Schochin: „Der Westen füttert die Falken“

Er ist das Sprachrohr der russischen Tycoons – auch im Kampf gegen Re-Verstaatlichungen. Warum es in Russlands Wirtschaft sonst noch an allen Enden kracht, erzählt der Chef des Unternehmerverbandes.

MOSCOW RUSSIA OCTOBER 2 2014 Alexander Shokhin president of the Russian Union of Industrialists
MOSCOW RUSSIA OCTOBER 2 2014 Alexander Shokhin president of the Russian Union of Industrialists
Alexandr Schochin – (c) imago/ITAR-TASS (imago stock&people)

Die Presse: Etwas viel auf einmal: Russlands Wirtschaft stagniert, der Ölpreis ist gesunken, dazu westliche Sanktionen und der Schock über den Hausarrest für den Milliardär Jewtuschenkow. Kein Umfeld, in dem man Unternehmer sein möchte, oder?

Alexandr Schochin: Unternehmertum inkludiert Risken. Natürlich ist die Lage nicht besonders günstig. Selbst ohne Sanktionen würde die Nachfrage nach russischen Exportwaren nicht so wie vor der Krise sein.

Auffällig, wie Putins Worte und Taten divergieren. Da bemüht er das Investitionsklima, und dann wird Jewtuschenkow attackiert, weil man ihm den Ölkonzern Bashneft wegnehmen will. Wie passt das zusammen?

Eine Renationalisierung von Bashneft wäre selbst dann kein gutes Signal, wenn der Besitzer entschädigt würde. Bei Putins Wahlkampf vor zwei Jahren schien uns, man habe einen Konsens gefunden, Privatisierungen nicht mehr anzurühren. Dazu kommt der vor zehn Jahren geschlossene Gesellschaftsvertrag, der festlegt, dass sich Unternehmer nicht in Politik einmischen und die Politik dafür keine Privatisierungen neu aufrollt. Nun sind diese Abkommen infrage gestellt.

Den größten Schaden droht sich Russland also selbst zuzufügen?

In der Frage, ob man investieren soll, wird die Causa Jewtuschenkow nicht allein entscheidend sein. Aber in der Gesamtheit der Probleme ein möglicher Trigger. Alle befinden sich in Warteposition.

Angeblich will sich der größte und staatliche Ölkonzern Rosneft, der unter Sanktionen steht, Bashneft einverleiben.

Rosneft leidet unter den Sanktionen insofern, als as Unternehmen die Bohrungen in der Arktis einstellen muss. Dieses Problem können sie mit der Übernahme eines Konkurrenten aber nicht lösen. Entscheidend ist, dass wir das Förderniveau halten und verhindern, dass Amerika oder andere Anbieter die russische Nische auf Europas Gas- und Ölmarkt einnehmen.

Haben Sie zuletzt viele Anrufe von frustrierten Unternehmern bekommen?

Wir stehen in Kontakt und leben weiter. Man muss ein wenig Geduld haben. Natürlich beunruhigt uns die Situation. Und wir wollen nicht, dass der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag zerstört wird.

Es kracht ja an allen Ecken und Enden. Ein neues Gesetz schreibt vor, dass ausländische Unternehmen nur noch 20 Prozent an russischen Medien halten dürfen. Ein alarmierendes Signal?

Es gibt ein russisches Sprichwort: Wecke das Böse nicht, solange es sich ruhig verhält! Wer aber hat das Böse geweckt? Europa und die USA. Einen Tag nach der Minsker Vereinbarung wurden neue Sanktionen verhängt. Auf sie folgt dann eben die Reaktion Russlands. Denn unter unseren heterogenen Politikern sind auch Falken. Und der Westen füttert sie. Es ist beiderseits ein Kampf der Falken.

Wollen Sie sagen, Sanktionen waren von Anfang an unnötig?

Führt meinetwegen Sanktionen gegen konkrete Politiker ein! Und wenn der Verdacht besteht, dass Russland Konfliktparteien aufrüstet, dann ein Embargo auf Lieferungen! Aber was hat denn bitte das Finanz- und Bankensystem damit zu tun? Auf unsere fünf (teils sanktionierten) Staatsbanken kommt mehr als die Hälfte der Bilanzsumme des Bankensystems. Wenn Obama sagt, die Sanktionen müssen der russischen Wirtschaft schaden, dann ruft das Hass hervor. Wir lieben Obama nicht, und auch Merkel nicht mehr.

Sie meinen die Bürger?

Ja. Ich habe mit Merkel oft bei den Treffen mit Putin gesprochen. Sie war eine Freundin. Und jetzt sind die westlichen Staatschefs den Russen verdächtig. Viele fragen sich, weshalb Merkel die Vorhut von Obama bildet. Von den Sanktionen profitieren ja am meisten die USA. Mit Russland handeln sie wenig, und dann können sie auch noch auf den europäischen Markt gehen. Europa aber verliert.

Sind Sie nicht der Ansicht, Sanktionen können das Bewusstsein der Masse – die Unterstützung von Putins Kurs – verändern?

Das Bewusstsein wird verändert, aber so, dass der Antiamerikanismus wächst.

Gibt es Möglichkeiten, die Sanktionen zu kompensieren?

Einige, aber das Budget wird knapper. Die Mittel reichen, wenn die Sanktionen Mitte 2015 aufgehoben werden. Um auf Finanzierungen aus China umzustellen, braucht es mehrere Jahre.

Werden aus Finanzmangel bereits Projekte eingefroren?

Viele Unternehmen kürzen die Investitionsausgaben. 0,5 Prozent BIP-Wachstum für 2015 kann man wegen der Sanktionen abschreiben. Und das ist die Hälfte des prognostizierten Wachstums.

Wenn die Sanktionen aufgehoben werden: Ist das Vertrauen in den Westen wiederherstellbar?

Schnell werden die Sanktionen nicht aufgehoben werden, denn Russland gibt die Krim in den nächsten 100 Jahren nicht her. Und in der Ostukraine wird die Situation wohl wie in Abchasien bis zur nächsten Generation eingefroren werden. Die Nato-Länder werden daher ein Sanktionenpaket bestehen lassen, um das Gesicht zu wahren. Und auch, wenn öffentliche Sanktionen fehlen, wird ein verborgener Druck auf Russland anhalten. Der Wunsch, die Energieabhängigkeit von Russland zu verringern, wird nun mit doppeltem Eifer umgesetzt werden.

ZUR PERSON

Alexandr Schochin (62) ist seit 2005 Chef des russischen Unternehmerverbandes. Auch sitzt er in mehreren Aufsichtsräten russischer Konzerne. Zuvor war der studierte Ökonom Aufsichtsratschef der Investmentbank Renaissance Capital. In den 1990er-Jahren fungierte er als Vizepremier, Arbeits- und Wirtschaftsminister sowie Präsident der Moskauer Wirtschaftsuniversität Higher School of Economics.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2014)

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