Unternehmenskultur: Vorhang auf für die große Wirtschaftsshow

Leicht verdauliche Kost statt Modellrechnungen: Unternehmen entdecken Volkswirte als Vermarkter und Impresarios – eine logische Konsequenz der rezessionsbedingten Existenzkrise der „harten“ Ökonomie.

Satya Nadella
Satya Nadella
Satya Nadella – (c) REUTERS (ROBERT GALBRAITH)

Gemeinhin gilt Microsoft nicht mehr als die Speerspitze der gesellschaftspolitischen Avantgarde. Die Zeiten, in denen Firmengründer Bill Gates zum Heilsbringer des Computerzeitalters hochstilisiert wurde, liegen Jahrzehnte zurück – dieser Nimbus umgibt heute die Algorithmen der Suchmaschinen und sozialen Netzwerke, während die Software-Schmiede von der US-Westküste ungefähr so aufregend erscheint wie die vorletzte Herbstkollektion von Kleider Bauer. Doch unter dem neuen Chief Executive Officer Satya Nadella versucht das Unternehmen, an den Glanz der alten Tage anzuschließen – und zu Microsofts Lichtgestalten in spe zählt seit wenigen Wochen auch Preston McAfee, der erste Chefökonom in der Geschichte des Konzerns. McAfee, der zuvor bei Google seinen Lebensunterhalt verdient hat, soll für Microsoft zwischen der Innenwelt der Software und der Außenwelt der Politik vermitteln und bei der Entwicklung langfristiger Strategien mithelfen, hat das Unternehmen Anfang Juni mitgeteilt.

Microsoft ist ein prominentes, aber beileibe nicht das einzige Beispiel: Immer mehr US-Unternehmen weiten die volkswirtschaftliche Kampfzone aus und deuten die Rolle des Chefökonomen um. Er soll nicht mehr im Hinterzimmer an Modellrechnungen feilen, sondern als Impresario auf der unternehmerischen Showbühne für Zerstreuung zwischen den Präsentationen neuer Produkte sorgen und das Publikum mit leicht verdaulichen Informationshappen füttern. Oder wie die „Washington Post“ vor wenigen Tagen enthusiasmiert berichtet hat: „In einer auf Daten basierenden Welt ist der Chefökonom das neue Marketing-Must-have.“

Neue Bannerträger des Arbeitgebers

Dass dieses Phänomen ausgerechnet im Silicon Valley seinen Ursprung nahm – es waren Firmen wie Google und Facebook, die sich als Erste mit PR-kompatiblen Volkswirten geschmückt haben –, liegt auf der Hand: Dort nämlich ist der Kult des messianischen Firmengründers in Jeans und Rollkragenpullover, der seinen Jüngern den digitalen Segen erteilt, am tiefsten verwurzelt. Nachdem die emotionale Aufladung der Produktneuheiten mittlerweile zum unternehmerischen Standardrepertoire gehört, war es längst überfällig, dieses Treatment auch jenen Mitarbeitern zu verpassen, deren Tagewerk sich am leichtesten visualisieren – und vermarkten – lässt. Der Volkswirt hat somit nicht nur einen unmittelbaren Wert für seinen Arbeitgeber, sondern fungiert auch als dessen Bannerträger.

Die Revolution frisst ihre Kinder, könnte ein zynisch veranlagter Zeitgenosse an dieser Stelle anmerken. Die Ökonomen fallen der Ökonomie der Aufmerksamkeit zum Opfer und müssen fortan ihre Haut zu Markte tragen. In der Tat ist es nicht schwer, diese Entwicklung als die Simulation von Kompetenz zu karikieren: Der Chefvolkswirt tut so, als ob er eine neue Erkenntnis kundtun, und sein Publikum tut so, als ob es diese Erkenntnis verstehen würde.

Doch zugleich ist der Trend zur PR-tauglichen Ökonomie die logische Konsequenz der tiefen Existenzkrise, die im Lauf der vergangenen Jahre über die „harte“, mathematische Volkswirtschaftslehre hereingebrochen ist. Ihr Heilsversprechen war es bekanntlich, das materielle Risiko mittels komplexer Formeln zu zähmen – was im Zuge der großen Finanzkrise 2008 als Illusion entlarvt wurde. Der erste Warnschuss fiel allerdings bereits im Jahr 1999, als der milliardenschwere Investmentfonds LTCM der Wirtschaftsnobelpreisträger Myron Scholes und Robert Merton vor der Pleite gerettet werden musste (siehe unten). Schon damals stellte es sich heraus, dass die ökonomische Wirklichkeit eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten ist.

Die Wirtschaft als große Erzählung

Die Große Rezession der vergangenen Jahre stellte sich diesbezüglich als heilsamer Schock heraus: Sie führte allen Beteiligten vor Augen, dass Ökonomie nicht ausschließlich als Gleichung, sondern auch als Narrativ verstanden werden muss. Mit dieser Erkenntnis rückten die großen Erzähler unter den Volkswirten wieder in den Vordergrund – Männer wie Hyman Minsky und Mancur Olson, die von den mit Nobelpreisen ausgezeichneten Kalkulatoren in den Hintergrund gedrängt worden waren. Von Minsky stammt die Warnung, dass man Spekulationsblasen möglichst frühzeitig platzen lassen muss, damit es nicht zu Finanzkrisen komme, weil der Anleger in seiner kurzsichtigen Gier keine Grenzen kennt und zur Massenpanik neigt. Olson wiederum deutete die Zyklen des Wachstums zu einer Parabel um, in der die – an sich legitimen – Bestrebungen einer Interessengruppe das gesamte gesellschaftliche System zum Kollaps bringen können.

Damit wären wir wieder beim neuesten unternehmerischen Modetrend anbelangt. Wie McAfee und seine Kollegen vom Fach ihre neue Rolle ausfüllen werden, muss sich noch weisen. Sie können entweder als profitorientierte Pausenclowns enden – oder als hoch geachtete Troubadoure, die am Hofe der Fürsten des Cyberspace auch für Erkenntnisgewinne sorgen.

Gescheiterte Formel

Long Term Capital Management lautete der Name eines Investmentfonds, der von den Ökonomen Myron Scholes und Robert Merton mitbegründet wurde – die beiden Nobelpreisträger waren die Autoren einer Formel, mit der sich die Preisentwicklung von Optionen angeblich präzise prognostizieren ließ. 1998 kam die Währungskrise in Russland – und LTCM musste abgewickelt werden. Schon davon hätte man lernen können, dass die ökonomische Wirklichkeit eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2014)

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