Frankreich legt sich mit dem Dollar an

Nachdem Washington der Großbank BNP Paribas eine Milliardenstrafe aufgebrummt hat, attackiert Paris die Vormachtstellung des US-Dollar. Frankreich will das „exorbitante Privileg“ der USA beenden –.

FRANCE PARIS EUROPEAN UNION EIFFEL TOWER
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Paris attackiert die Vormachtstellung des US-Dollar. – EPA

Wien/Paris/Brüssel. Nach China und Russland stellt jetzt auch Frankreich als erste Euro-Nation die globale Vormachtstellung des US-Dollar als Öl- und Reservewährung öffentlich in Frage. Hintergrund ist eine Strafe von neun Mrd. Dollar, die Washington der französischen Großbank BNP Paribas aufgebrummt hat – weil die Bank angeblich anderen Ländern geholfen hat, US-Sanktionen zu umgehen.

Der BNP-Fall würde zeigen, dass eine zunehmende Diversifizierung im internationalen Zahlungsverkehr notwendig sei, sagte der französische Finanzminister Michel Sapin am Wochenende der „Financial Times“. „Sogar wir Europäer handeln untereinander in Dollar. Zum Beispiel, wenn wir Flugzeuge verkaufen. Ist das notwendig? Das glaube ich nicht“, sagte Sapin.

Euro statt Dollar?

Er bekommt Unterstützung von Christophe de Margerie, CEO von Total – Frankreichs größtem Unternehmen und Europas zweitgrößtem Ölproduzenten. „Es gibt keinen Grund, für Öl in Dollar zu bezahlen. Eine Raffinerie kann sich jederzeit entscheiden, Ölzahlungen in Euro abzuwickeln“, so de Margerie. Und weiter: „Freilich wäre ein kompletter Ausschluss des Dollars aus dem Ölhandel unrealistisch. Aber es wäre gut, wenn der Euro mehr genützt würde.“

Damit nicht genug: Auch Christian Noyer, Chef der französischen Notenbank und Mitglied des EZB-Rats, sieht in dem Urteil gegen BNP einen Bumerang, der der US-Währung mehr schaden als nützen könnte – zumindest langfristig. „Eine Bewegung in Richtung Diversifikation der im internationalen Handel genutzten Währungen ist unvermeidbar“, sagte Noyer dem französischen Magazin „Investir“: „Der Handel zwischen Europa und China muss nicht in Dollar abgewickelt werden – das könnte auch in Euro oder Renminbi geschehen.“

Noyer sagte, dass der Weg in Richtung einer „multipolaren Welt“ unvermeidlich sei, da es inzwischen mehrere verschiedene wirtschaftlich starke Blöcke gebe. „China hat schon entschieden, den Renminbi als Handelswährung etablieren zu wollen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es auch im Falle der USA Jahrzehnte gebraucht hat, bis der US-Dollar das Britische Pfund als Weltwährung abgelöst hat.“

Diese Aussagen von höchster französischer Stelle scheinen nur auf den ersten Blick eine beleidigte Reaktion auf die US-Strafe gegen BNP zu sein. Tatsächlich bestätigen sie einen Trend, der schon seit mehreren Jahren an Fahrt aufnimmt: das langsame Ende des „Petrodollars“.

Dass Paris sich jetzt deutlich als Dollar-Gegner positioniert, hat auch eine historische Dimension. Es war Frankreich unter dem damaligen Präsidenten Charles de Gaulle, das 1966 seine Goldreserven von Washington zurückverlangte – und damit das Ende des Währungssystems von Bretton Woods einläutete, das 1944 eingeführt worden war. 1971 suspendierte der US-Präsident Richard Nixon die Bindung des US-Dollars ans Gold. Die Folge war ein Jahrzehnt der starken Inflation und mehrere Ölkrisen, weil die Ölnationen den Preis in die Höhe trieben, um den Wertverfall des Dollars zu kompensieren. Es kam damals aber nicht zu einer Ablösung des Dollar.

Das System von Bretton Woods wurde in den Jahren 1974 und 1975 durch den „Petrodollar“ ersetzt – basierend auf der engen Kooperation zwischen den USA und Saudiarabien. De facto ist der US-Dollar seitdem nicht mehr durch Gold gedeckt, sondern durch seine Bedeutung im Ölhandel. Kurz: Wer Öl will, braucht Dollar. Auch gab es damals keine Alternative zum Dollar, weshalb die Europäer sich schon Ende der 1960er auf die Schaffung einer Einheitswährung geeinigt hatten. Vier Jahrzehnte später wurde der Euro eingeführt.

Heute bestehen die Währungsreserven der Zentralbanken immer noch zu 60 Prozent aus US-Dollar – aber bereits 25 Prozent werden in Euro gehalten. Am Währungsmarkt ist der Dollar noch immer König: Rund 87 Prozent aller Transaktionen werden in Dollar abgewickelt.

Das „exorbitante Privileg“

Die Dollarkrise der 1970er wurde durch eine dramatische Anhebung der Leitzinsen durch den damaligen Fed-Chef Paul Volcker Ende 1979 gelöst. Volcker brach damals eine IWF-Konferenz in Belgrad ab, nachdem er von europäischen Kollegen unter Druck gesetzt wurde, etwas gegen die grassierende Inflation in Folge der Abkopplung des Dollars vom Gold zu unternehmen.

Heute ist die Situation aber anders. Die USA haben einen Schuldenberg von 17,6 Billionen Dollar aufgebaut – bei einem monatlichen Außenhandelsdefizit von mehr als 40 Mrd. Dollar. De facto ermöglicht der Status des US-Dollars den Amerikanern heute, echte Waren zu importieren – im Austausch für grün bedrucktes Papier. De Gaulles Finanzminister Valéry Giscard d'Estaing prägte hierfür den Begriff des „exorbitanten Privilegs“. Nach 40 Jahren will Frankreich dieses Privileg jetzt zu Fall bringen.

AUF EINEN BLICK

Der US-Dollar ist die Weltwährung Nummer eins. Aber seit der Euro-Einführung verliert er an Boden. Jetzt will Frankreich (als Antwort auf eine Milliardenstrafe für die Großbank BNP) die EU-Partner dazu drängen, den Dollar im Handel durch den Euro zu ersetzen. Auch China und Russland wenden sich zunehmend vom Dollar ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2014)

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