George, der Drachentöter: Der Schatzkanzler als Held der Briten

Die Erholung der Wirtschaft stellt für George Osborne einen persönlichen Triumph dar. Jetzt muss er die Insel vor einem neuerlichen Crash bewahren.

George Osborne
George Osborne
George Osborne – APA/EPA/ANDY RAIN

London. Den (vorläufigen) Tiefpunkt seiner Karriere erreichte George Osborne außerhalb der politischen Arena. Als der britische Schatzkanzler am 3.September 2012 bei den paralympischen Spielen in London zur Medaillenverleihung schritt, wurde er vor den Augen seiner Kinder gnadenlos ausgepfiffen. Als „Dieb“ bezeichnete ihn sogar der Ökonom David Blanchflower wegen seines umstrittenen Sparkurses, der nach Ansicht der Gegner Osbornes die Wirtschaftskrise in Großbritannien verlängert und vertiefte. In den letzten Monaten hat sich das Blatt aber dramatisch gewendet, und zum Jahreswechsel wählte die „Times“ nun Osborne zum „Briten des Jahres“.

Tatsache ist, dass die britische Wirtschaft (die 2008/09 um 7,2Prozent eingebrochen ist) wieder wächst – und das stärker als in jeder anderen führenden Industrienation, mit Ausnahme der USA. Die Prognose für das abgelaufene Jahr durfte Osborne zuletzt von 0,6 auf 1,4 Prozent anheben, und für das neue Jahr werden mindestens 2,4 Prozent erwartet. Zugleich hat die Arbeitslosigkeit mit 7,4 Prozent einen neuen Tiefststand erreicht, ist die Inflation auf 2,1 Prozent gesunken und liegt die Zuversicht der Industrie auf dem höchsten Stand seit 1997. „Wenn jemand politische Anerkennung verdient hat, dann ist das in hohem Ausmaß Osborne“, lobt die „Times“.

 

Premier stärkte den Rücken

Für den 42-jährigen Schatzkanzler stellte die beginnende Erholung der Wirtschaft auch einen persönlichen Triumph dar. Nach dem allgemein als desaströs beurteilten Budget 2012 machten sogar in den eigenen Reihen Gerüchte über seine Abberufung die Runde. Premierminister David Cameron hielt freilich an Osborne fest. Es ist eine Partnerschaft, die an das Duo Tony Blair/Gordon Brown erinnert, wenngleich die beiden bisher erfolgreich jeden Eindruck politischer Dissonanzen vermeiden konnten.

Doch wie einst Brown scheint auch Osborne der führende politische Kopf des Duos. Der Schatzkanzler ist auch Chefstratege seiner Partei und gibt klar die Richtung vor. Während Cameron den Typus des ländlichen Konservativen verkörpert, ist Osborne der urbane und kühle Liberale. Wie Cameron kommt er aus reichem Elternhaus mit adeligen Vorfahren und hat in Oxford studiert. Als „zwei arrogante und verwöhnte Buben, die kein Interesse daran haben, das Leben der anderen Menschen zu verstehen“, attackierte die konservative Abgeordnete Nadine Dorries im vergangenen Jahr das Spitzenduo ihrer eigenen Partei.

Während selbst die Opposition nun zähneknirschend anerkennen muss, dass der Aufschwung da ist, besteht für Osborne und seine Truppe die größte Herausforderung darin, den Bürger etwas davon spüren zu lassen. Wenn Labour-Führer Ed Miliband von einer „Krise der Lebenshaltungskosten“ spricht, drückt er aus, was die Briten empfinden: 48 Prozent der Briten sagen, vom Aufschwung bisher nicht profitiert zu haben. Nur sieben Prozent sehen sich als Nutznießer. Die Krise hat ernste Reallohnverluste gebracht, nach Berechnungen der Resolution Foundation wird das Haushaltseinkommen 2020 bei anhaltendem Trend 15 Prozent tiefer als 2008 liegen – auf dem Niveau von 1993.

 

Gefahr der Schuldenfalle

Entsprechend spitzt sich der Kampf um die Wahlen im Mai 2015 zu. Wenn Meinungsforscher heute die Frage „Geht es Ihnen heute besser als bei der letzten Wahl?“ stellen, liegt Labour vorn. Zugleich aber will eine Mehrheit eher den Konservativen die Führung über die Wirtschaft anvertrauen. „Bis zur Wahl wird Osborne sechs Quartale mit Wachstum verkünden dürfen. Dagegen haben wir keine Chance“, fürchtet ein Labour-Abgeordneter.

Das Forschungsinstitut IPPR warnt allerdings, dass der Aufschwung genau auf jenen Faktoren beruht, die den letzten Crash verursacht haben: steigende Immobilienpreise und wachsende Konsumausgaben der Privathaushalte. Vor diesem Hintergrund fürchtet die Resolution Foundation, dass selbst eine minimale Erhöhung des Leitzinssatzes „Millionen in die Schuldenfalle“ stürzen wird.

Angesichts dieser Gefahren versagen sich Osborne und die Regierung auch jede triumphierende Geste. „Die Wirtschaft ist über den Berg“, sagte Premier Cameron in seiner Neujahrsansprache. Und Osborne wird nicht müde zu betonen: „Die Arbeit ist noch nicht erledigt.“ Ist er damit erfolgreich, hat er gute Chancen, eines Tages Cameron, von dem viele Konservative enttäuscht sind, abzulösen.

Da wird freilich auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson noch ein Wörtchen mitreden wollen – während still und leise Innenministerin Theresa May längst daran arbeitet, sich in Position zu bringen.

ZUR PERSON

George Osborne ist seit dem Wahlsieg der Konservativen im Mai 2010 Schatzkanzler Großbritanniens unter Premier David Cameron. Sein rigoroser Sparkurs stieß auf harte Kritik, war aber erfolgreich. Der 42-jährige Spross einer wohlhabenden Adelsfamilie studierte Neuere Geschichte in Oxford. Seine ersten Sporen verdiente er sich als Berater des Landwirtschaftsministeriums während der BSE-Krise. Als er 2001 in das House of Commons einzog, war er der jüngste Abgeordnete der Konservativen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2014)

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