Die politische Korrektheit des russischen Billy-Regals

Die Anpassung an autoritäre Systeme befleckt erneut Ikeas Image. Von Feigheit und vorauseilendem Gehorsam sprachen homosexuelle Aktivisten in Schweden.

(c) EPA (Thord Nilsson)

Wien. Auf der Gratwanderung zwischen der Einhaltung westlicher Standards und der Anpassung an Leitlinien autoritär geprägter Zielmärkte ist dem schwedischen Möbelkonzern Ikea ein pikanter Lapsus unterlaufen. In der jüngsten Ausgabe des weltweiten Kundenmagazins mit seinen 200 Millionen Auflagen befindet sich eine Reportage über das lesbische Paar Clare und Kirsty. Freilich nicht das ist der Skandal. Für Verblüffung sorgt, dass Ikea diese Geschichte aus dem Katalog für den russischen Markt gestrichen hat. Lieber Iwan und Olga als Clare und Kirsty, scheint sich das Marketing gedacht zu haben. Die Selbstzensur wurde von der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“ aufgedeckt.

Von Feigheit und vorauseilendem Gehorsam sprachen homosexuelle Aktivisten in Schweden: Mit dem Artikel hätte man nämlich auch testen können, was Russland denn wirklich unter homosexueller Propaganda verstehe.

Eine solche – und zwar in Anwesenheit von Minderjährigen – oder über Medien wie das Internet ist in Russland seit Sommer verboten. Drohen Russen Geldstrafen bis zu 22.500 Euro, so Ausländern gar die Ausweisung oder 15 Tage Gefängnis. Das Verbot hat international für heftige Kritik gesorgt.

Um nicht in einen Konflikt mit dem Gesetz zu geraten, hätten Juristen von einer Veröffentlichung der Reportage abgeraten, erklärte Ikea-Sprecherin Ylva Magnusson am Donnerstag.

 

Die Grenze ist fließend

Die Grenze zwischen Gesetzestreue und Aufgabe von sonst gerade in Skandinavien hochgehaltenen Prinzipien scheint fließend. In Saudiarabien hat Ikea in der Vergangenheit sämtliche Frauen aus dem Katalog wegretuschiert, um sie im Jahr 2014 übrigens wieder abzubilden. Von einer russischen Ikea-Internetseite wurde 2012 ein Foto gelöscht, weil die vier Jugendlichen in Sturmmasken zu sehr Assoziationen mit der mittlerweile inhaftierten Frauen-Punkband Pussy Riot aufweisen.

Die Nuancen zeigen die Gratwanderung, die auch andere Unternehmen bei der Adaption an kulturelle oder autoritär oktroyierte Besonderheiten vollziehen müssen. Bei Ikea in Russland ist sie deshalb umso auffälliger, als sich die Schweden gerade dort in anderen Belangen als Pionier des Prinzipiellen und westlicher politischer Korrektheit positioniert haben. Und zwar in der Weigerung, Schmiergeld zu zahlen, wie dem Buch „Trotz der Absurdität“ vom ehemaligen Ikea-Russland-Chef Lennart Dahlgren zu entnehmen ist. Untertitel: „Wie ich Russland bezwungen habe – und Russland mich“.

Andere Unternehmen und Politiker agieren subtiler oder mitunter auch plumper und werden so zu Neoherolden autoritärer Systeme. Im Fall Russlands werben sie nicht nur für Verständnis für den „Sonderweg“, sondern reden an sich systematische Menschenrechtsdefizite als Kollateralschäden auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft klein. Ironischerweise bekräftigen sie damit jene Dichotomie in einer autoritären Gesellschaft, die vielfach darin besteht, dass das herrschende Establishment sich einen westlichen Lebensstil mit allen Attributen zu eigen macht, während dem Volk die Schädlichkeit westlichen Einflusses propagiert und dieser möglichst ferngehalten wird.

 

Nicht nur ein Problem von Ikea

Dabei wollen westliche Unternehmer eigentlich gerade das Volk und immer mehr auch die aufstrebende Mittelschicht als Kunden und Käufer westlicher Produkte gewinnen. Die Nachfrage nach dem global kompatiblen Billy-Regal westlicher Prägung ist da. Auch bei den konservativen Russen wird eine qualitative Wohnungsrenovierung buchstäblich „Euro-Remont“ genannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2013)

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