ILO-Chef: "Wir werden nie genug Jobs für alle haben"

Weltweit suchen fast 200 Millionen Menschen Arbeit. Daran wird sich so bald nichts ändern, warnt Guy Ryder, Chef der Internationalen Arbeitsorganisation. Der "Presse am Sonntag" erklärt er, warum wir Europäer unsere hohen Löhne immer noch wert sind.

ILOChef werden genug Jobs
ILOChef werden genug Jobs
ILOChef werden genug Jobs – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

In Europa sind mehr als fünf Millionen junge Menschen arbeitslos. Die EU will Milliarden ausgeben, um das zu ändern. Lässt sich dieses Problem wirklich mit Geld lösen?

Guy Ryder: Nicht mit Geld allein. Aber man braucht Geld. Die EU hat entschieden, sechs Milliarden Euro in Beschäftigungsgarantien zu investieren. Es ist wichtig, jungen Menschen diese Möglichkeit zu geben. In Europa ist fast jeder vierte Junge arbeitslos. Auch wenn es ein Klischee ist: Wir haben eine „verlorene Generation“.

Jugendarbeitslosigkeit ist kein neues Phänomen in Europa. Spanien hatte schon vor 20 Jahren viele junge Arbeitslose. Bleiben die strukturellen Probleme auf dem Arbeitsmarkt trotz der Milliardenausgaben ungelöst?

Es hat Bemühungen gegeben. In Spanien gab es eine Strukturreform des Arbeitsmarkts – ohne Einbindung der Sozialpartner. In Griechenland sind die Kollektivvertragsverhandlungen komplett neu aufgestellt worden. Leider haben die Reformen nicht die Resultate gebracht, die wir erhofft hatten. Die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Strukturreformen können Teil der Lösung sein. Allein funktionieren sie nicht.

Aber solange in Spanien oder Italien Angestellte praktisch unkündbar sind, werden sich Firmen weiterhin scheuen, jungen Menschen einen Arbeitsplatz anzubieten.

In Spanien waren vor der Krise viele Menschen prekär beschäftigt. Der Arbeitsmarkt war geteilt in einen Bereich für geschützte Arbeitskräfte und einen für Neuankömmlinge, die wenig Chancen hatten. Aber was haben wir seither gesehen? Einen Anstieg des Prekariats. Die Lösung für einen geteilten Arbeitsmarkt ist nicht, jeden in prekäre Beschäftigung zu drängen.

Wie bewerten Sie die Rolle der Gewerkschaften bei den Reformbemühungen?

Wir haben in Europa seit der Krise unterschiedliche Szenarien gesehen: In Südeuropa ist der soziale Dialog unter dem Stresstest der Krise zerbrochen. Ich war gerade in Griechenland, um Gewerkschaften und Arbeitgeber dazu zu bringen, dass sie wieder miteinander reden. Im Moment können sie das nicht. Das Positivbeispiel ist Irland: Auch hier ist die alte Sozialpartnerschaft weg. Aber es gibt eine neue.

Wie sieht die aus?

Der Zentralismus ist vorbei. Gewerkschaften setzen neue Prioritäten: Um Menschen in Beschäftigung zu halten, machen sie mitunter große Zugeständnisse bei den Löhnen. Das ist eine Lehre unserer Zeit.

Sind Europäer zu gut bezahlt?

In Spanien und Griechenland sind die Löhne sicher stärker gestiegen als die Produktivität. In den meisten EU-Ländern und in den Industrieländern weltweit war es in den vergangenen 20 Jahren jedoch umgekehrt. Die Produktivität stieg viel schneller als die Löhne. Da kann man kaum sagen, dass die Europäer überbezahlt sind. Seit 2000 sind die Reallöhne in den Industriestaaten um fünf Prozent gestiegen. Wir erleben eine Verschiebung der Einkommen weg von Arbeit und hin zum Kapital.

Welchen Anteil an der schwachen Lohnentwicklung haben die USA, welchen Europa?

Die US-Löhne haben 1999 ihren Höhepunkt erreicht. Seither stagnieren sie oder gehen leicht zurück. In Europa war es ein wenig anders.

Letztlich treten die Industrieländer im internationalen Wettbewerb aber nicht nur gegeneinander an, sondern müssen sich auch an den Schwellenländern messen.

Dieses Jahrhundert hat gezeigt, dass Reallöhne in Asien und Lateinamerika viel schneller gestiegen sind als in Europa. In China seit 2000 etwa um 300 Prozent, wenn auch von einem anderen Level. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Europas Wettbewerbsvorteil von niedrigen Löhnen abhängt. Europa hat Vorteile bei der Produktivität, in der Ausbildung und in der Technologie.

Wie lange wird die weltweite Krise auf dem Arbeitsmarkt noch bestehen bleiben?

Ich fürchte, wir haben sehr lange Zeit zu wenige Jobs. Wir haben fast 200 Millionen Menschen weltweit ohne Job. Aber ich bin kein Fatalist. Wie lange es dauern wird, hängt davon ab, was wir machen. Eine Abkürzung aus dieser Krise gibt es nicht.

Welche Rolle spielt da die demografische Entwicklung? Die Weltbevölkerung wächst schneller, als neue Jobs geschaffen werden. Wird es je genug Arbeit für alle geben?

Das ist ein interessantes Phänomen: Je nachdem, wo ich bin, reden die Menschen über die Vorteile einer jungen Bevölkerung für den Arbeitsmarkt oder ich höre: Oh Gott, es gibt so viele Menschen. Wie bekommen die alle einen Job? Ist es nun eine demografische Dividende oder eine Zeitbombe?

Und – was ist es?

Ich glaube nicht, dass steigende Bevölkerungszahlen das Ende der Welt bedeuten. Ich weiß aber auch, dass es unausweichlich ist zu sagen: Sorry, unter den heutigen Umständen werden wir nie genug Jobs für alle haben. Warum auch? Seit der Industrialisierung explodiert die Bevölkerungszahl. Aber trotz aller apokalyptischer Prophezeiungen sind uns nie die Ressourcen ausgegangen, und wir haben nie das maximale Level an Jobs erreicht.

Tatsache ist, dass weltweit viele Junge keinen Arbeitsplatz finden. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Ich werde oft gefragt: Ab wie vielen jungen Arbeitslosen kommt es zu sozialen Spannungen? Wann kommt die Revolution? Ich hätte 2007 nie gedacht, dass knapp 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ohne Revolution möglich ist. In Griechenland sehen wir genau das. Die echte Tragödie der Jugendarbeitslosigkeit ist eine menschliche. Wenn Junge am Anfang ihres Berufslebens länger als ein halbes Jahr nicht beschäftigt sind, spüren sie das ein Leben lang. Sie leben kürzer, sind kränker, verdienen weniger. Menschen reagieren unterschiedlich darauf. Manche gehen auf die Straße und demonstrieren, andere ziehen sich zurück.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil jener, die sich nicht mehr motivieren können, nach Arbeit zu suchen?

Wir wissen, dass sich seit Beginn der Krise mehr Menschen vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben, als arbeitslos geworden sind. Manche machen stattdessen eine Ausbildung. Andere gehen, weil sie demotiviert sind. Auffallend sind die Unterschiede zwischen den Ländern.

Und zwar?

Nehmen wir die Arabische Revolution. In Tunesien, wo alles gestartet ist, sind gerade die Uni-Absolventen arbeitslos. Sie erwarten traditionell, dass sie einen Job als Beamte bekommen. Seit der Revolution gibt es diese Jobs aber nicht mehr. Dass Akademiker in der Privatwirtschaft arbeiten können, müssen die Tunesier noch lernen. Auch China hat Probleme, für seine Akademiker Arbeit zu finden. Jedes Jahr kommen knapp sieben Millionen von ihnen auf den Arbeitsmarkt. Und sie sind nicht bereit, quer durch das Land zu wandern, nur weil im Westen in einer Fabrik ein Job frei ist. Gleichzeitig geißelt China Europas Sozialstaat und sagt, er habe die europäische Jugend demotiviert, weil er ihnen die Option gegeben hat, nicht zu arbeiten.

Lässt sich diese These wirklich so einfach von der Hand weisen?

Ich glaube, dass jeder vorankommen will im Leben. Und zwar mit Arbeit. Damit sage ich nicht, dass keine Reformen im Sozialsystem notwendig sind. Wir müssen die Abhängigkeit von der Wohlfahrt reduzieren und Druck ausüben, damit Menschen Arbeit annehmen. Aber die Idee, dass junge Europäer nicht arbeiten wollen, ist verrückt.

Guy Ryder
wurde am 3. Jänner 1956 in Liverpool geboren. Der Brite ist Gewerkschafter aus vollem Herzen und war jahrelang Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes.
Seit 2012

führt der studierte Sozial- und Politikwissenschaftler die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Fabry

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2013)

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