Die Ideologie der Betrüger

Die Lüge des Kommunismus färbte auf die Menschen ab. Noch heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, betrügen Ostdeutsche doppelt so oft wie Westdeutsche, sagen Ökonomen.

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Bau der Berliner Mauer – EPA

Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich nicht geändert: „Im Kapitalismus beuten Menschen andere Menschen aus!“ So wie der Vater seinem Kind im kommunistischen Osteuropa das Wirtschaftssystem jenseits der Mauer erklärt hat, so hört man es auch heute noch – nur eben von allen Seiten. Doch die Pointe haben die nostalgischen Schwärmer für eine Neuauflage des sozialistischen Experiments offenbar vergessen: Das Kind fragt nämlich auch nach dem eigenen Wirtschaftsmodell, dem Kommunismus. Und es hat einen ehrlichen Vater, der sagt: „Im Kommunismus? Da ist es umgekehrt.“

Eine aktuelle Studie des US-Verhaltensökonomen Dan Ariely belegt, dass der legendäre Witz aus der Sowjetzeit auch heute noch mehr als nur einen Funken Wahrheit in sich trägt.

Nicht die bösen Märkte trieben den Menschen das letzte bisschen Moral aus dem Leib, wie man oft hört. Es ist der Kommunismus, der sein Volk zu Lügnern und Betrügern mache, ergab die Studie. Und die Wirkungen halten auch 25 Jahre nach dem Ende des verheerenden sozialistischen Experiments in Osteuropa noch an.


Ossis betrügen öfter. Das ist das Ergebnis eines Spiels, zu dem der Ökonom Ariely im Vorjahr 259 zufällig ausgewählte Berliner einlud, die gerade ihren Reisepass abholen wollten. 97 von ihnen kamen aus Familien, die in der ehemaligen DDR gelebt hatten, 134 von ihnen wurden in Westdeutschland sozialisiert. Der Rest kam aus anderen Ländern. Sie alle erhielten eine einfache Aufgabe: 40 Mal sollten sie einen Würfel werfen und die Augenzahl notieren. Je höher die Würfe, desto mehr Geld winkte den Teilnehmern. Bis zu sechs Euro konnten verdient werden.

Um die Ehrlichkeit der Teilnehmer testen zu können, haben die Ökonomen eine Chance zum Schummeln eingebaut: Jeder musste vor dem Wurf für sich entscheiden, ob die Augenzahl, die oben liegt, oder jene am Boden gelten solle. Wer etwa einen Einser gewürfelt hatte, konnte leicht schummeln und den Sechser werten – ohne Gefahr, erwischt zu werden. Für die Forscher war es in dieser klassischen Versuchsanordnung ein Leichtes herauszufinden, wie groß die Neigung des Einzelnen zum Betrug war. Rein statistisch mussten alle sechs Seiten etwa gleich oft geworfen werden.

Das Resultat des Experiments war eindeutig: So richtig ehrlich war kaum ein Teilnehmer. Westdeutsche notierten zu 55 Prozent hohe Augenzahlen. Auch sie hatten in der Sicherheit, keine Konsequenzen fürchten zu müssen, ein wenig geschummelt. Teilnehmer mit Familien aus der früheren DDR haben sich hingegen 60 Prozent hohe Würfe zugerechnet. Sie haben also doppelt so oft geschummelt wie die Westler.


Lügen lebensnotwendig.
„Das politische Regime des Sozialismus hat einen lange anhaltenden Einfluss auf die Moral der Bürger“, interpretiert Studienautor Dan Ariely seine Ergebnisse. Entscheidend sei, wie lange die einzelnen Menschen in diesem politischen System leben mussten. Je mehr Jahre ein Studienteilnehmer im Kommunismus verbracht hatte, desto eher war er dazu geneigt, zu seinem Vorteil zu betrügen. Nicht erforscht wurde jedoch, welchen Anteil die Ideologie und das repressive System an diesem Ergebnis hätten, und welchen Anteil der Mangel und die Armut, in der die Menschen in der Planwirtschaft leben mussten, sagt Ariely.

In Ostdeutschland, wo die Stasi jeden dritten Bürger des eigenen Landes bespitzelt hat, waren kleine Gaunereien oder das Stehlen von Betriebsmitteln am Arbeitsplatz oft der einzige Weg für Durchschnittsbürger, ein annehmbares Leben zu führen. Lügen und Stehlen waren in diesem System für manche überlebensnotwendige Fähigkeiten. An schlechten Vorbildern fehlte es ihnen nicht. Denn die größte Lüge lieferte der Staat selbst: das Versprechen des Kommunismus, alle Menschen gleich und glücklich zu machen. Wie wenig sie davon halten durften, wussten die Menschen spätestens, wenn sie das Leben ihrer Parteibonzen betrachteten. Diese wussten, alle Regeln zu ihrem eigenen Vorteil zu dehnen, und schwelgten im Komfort des Westens, während sie dem Volk einfachste Importwaren verwehrten. Auch die Staaten konnten dringend notwendige Ersatzteile aus dem Westen und begehrte Devisen oft nur auf krummen Wegen in den Osten bringen. Betrügen im Auftrag der Ideologie.

Die Knappheit selbst dürfte nur geringen Einfluss auf die Unehrlichkeit haben, glaubt Ariely. Ein Großteil der Teilnehmer gab nämlich an, selbst nie Mangel gelitten zu haben. Doch das, was die Eltern erlebt haben, wirkt offenbar noch Generationen später nach.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Verhaltensweisen, die der real existierende Sozialismus seinem Volk aufgezwungen hat, noch messbar. Und das, obwohl sich 84 Prozent der Teilnehmer heute nicht mehr als Ossis oder Wessis sehen, sondern als Deutsche.
Märkte töten Mäuse. Kritiker der Studie werden wohl die Arbeit der deutschen Ökonomen Armin Falk und Nora Szech auspacken. Sie wollten im Vorjahr beweisen, dass die Marktwirtschaft die Moral der Menschen nachhaltig schädige. Dafür boten sie den Teilnehmern in ihrem Experiment zehn Euro, wenn diese eine Labormaus töteten. 46 Prozent lehnten das unmoralische Angebot ab. Kaum gab es aber die Möglichkeit, die Maus über eine Börse an Andere zu verkaufen, die das Töten übernahmen, warfen 76 Prozent der Menschen ihre moralischen Grundsätze über Bord und gingen auf das Geschäft ein.

Komplett freie Märkte mögen die Profitgier der Menschen also anheizen und sie mancher Hemmungen berauben. Die Erfahrungen im Kommunismus, die Repression und die Knappheit im Sozialismus des 20. Jahrhunderts machten sie hingegen zu größeren Betrügern. „Schlechte“ Menschen werden sie deswegen aber alle nicht, zeigte die Studie von Ariely. Sowohl Ostdeutsche als auch Westdeutsche spendeten rund 70 Prozent ihrer teils ergaunerten Gewinne an ein Spital.

Das Experiment

40

Mal sollten Deutsche mit Familienhintergrund aus der DDR bzw. der BRD würfeln und selbstständig ihre Augenzahl notieren. Je höher die Würfe, desto mehr Geld gab es am Ende.

5

Prozent der Würfe von Westdeutschen fielen deutlich höher aus, als statistisch zu erwarten wäre – sie hatten also die Chance genützt und betrogen.

10

Prozent der Würfe von Ostdeutschen waren „überhöht“. Sie betrogen also doppelt so oft wie ihre Landsleute aus dem Westen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2014)

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