Nazis, Gold und Euro: Die unheimliche Macht der BIZ

Sie ist extrem mächtig, undemokratisch und fast völlig unbekannt: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Ein neues Buch wirft Licht auf ihre spannende Geschichte.

Nazis Gold Euro unheimliche
Nazis Gold Euro unheimliche
Nazis Gold Euro unheimliche – (c) EPA (PATRICK STRAUB)

Sie ist die wichtigste internationale Organisation, von der die allermeisten noch nie gehört haben. Sie ist die älteste aller globalen Finanzorganisationen, weit älter als die bekannteren – wie Weltbank oder Internationaler Währungsfonds. Sie hat sich viele Male neu erfunden, um als Institution zu überleben – und dabei stets diesem einen Ziel gedient, dessen bloße Erwähnung manchen die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte. Das Ziel? Die Sicherung des internationalen Kapitalverkehrs unter allen Umständen – und sei es ein Weltkrieg.

Sie hat mit den Nazis kooperiert (und zwar während und nach der NS-Herrschaft, als viele Top-Nazis ihre eigene Biografie rasch umschrieben), und war eine Art Mittelding zwischen Mutter und Hebamme der europäischen Gemeinschaftswährung, des Euro. Die Rede ist von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Ihr Sitz: Basel.


Kosmopolitischer Klub. Der englische Journalist und Krimiautor Adam LeBor hat die erste definitive Geschichte der BIZ vorgelegt. Und dabei seine Spezialgebiete perfekt miteinander verknüpft. „Tower Of Basel“ ist ein journalistischer Thriller geworden. LeBor hat sich durch alle Unterlagen gewühlt, die zur Verfügung stehen – auch im Archiv der BIZ selbst. Und er hat sich (trotz seiner an manchen Stellen deutlich herauslesbaren Abneigung gegen „arrogante Technokraten“) meisterhaft in die Köpfe der handelnden Personen hineinversetzt, was das Buch umso lesbarer macht. Denn die Geschichte der BIZ ist tatsächlich viel mehr die Geschichte einiger mächtiger Notenbanker, als die Geschichte einer drögen Institution.

Wir schreiben das Jahr 1930, Europa erholt sich noch immer vom Ersten Weltkrieg, dass der Zweite in neun Jahren bereits starten wird, ahnt aber niemand. Noch nicht einmal die Bestrafung Deutschlands für seine Schuld am ersten Krieg ist geklärt. Die BIZ wird gegründet, um die deutschen Reparationszahlungen zu überwachen. Die BIZ-Gründungsväter Hjalmar Schacht und Montagu Norman hatten aber schon damals einen ganz anderen Traum. Den Traum eines exklusiven, kosmopolitischen Klubs für Notenbanker. Ein Ort, wo sie ungestört von Politikern und Volk Entscheidungen treffen und Netzwerke knüpfen könnten.


Wie „Fight Club“. Deutschland stellte die Reparationszahlungen rasch ein, aber mit der Gründung der BIZ hatten Schacht (später der Architekt von Hitlers Kriegswirtschaft und Reichsbankpräsident) und Norman (der Chef der Bank of England) ihr Ziel erreicht. Die BIZ steht – bis heute – über jedem Gesetz. Sie ist niemandem verantwortlich, ihre Mitarbeiter immun – die Schweizer Behörden haben noch nicht einmal Zugang zum (neuen) Hauptquartier, das ohnehin mit Krankenhaus und Bunker ausgestattet ist – für alle Fälle. Das erste Hauptquartier war gar in einem aufgelassenen Hotel untergebracht – auf ein Türschild wurde verzichtet. Erste Regel der BIZ ist Geheimhaltung, ein bisschen wie bei „Fight Club“. Aber im 21. Jahrhundert ist es zunehmend schwierig, im Hintergrund zu bleiben.

Mitte des 20. Jahrhunderts war das noch ganz anders. LeBor beschreibt in seiner Geschichte der BIZ fast nebenbei, wie die offiziell verfeindeten Länder auch während des Kriegs weiterhin Handel miteinander betrieben – eben mithilfe der BIZ. Eine zentrale Rolle spielte die Bank bei der „Verwaltung“ der Goldreserven – und behielt dabei stets ihre fast schon schmerzhaft neutrale Haltung. Anders als zuletzt berichtet war es nämlich nicht die Bank of England, die den Nazis das Gold der Tschechoslowakei aushändigte. Denn was an die Nazis ging, war das Gold, das die BIZ für die Tschechoslowakei in London gelagert hatte. Und die entschied: Da es nach dem Einmarsch Deutschlands offiziell keine Tschechoslowakei mehr gab, gehöre auch das Gold den Deutschen.

Mit dem Gold der baltischen Länder sprang man Jahrzehnte später ganz anders um – Moskau verlangte die Auslieferung immer und immer wieder, scheiterte aber. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging das baltische Gold unversehrt an die befreiten Länder. Dass die BIZ während des Krieges von Nazi-Offiziellen als „einzige echte ausländische Filiale der Reichsbank“ bezeichnet wurde, hängt der Institution also wohl zu Recht bis heute nach.


Hebamme des Euro. Ihre Kriegsgeschichte hinderte die BIZ nach dem Krieg aber nicht daran, weiter an Einfluss zu gewinnen. Die Bank, die das Gold der Tschechen an die Nazis geliefert hatte, stand von Anfang an in der Mitte der Planungen einer europäischen Währung. Der Delors-Report, eine Art Gründungsdokument des Euro, wurde in Basel bei der BIZ erarbeitet – weil die Zentralbankchefs sich ohnehin regelmäßig dort trafen.

Und der ungarische Ökonom Alexandre Lamfalussy, der als „Vater des Euro“ gilt, war 23 Jahre lang bei der BIZ tätig, zuletzt als deren Chef – bis er 1993 das European Monetary Institute gründete – das seinen ersten Sitz auch im BIZ-Turm hatte. Das EMI war der Vorläufer der Europäischen Zentralbank. Und diese ist selbst ein Enkelkind der BIZ. Vor allem die einzigartige Unabhängigkeit der EZB trägt die Handschrift der BIZ. Sogar der Fed–Chef muss sich vor dem Kongress verantworten. Nicht so der EZB-Chef.

Von Basel aus regieren also Technokraten und Notenbanker die Welt – und Adam LeBors Buch lässt offen, ob das nun gut oder schlecht ist. Eines ist aber sicher: Das gern gebrauchte Argument, dass „staatliche“ Zentralbanken die Geldproduktion unter demokratische Kontrolle stellen würden, vernichtet dieses Buch über die Geschichte der BIZ vollkommen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Notenbanker dürfen tatsächlich schalten und walten, wie sie wollen. Und dann behaupten, es wäre doch bloß zu unserem Besten.

»Tower of Basel«

1930 wurde in Basel die Bank of International Settlements (BIS) gegründet – ursprünglich, um die Zahlung deutscher Kriegsschulden zu organisieren. Seitdem ist die BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) zum geheimnisvollen Zentrum der Finanzwelt geworden. Auch die sogenannten Basel-Regeln für Banken entstehen in der BIS (BIZ).

Adam LeBor hat mit „Tower of Basel“ die erste definitive Geschichte der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vorgelegt: von 1930 bis 2013. Es ist auch eine Geschichte Europas im 20. und 21. Jahrhundert und LeBor stellt einige unangenehme Fragen über die scheinbar uneingeschränkte Macht der Zentralbanken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2013)

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