"Zu viele Studenten": Wirtschaft schlägt Alarm

Die Zahl der Lehrlinge geht stark zurück. Schuld ist laut Unternehmerverband der "Trend zur Akademisierung um jeden Preis". Österreichs Wirtschaftskammer teilt die Sorge, die Industriellenvereinigung nicht.

Bauarbeiter
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Berlin. Jahr für Jahr steigt in Deutschland und Österreich die Zahl der Studierenden. Jahr für Jahr preisen Politiker den Anstieg als Erfolg ihrer Bemühungen, die Akademikerquote zu erhöhen. Doch nun kommen scharfe Misstöne aus der deutschen Wirtschaft: Der angebliche Segen sei ein Fluch, es gebe bereits zu viele Studenten und zu wenige Lehrlinge.

„Dem Wirtschaftsstandort Deutschland droht nachhaltiger Schaden, wenn der Trend zur Akademisierung um jeden Preis nicht gestoppt wird“, warnt Eric Schweitzer, der Präsident des deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Die „undifferenzierte Forderung“ nach mehr Studenten habe dazu geführt, „dass Hörsäle aus allen Nähten platzen, während Unternehmen händeringend Azubis suchen“. Tatsächlich geht die Zahl der Ausbildungsverträge für Lehrlinge stark zurück, um fast sieben Prozent in den vergangenen beiden Jahren. Dafür schnellt die Studienanfängerquote in die Höhe: Begannen 2006 nur knapp 36 Prozent des entsprechenden Geburtsjahrganges ein Hochschulstudium, sind es im aktuellen Studienjahr fast 58 Prozent.

Eine „Fehlentwicklung“, klagte schon im Vorjahr die CSU – weil nur für ein Fünftel der Stellen auf dem Arbeitsmarkt ein akademischer Abschluss erforderlich sei. Auch Julian Nida-Rümelin, der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister unter SPD-Kanzler Schröder, kritisierte den „Akademisierungswahn“.

 

Systeme schwer vergleichbar

Die deutsche Bildungsministerin Johanna Wanke verweist hingegen auf die besonders niedrige Arbeitslosigkeit unter Akademikern. Nida-Rümelin hält das in einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ für einen „Denkfehler“: Jene, die etwas höher qualifiziert schienen, würden es immer leichter haben, einen Job zu finden – auch wenn dafür früher ein Realschulabschluss genügte. „Das heißt aber nicht, dass die Gesamtarbeitslosigkeit sinkt, wenn immer mehr die sogenannten höheren Abschlüsse haben.“

Die Bildungsökonomen der OECD haben Deutschland, Österreich und die Schweiz lange für angeblich zu niedrige Akademikerquoten geprügelt. Länder wie Großbritannien oder Spanien, wo sie doppelt so hoch sind, wurden gelobt. Nun leiden aber eben diese Länder besonders stark unter Jugendarbeitslosigkeit, während in den deutschsprachigen Ländern mit ihrem dualen System aus Lehre und Berufsschule viel mehr Jugendliche Beschäftigung finden.

Freilich sind die Bildungssysteme schwer zu vergleichen. Viele Berufe, die in Österreich in der Berufsschule oder der HTL gelehrt werden, erfordern andernorts ein Hochschulstudium. Weil diese Ausbildung aber meist rein theoretisch ist, sind die Jobchancen der Absolventen oft schlechter.

In Österreich übersteigt die Nachfrage nach Lehrstellen noch das offizielle Angebot. Aber für Alfred Freundlinger, Bildungsexperte bei der Wirtschaftskammer, erklärt sich die Lücke damit, dass „manche Unternehmen ihren Bedarf nicht beim AMS melden und viele Jugendliche nicht vermittelbar sind“. Tatsächlich werde es für die Firmen immer schwieriger, talentierte Lehrlinge zu bekommen. Die Gefahr bestehe, dass wie in Deutschland der Anteil der Lehrlinge kleiner werde – eine durchaus „problematische“ Entwicklung.

Die Gefahr von zu wenigen Lehrlingen sieht Peter Koren nicht. Der Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung betont aber den Bedarf an Technikern, Lehrlingen wie auch Uni-Absolventen. In den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) fehlen in Österreich 1000 Akademiker; gäbe es den „Erfolgsfaktor“ HTL nicht, wäre die Lücke um 1500 höher. Deshalb sollten Politik und Bildungswesen die „Lust an der Technik“ fördern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2014)

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