Das schnellste Fahrrad der Welt

In die Pedale treten und auf über 100km/h beschleunigen: Mit der neuen Fahrzeuggattung „eRockit“ will der Leobner Stefan Gulas von Berlin aus die Welt erobern.

Stefan Gulas auf seinem eRockit
Stefan Gulas auf seinem eRockit
Stefan Gulas auf seinem eRockit – eRockit

Berlin. Neulich Nacht, im Berliner Westend. Stefan Gulas überholt mit seinem wundersamen Gefährt ein Mercedes-Coupé. An der Kreuzung beugt sich eine „Trophäenschnecke“ in den frühen Zwanzigern aus dem Beifahrerfenster und gerät in Ekstase: „Wahnsinn, das ist ja toll, das kenn ich aus dem Fernsehen!“ Mit einem Mal ist ihr Macker am Volant wie abgemeldet. Erst recht, als die Ampel auf Grün schaltet und der vermeintliche Radfahrer dem Luxuswagenlenker davonstrampelt wie eine Rakete.

Was ist das für ein Ding, das der Unternehmer aus Leoben in seiner Manufaktur in Marzahn produziert? Ein Fahrrad? Nein, denn es hat einen Elektromotor. Ein strombetriebenes Motorrad? Nein, denn der Fahrer muss in die Pedale treten. Ein E-Bike also? Da kommen wir der Sache näher. Doch trennen Welten der Technik und des Lebensgefühls das eRockit vom biederen „Oma-Rad“, das müden Fahrern per Akku nachhilft – meist nur bis maximal 25km/h, damit es vor dem Gesetz noch als normales Fahrrad durchgeht.

 

Scheinbar stark wie Superman

Wer aber ein eRockit reitet, fühlt sich stark wie Superman auf Rädern. Es verschafft die berauschende Illusion, man bewege sich aus eigener Muskelkraft so schnell fort wie ein Auto – mit 80km/h, in einer stärkeren Version ab Mai mit über 100km/h. Denn die rotierenden Pedale treiben nicht direkt das Hinterrad an, sondern wirken wie ein Gaspedal. Über Generator, Computer und Elektromotor multipliziert sich der menschliche Impuls mit fünfzig. Höhere Gänge sind schwerer zu treten, aber das ist virtuell und willkürlich wie beim Hometrainer – es verstärkt nur den beflügelnden Selbstbetrug.

Gulas, der an der Montan-Uni Bergwesen studiert hat und sich selbst „zwei linke Hände“ bescheinigt, ist kein genialer Tüftler, sondern ein visionärer Sturkopf – mit etwas Pech beim Timing. Kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase hatte der unternehmerische „Überlebenskünstler“ ein Internet-Start-up im Silicon Valley aufgezogen und so flugs eine „sechsstellige Summe“ in den Sand gesetzt. Die Idee zum eRockit kam ihm 2004, als das Thema Elektromobilität gerade eine totale Flaute erlebte. An Investoren war nicht zu denken, er konnte ja nicht einmal einen Prototyp herzeigen. Dafür hätte Gulas Ingenieure aus gut dotierten Jobs abwerben müssen – zu teuer, zu riskant. Ein Glück, dass er mit Frau und drei Kindern nach Berlin gezogen war. Hier ist vieles möglich, was sonst nirgendwo geht.

Zum Beispiel Hausbesetzer anzuheuern. Über einen Fahrradhändler kam der heute 43-Jährige in Kontakt mit der Szene. Hier fand er, was er suchte: geschickte Bastler, Zweiradmechaniker, Schlosser. Lauter genügsame, eifrige und kompetente Arbeitslose, die nur deshalb keinem Beruf nachgehen, weil sie das kapitalistische System verachten. Am Luftschloss eines Träumers bauten sie für ein Taschengeld gern mit. „Das Design hat ein Schulabbrecher entworfen. Später haben wir dafür Preise gewonnen.“ Das ging gut bis 2009, als Sat1 von der revolutionären Erfindung Wind bekam. Damit wurde es den linken Mitstreitern „zu kommerziell“ – und Gulas stand wieder allein da.

 

Investoren „mit Eiern“ gesucht

Aber mittlerweile war der Prototyp fertig. Sechs mittelständische Unternehmer beteiligten sich an einer GmbH, eine Investitionsbank vergab Kredite – das Projekt bekam Fundamente. Im Vorjahr begann die Produktion mit zehn Mitarbeitern. Der erste Kunde: ein „bekannter österreichischer Kabarettist“. Heuer werden in Summe 100Stück ausgeliefert, bereits mit „positivem Deckungsbeitrag“, ohne jede Förderung. Für 2015 stehen 300 Exemplare in der Planung, im Jahr darauf 600.

Alles weiter in Handarbeit, mit High-End-Zulieferteilen und erlesenen Materialien, bis zum Schutzblech aus Karbon. So viel Luxus und Lebensfreude hat ihren Preis: 12.460 Euro, in Österreich noch etwas mehr. Dennoch schätzt Gulas, der „schon als Neunjähriger“ Unternehmer werden wollte, das Potenzial seiner neuen Fahrzeuggattung in ganz anderen Dimensionen ein. Sein Kalkül: Eineinhalb Millionen Motorräder westlichen Zuschnitts werden jedes Jahr verkauft. Wenn er nur ein Zwanzigstel davon umleiten könnte, hätte er „aus dem Nichts“ einen Markt für 75.000 eRockits geschaffen – ein „Google auf zwei Rädern“.

Für solche Dimensionen sucht er freilich noch Risikokapitalgeber. Doch „Investoren, die Eier haben“, seien in Europa nicht leicht zu finden. Sogar mit zwei Milliardären, einem deutschen und einem chinesischen, war er im Gespräch. Aber der Fahrzeugmarkt, der von mächtigen Playern beherrscht wird, schreckt Financiers ab. Dabei ist seine Erfindung durch Patente gesichert, „den Motorradherstellern fehlt die Tretkompetenz“, den Fahrradproduzenten das Know-how für die ausgefeilte Elektronik. Und wenn doch irgendwann so jemand wie BMW seine „Würschtlbude“ aufkaufen will – „das wäre doch ein schöner Exit“.

DAS PRODUKT

Das „eRockit“ ist das schnellste für den Straßenverkehr zugelassene Fahrrad der Welt. Es ein Elektromotorrad, bei dem der Tritt in die Pedale nur die Geschwindigkeit steuert. Der Fahrer braucht einen Führerschein, einen Helm– und eine dicke Brieftasche: Das neuartige Gefährt kostet zwischen 12.500 und 16.000 Euro. Sein Erfinder, der Österreicher Stefan Gulas, produziert in Berlin-Marzahn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)

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