Die 15-Stunden-Woche: Was wurde aus Keynes' Vision?

1930 schrieb John Maynard Keynes, dass die Menschen in 100 Jahren nur noch drei Stunden am Tag arbeiten müssen. Warum lag der britische Ökonom so falsch?

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Es war eine nette, kleine Gesellschaft des Political Economy Clubs im englischen Cambridge, die 1928 vermutlich den Eindruck bekam, dass John Maynard Keynes einen ziemlichen Schuss hat. Der Klub, gegründet übrigens von James Mill, dem Vater des libertären John Stuart Mill, hörte erstmals, wie sich Keynes das Leben in 100Jahren vorstellt.

Zwei Jahre später konnte es die ganze Welt lesen, als der britische Ökonom seine Visionen in einem bemerkenswerten Aufsatz zusammenfasste: „Economic Possibilities for our Grandchildren“ („Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“). Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise meinte Keynes, dass aufgrund des Fortschritts, der immer höheren Produktivität und des steigenden Vermögens „das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte“. Die Menschen werden im Jahr 2030 von den „drückenden wirtschaftlichen Sorgen erlöst sein“, ihr größtes Problem werde es vielmehr sein, „wie die Freizeit auszufüllen ist“. Denn „Drei-Stunden-Schichten oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche“ seien völlig ausreichend, um die Lebensbedürfnisse zu befriedigen.

84 Jahre später arbeiten wir 40 Stunden in der Woche (gesetzliche Normalarbeitszeit), verabschiedet sich der ÖGB von seiner Forderung nach einer kürzeren Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich, hat Frankreich viele schlechte Erfahrungen mit seiner 35-Stunden-Woche gemacht und werden in All-in-Verträgen immer mehr Überstunden eingerechnet. Nur Psychologen sprechen noch davon, dass man die Arbeitszeit auf 30 Stunden verkürzen müsse, um Burn-outs zu verhindern – und Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, der für ganz Europa die 34-Stunden-Woche fordert.

Was wurde aus Keynes' Vision? Warum lag der Ökonom in seinem Aufsatz, der in vielen anderen Vorhersagen – der Steigerung der Wirtschaftsleistung etwa oder des Vermögens – so präzise war, bei der Arbeitszeit derart daneben? „Keynes glaubte an die Dominanz der Vernunft“, meint Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. „Insofern war er naiv.“ „Er hat die Entwicklung überschätzt“, meint Christian Keuschnigg, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS). „Viele Menschen können es sich gar nicht leisten, weniger zu arbeiten.“ Er habe schlicht eine sehr menschliche Eigenschaft unterschätzt, glauben Edward und Robert Skidelsky in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“: die Gier der Menschen. Die der arbeitenden und jene der Unternehmer. Erstere würden durch mehr Arbeit immer mehr Geld verdienen wollen, zweitere ihre Gewinne nicht weitergeben.

John Maynard Keynes hat allerdings 1930 sehr wohl konstatiert, dass „Bedürfnisse, die das Verlangen nach Überlegenheit befriedigen, unersättlich sind“. Das aber gelte nicht für die absoluten Bedürfnisse (gemeint sind damit Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung), und „es mag vielleicht bald ein Punkt erreicht sein (. . .), an dem diese Bedürfnisse in dem Sinne befriedigt sind, dass wir es vorziehen, unsere weiteren Kräfte nicht wirtschaftlichen Zwecken zu widmen“. Und das werde, schrieb der Volkswirtschaftler, zu einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung führen: „Die Liebe zum Geld (. . .) wird als das erkannt werden, was es ist: ein ziemlich widerliches, krankhaftes Leiden, eine jener halb kriminellen, halb pathologischen Neigungen, die man mit Schaudern den Spezialisten für Geisteskrankheiten überlässt.“

Etwas wird der Fortschritt und das Leben von Zinseszinsen, die nur noch kurze Arbeitszeiten notwendig machen, laut Keynes aber mit sich bringen: eine schwere Sinnkrise. „Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung wird der Mensch damit vor seine wirkliche, seine beständige Aufgabe gestellt sein, wie seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszufüllen ist.“ Für „diejenigen, die für ihr tägliches Brot schwitzen müssen“, meint der Ökonom, „ist Freizeit eine lang ersehnte Süßigkeit – bis sie sie bekommen“.

Daher werde in der Zukunft ein Problem um sich greifen, das es zu Keynes' Zeiten vor allem in der britischen Oberschicht gab: „unglückliche Frauen, die durch ihren Wohlstand ihrer traditionellen Aufgaben und Beschäftigungen beraubt wurden, die es nicht hinreichend unterhaltend finden können, ohne den Druck wirtschaftlicher Notwendigkeit zu kochen, sauber zu machen und zu flicken und derzeit noch nicht in der Lage sind, irgendetwas mehr Unterhaltendes zu finden“.


Wandel der Gesellschaft.
Keynes aber sieht 1930 einen großen, gesellschaftlichen Wandel kommen, allerdings erst nach „wenigstens noch einmal hundert Jahren“: Die Menschen würden „die neu gefundenen Gaben der Natur ganz anders nutzen als es die Reichen heute tun, und dass wir einen Lebensplan für uns entwerfen werden, der ganz anders als der ihre ist“. Man werde zu den „zuverlässigsten Grundsätzen der Religion und der althergebrachten Werte zurückkehren – dass Geiz ein Laster ist, das Eintreiben von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld abscheulich, wie seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszufüllen ist.und dass diejenigen am wahrhaftigsten den Pfad der Tugend beschreiten (. . .), die am wenigsten über das Morgen nachdenken. Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und das Gute dem Nützlichen vorziehen.“


Warum mehr Güter statt mehr Freizeit?
„Keynes glaubte, dass die gesellschaftliche Entwicklung von Vernunft geprägt ist“, sagt Schulmeister. „Das war die falsche Annahme.“ Nobelpreisträger Joseph Stiglitz stellte sich 2008 in einem Aufsatz über Keynes Visionen („Toward a General Theory of Consumerism: Reflections on Keynes' Economic Possibilities for our Grandchildren“) die Frage, warum die Menschen „sich entschlossen haben, so wenig Freizeit zu haben? Warum arbeiten die Menschen so hart und so lange? Warum haben sich höhere Löhne und Wohlstand hauptsächlich in mehr Gütern niedergeschlagen, nicht in mehr Freizeit?“

Tatsächlich hat sich die Arbeitszeit seit Keynes' Aufsatz kontinuierlich verringert, blieb dann aber seit den 1970er-Jahren weitgehend gleich. Im Jahr 1900 arbeitete man in Europa von Montag bis Samstag noch 60 Stunden pro Woche und mehr. 1918 wurde der Acht-Stunden-Tag (48-Stunden-Woche) umgesetzt, in Österreich wechselte man Ende der 1950er-Jahre zur Fünf-Tage-Woche, 1959 arbeitete man 45 Stunden, 1972 betrug die Normalarbeitszeit 42 Stunden, ab 1975 lag sie bei 40 Stunden und seit 1985 gelten für manche Branchen in Österreich 38,5 Arbeitsstunden pro Woche. Rechnet man Feiertage und die seit 1930 stetig gestiegenen Urlaubstage dazu, kommt man in Österreich auf eine jährliche Arbeitszeit von 1576 Stunden.

Die Länge der Arbeitszeit hängt dabei nicht mit der Produktivität zusammen (siehe unten stehenden Bericht), sehr wohl aber mit der Höhe des Einkommens. Und genau das sei maßgeblich für Keynes' Irrtum verantwortlich, meint IHS-Chef Keuschnigg: „Die untere Hälfte der Einkommensbezieher lebt nicht im Überfluss. Bei ihrem Lohn und den Lebenskosten haben sie nicht die Wahl, weniger zu arbeiten.“

Stiglitz nennt in seiner Abhandlung 2008 Zahlen des Medianeinkommens von männlichen US-Amerikanern im Alter zwischen 30 und 40 Jahren: „Ihr Einkommen war 2004 geringer als 1974. Höhere Löhne hätten vielleicht zu mehr Freizeit geführt, das Problem war aber einfach, dass die Löhne der meisten arbeitenden Menschen schlicht nicht erhöht wurden.“


„In the long run . . .“ 2030 sei vielleicht zu kurz gegriffen, heißt es in einem Artikel der britischen Keynes-Gesellschaft über die Theorien. Möglicherweise werde die Vision des Ökonomen erst ein paar Jahrzehnte später Wirklichkeit werden.

Dazu hatte John Maynard Keynes freilich schon früh einen seiner wohl berühmtesten Gedanken. „Die lange Sicht ist ein schlechter Führer in Bezug auf die laufenden Dinge“, schrieb er 1923 in „A Tract on Monetary Reform“ („Ein Traktat über Währungsreform“). „Auf lange Sicht sind wir alle tot.“

Steckbrief

John Maynard Keynes
wurde 1883 in Cambridge geboren (gestorben 1946). Er studierte Mathematik und später Nationalökonomie.

Keynesianismus
wird sein Ansatz genannt, die Wirtschaft bei Bedarf durch höhere Staatsausgaben und durch eine expansive Geldpolitik zu beleben.
Corbis

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)

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