwei Dinge: Für wen ist das Institut bestimmt, beziehungsweise wer darf überhaupt über Geschäftsbeziehungen mit dem IOR verfügen? Und der globale Charakter, der damit verbunden ist. Sie haben mit dem Vatikan ja eine Institution mit einer Verantwortung gegenüber 1,2 Milliarden Katholiken.

Das bringt per se Verwundbarkeiten, denn das IOR arbeitet auch mit christlichen Institutionen in Staaten, die von Sanktionen betroffen sind, und wohin Bargeld transferiert wird. Ist das nicht ein Spezifikum für sich?

Absolut. Deshalb ist es ja entscheidend, zu verstehen, was Zweck des Instituts ist, und welche Risken damit verbunden sind.

Einerseits ist das IOR sehr mythenbehaftet, andererseits aber finden seit jeher wirklich Offshore-Aktivitäten für Steuerflüchtlinge, Mafiagelder bzw. Geldwäsche statt. Wie viel ist Mythos?

Ein Blick in die Vergangenheit ist sinnvoll, um ein Gefühl entwickeln zu können, wo Risken liegen. Und aus dem heraus die notwendigen Instrumente für die Zukunft zu haben.

Aber die Gegenwart?

Wir haben gerade den Fall Scarano, wo wir sehen, dass das System zu greifen beginnt. Das Entscheidende ist: Sollte etwas passieren – und überall dort, wo Finanzgeschäfte stattfinden, kann man das nicht zu 100 Prozent ausschließen –, muss man Instrumentarien zur Hand haben.

Medial kursierte über Vatikankonten von Mafiabossen bis hin zu Osama bin Laden vieles. Wie schlimm ist es wirklich?

Man muss hier bei den Fakten bleiben und auch bei den Dimensionen. Wir sprechen beim IOR von sechs bis sieben Mrd. Euro Bilanzsumme – irgendeine Wiener Sparkassa ist wahrscheinlich größer. Der Punkt hier ist: Egal, ob Sie einen kleinen oder größeren Betrag haben, der Vatikan steht immer im Scheinwerferlicht.

 

Wie kann man sich Ihre Jagd nach unsauberen Geldflüssen vorstellen? Screenen Sie alle Konten? Brauchen Sie weltweit Leute, die bei Verdacht Meldungen abgeben?

Das IOR hat knapp 19.000 Konten. Der eine Ansatz ist, in jedes Konto hineinzugehen, um sich einen Überblick über den Kundenbereich zu verschaffen und – wo notwendig – eine umfassende Aufarbeitung vorzunehmen, was zurzeit stattfindet. Parallel dazu schauen wir natürlich, das internationale Umfeld auszubauen, um bei Hinweisen ein Frühwarnsystem zu aktivieren.

Im Vorjahr hatten Sie sechs Verdachtsmeldungen, heuer laut IOR-Präsident von Freyberg bis Ende Mai sieben. Klingt wenig.

Es ist nicht eine Frage der Quantität, sondern wann was gemeldet wird, das heißt, dass mögliche Verdachtsmomente frühzeitig erkannt und der zuständigen Behörde mitgeteilt werden. Sie werden aufgrund des sehr beschränkten Kundenstammes sowie der Art der Dienstleistungen nie Tausende von Verdachtsmitteilungen haben.

 

Leben Sie hier gefährlicher als in Liechtenstein?

Ich habe damals gesagt, dass ich noch lebe. Und ich lebe auch heute noch.

Italien hat da nicht den besten Ruf.

Ich fühle mich als freier Mann. Und ich fühle mich gut beschützt von der Schweizer Garde (lacht).

 

Es tut sich viel hinter den vatikanischen Mauern. Wie ist die Atmosphäre? Angespannt durch die legendären Machtkämpfe?

Ich bin geholt worden, um meine Arbeit zu machen. Ich fühle volle Unterstützung von politischer Seite. Für mich hat sich nichts geändert.

 

Was hat denn Papst Benedikt XVI. überhaupt bewogen, Ihre Financial Intelligence Authority (AIF) einzurichten? Die Tatsache, dass 2010 erstmals seit 1982 Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft und das Einfrieren von 23 Mio. Euro stattfanden?

Ich war damals nicht hier, deshalb kann ich es schwer sagen.

 

Benedikt XVI. hat die Prüfung des IOR durch Moneyval, die Anti-Geldwäsche-Einheit des Europarates, erlaubt. Die hat angegeben, dass neun von 16 Schlüsselkriterien teils oder ganz erfüllt sind. Als Mangel wird angemerkt, dass die AIF zu wenig unabhängig von der Kurie ist, und dass vatikanische Staatsanwälte zu wenig Erfahrung haben. Wie begegnen Sie dem?

Zur Klarstellung: Moneyval hat nicht das IOR geprüft, sondern die vom Vatikan als Jurisdiktion getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Die Empfehlungen wurden aufgegriffen. Der mangelnden Unabhängigkeit wurde mit einer Gesetzesänderung begegnet. Zudem sind wir daran, den vatikanischen Staatsanwalt aktiv in das Meldesystem mit einzubeziehen. Aber grundsätzlich: Neun von 16 Punkten ist objektiv gesehen ein gutes Resultat. Der Vatikan liegt damit im gehobenen Mittelfeld, auch im Vergleich mit größeren europäischen Ländern.

Wie viel Zeit verwenden Sie operativ mit dem Kontrollsystem, wie viel Zeit geht in Überzeugungsarbeit?

Zeitlich ist das schwer abzugrenzen. Kommunikation ist bestimmt von zentraler Bedeutung. Es besteht intern ein sehr konstruktiver Dialog.

 

Sie standen sicher mit beiden Päpsten persönlich in Kontakt?

Interne Sachen kommentiere ich nicht.

 

Italienische Medien meinen, die Maßnahmen von Benedikt XVI. seien in gewisser Weise zahnlos gewesen, erst unter Franziskus käme richtig Bewegung in die Angelegenheit.

Papst Benedikt XVI. hat Ende 2010 der Geldwäsche den Kampf angesagt, die AIF gegründet und begonnen, das rechtliche Regelwerk einzuführen. Der Vatikan hat sich der Länderprüfung durch Moneyval gestellt, und AIF ist letzte Woche in die Egmont Group, den weltweiten Verbund nationaler Geldwäschemeldestellen, aufgenommen worden. In gut zweieinhalb Jahren wurde viel erreicht. Ein Haus baut man Stein für Stein.

 

Es gab auch Spekulationen, dass Benedikts Rücktritt mit der ganzen Finanzaufarbeitungsgeschichte zu tun habe.

Spekulationen kommentiere ich nicht.

 

In den vergangenen Tagen ist viel passiert: die Aufnahme in Egmont, Manager des IOR traten zurück, mit IOR-Präsident Ernst von Freyberg übernahm ein Deutscher das Geschäft, eine Sonderkommission wurde vom Papst eingesetzt, Scarano verhaftet.

Man kann sagen, das System funktioniert. Der Rücktritt des Managements kann als eine logische Konsequenz gesehen werden. Irgendwann muss man Konsequenzen ziehen.

Werden weitere Köpfe rollen?

Ich bin nicht Angestellter des IOR und kann mich daher nicht dazu äußern.

 

2008 sickerte ein Haushaltsbericht durch, aus dem hervorgeht, dass der Vatikan 400Mio. Euro in Immobilien investiert hat und 520 Mio. Euro in Wertpapiere. Sind Sie mit dieser Materie auch befasst, und lauern hier durch die Krise noch Finanzbomben?

Dass ich mit dieser Frage befasst bin, kann ich weder bestätigen noch dementieren. Es ist weniger entscheidend, ob noch Bomben aus der Vergangenheit lauern. Entscheidend ist, dass man Instrumente geschaffen hat, mit denen man entsprechende Sachen erkennen kann. Und dies ist der Fall.

 

Ein heikler Punkt ist das Verhältnis des Vatikans zur italienischen Zentralbank. Sie arbeiten ja an einem bilateralen Abkommen. Für wann ist es realistisch?

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es Spannungen gegeben hat. Es braucht jetzt ein vernünftiges nachbarschaftliches Verhältnis, das dann auch gelebt und von gegenseitiger Transparenz gestützt wird. Diesbezüglich sind wir auf einem guten Weg.

 

Sie haben gesagt, dass Italien für die Arbeit des AIF von wesentlicher Bedeutung ist. Welche Länder sind es noch?

Wir haben ein Memorandum of Understanding mit den USA, Belgien und Spanien unterzeichnet. Und wir werden in den nächsten Monaten Abkommen mit größeren europäischen Ländern der G20 unterzeichnen.

 

Österreich ist nicht dabei?

Zurzeit nicht, aber wir werden – sofern auf österreichischer Seite Interesse besteht – eines in nicht allzu ferner Zukunft unterzeichnen.

 

Sind Sie Pragmatiker oder Idealist?

Eine Vision ist wichtig, aber Pragmatismus, um diese Vision verwirklichen zu können, ist noch wichtiger.

 

Müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit manchmal zur Gelassenheit zwingen?

Normalerweise bin ich gelassen. Aber ich bin auch nur ein Mensch.

 

Italien macht also menschlich.

Die Arbeitstage sind derzeit lang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2013)

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