Der Bauer als Erfinder: Neuseeland lebt ganz ohne Subventionen

Der Inselstaat hat den Wandel vom Wohlfahrtsparadies zum modernen, effizienten Agrarland vollzogen.

Wien. Wenn es um ihre Hobbits geht, werfen die Neuseeländer sogar die heiligsten Prinzipien über Bord. Mit einer Änderung der Arbeitsgesetze und einem Millionen-Steuergeschenk hat sich der Inselstaat im Südpazifik im Jahr 2010 die Produktion zweier weiterer „Hobbit“-Filme gesichert. Obwohl die Regierung ihre Vorgangsweise mit der Rettung tausender Arbeitsplätze in der Film- und Tourismusindustrie verteidigte, gingen die Wogen hoch. Denn staatliche Geldspritzen für die Wirtschaft gibt es in dem Paradeland wirtschaftsliberaler Politik schon lang nicht.

Vor allem nicht in der Landwirtschaft, die mit der Hälfte aller Exporte das Rückgrat des neuseeländischen Wohlstands darstellt. Das ist für europäische Verhältnisse unvorstellbar: Während laut OECD in der EU 36 Prozent der bäuerlichen Einkommen aus staatlichen Hilfen stammen, ist es in Neuseeland ein Prozent.
In Österreich machen Förderungen bis zu 80 Prozent des bäuerlichen Einkommens aus. Aber trotz jährlicher Subventionen von 2,1 Mrd. Euro geht das Bauernsterben weiter. Von 2010 bis 2013 sank die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um drei Prozent auf 167.500 (siehe Grafik). Das hat allerdings auch mit dem Trend zu größeren Betrieben zu tun.

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Noch in den 1970er Jahren war Neuseeland mit vier Millionen Einwohnern und 40 Millionen Schafen ein Wohlfahrtsparadies. Subventionen flossen reichlich, die Bauern hingen zu 40 Prozent am Staatstropf, und der Commonwealth-Partner Großbritannien garantierte die Abnahme von Lammfleisch, Wolle und Butter. Löhne und Preise waren reguliert, Staatsbetriebe sorgten für Vollbeschäftigung.

Das böse Erwachen kam mit dem Beitritt Großbritanniens zur EU, als über Nacht der Hauptabsatzmarkt wegbrach. Die Ölkrise setzte noch eines drauf. Noch mehr Subventionen trieben nur die Staatsschulden ins Unermessliche. Just die Sozialdemokraten, die 1984 an die Macht kamen, verordneten dem bankrotten Land eine Radikalkur. Es wurde dereguliert und privatisiert. Nur bei Dürren, Flutkatastrophen oder wie bei den verheerenden Erdbeben 2010 und 2011 in Christchurch springt der Staat ein.

Die Wende war hart, aber die Farmer lernten schnell. Sie haben die Zahl der Schafe reduziert und  mehr Milchkühe und Fleischrinder sowie Wild auf die Weiden gebracht, die von den Tieren dank des milden Klimas ganzjährig abgegrast werden können. Trotz des Verbots gentechnischer Manipulation wurde dank moderner Zuchtmethoden die Fleisch- und Milchproduktion gesteigert. Und das Gras wurde von Molekularbiologen auf höhere Ergiebigkeit getrimmt. Obst und Gemüse punkten mit dem Bio-Siegel.

Auch aus der abgeschiedenen Lage machten die Kiwis das Beste: Der wachsende Wohlstand in Asien, vor allem in China, steigerte die Exporte von Milchpulver, das unter anderem zu Säuglingsnahrung verarbeitet wird, stark. Molkereiprodukte aus Neuseeland machen ein Drittel des Welthandels mit Milchprodukten aus.

Die extensive Landwirtschaft hat freilich auch ihre Schattenseiten. Die Überdüngung beeinträchtige die Wasserqualität, die Abholzung fördere die Erosion, wird kritisiert. Weshalb die Regierung entsprechende Gesetze verschärft. Letztlich gilt es, den über Jahre errungenen Wohlstand, mit dem Neuseeland in vielen internationalen Rankings punktet, zu erhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2014)

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