USA: Aufschwung für die Chefetage

US-Konzerne schlagen Europas Firmen bei Umsatz und Gewinn klar. Die US-Bürger haben wenig davon. Statt Löhne und Investitionen zu steigern, kaufen die US-Riesen sich selbst zurück.

(c) Bloomberg (Victor J. Blue)

Wien. Die Russland-Sanktionen treffen Europas Unternehmen offenbar härter als die Konkurrenz aus Übersee. Während der Umsatz der 300 größten Unternehmen Europas im ersten Halbjahr auf 3454 Milliarden Euro geschrumpft ist, hoben die US-Konzerne mit einem Plus von 5,4 Prozent auf 4957 Milliarden US-Dollar (3938 Mrd. Euro) Umsatz ab, rechnet die Wirtschaftsberatung Ernst & Young vor. Ähnlich entwickelte sich der Gewinn: Die US-Unternehmen machten bis Ende Juni 600 Mrd. Dollar Gewinn (plus fünf Prozent), die Europäer brachten es auf 324 Mrd. Euro (plus zwei Prozent). Das kommerzielle Match Europa gegen USA scheint also vorerst entschieden zu sein.

 

Alte Industrie vs. New Economy

Der Konflikt mit Russland ist aber ein kleiner Baustein. Europa vs. USA ist auch ein Kampf „alte Industrie“ gegen „New Economy“. Während in Europa vorwiegend Energiefirmen und klassische Industriebetriebe den Takt angeben (die Finanzbranche ist ausgenommen), liegen in den USA längst IT-Größen wie Google oder Apple an der Spitze. Für sie hat es – wie für die meisten amerikanischen Konzerne an der Börse – auch in fünf Jahren Krise nur Gewinne gegeben.

Einziger Wermutstropfen: Die Amerikaner selbst haben herzlich wenig davon. Die Unternehmen nutzen ihre rekordverdächtig hohen Gewinne nämlich nicht dafür, die Löhne ihrer Angestellten aufzubessern oder Investitionen in die Zukunft der Unternehmen zu tätigen. Sie kaufen sich lieber selbst zurück. Wie die Datenanalysten von Bloomberg errechnet haben, werden S&P-500-Unternehmen heuer 914 Mrd. US-Dollar ausgeben, um eigene Aktien aufzukaufen oder Dividenden auszuschütten. Das entspricht immerhin 95 Prozent der Gewinne, die diese Unternehmen heuer erwirtschaften werden. Schon im ersten Quartal gaben die US-Konzerne mehr Geld für eigene Aktien und Aktionäre aus, als sie verdient haben, im dritten Quartal könnte es wieder so weit sein.

Die US-Firmen erleben einen Aufschwung, der nur sehr wenigen nützt. Zwischen 2003 und 2012 haben die 449 Firmen im S&P-500-Index mehr als die Hälfte ihrer Gewinne verwendet, um eigene Aktien zurückzukaufen, weitere 37 Prozent gingen für Dividenden drauf. Für Investitionen blieb damit so wenig, dass selbst die mutmaßlichen Nutznießer, die Aktionäre, aufbegehren. „Es sorgt uns, dass viele Unternehmen zurückschrecken, in ihr künftiges Wachstum zu investierten“, sagte Laurence Fink, Chef von BlackRock, dem weltgrößten Asset-Manager, im März. „Zu viele Unternehmen haben sogar Schulden aufgenommen, um Dividenden und Rückkäufe zu steigern.“

 

Rückkäufe treiben Aktienkurse

Mit den Aktienrückkäufen trieben die Unternehmenschefs zuletzt eine der größten Boomphasen an den US-Börsen an. Gründe für Aktienrückkäufe gibt es viele, der wohl wichtigste ist jedoch ziemlich banal: Auch Konzernchefs arbeiten in erster Linie für sich selbst. Und sie profitieren am stärksten, wenn der Aktienkurs des Unternehmens steigt.

Im Jahr 2012 haben die 500 bestbezahlten US-Manager im Schnitt 30,3 Millionen Dollar Gage erhalten, schreibt „Business Review“. 42 Prozent davon erhielten sie in Form von Aktienoptionen, weitere 41 Prozent waren Prämien, die direkt mit den Aktienkursen zusammenhängen. Wenn Konzerne ihre eigenen Aktien kaufen, steigern sie damit automatisch den Preis (zumindest kurzfristig) und erreichen Quartalsziele, für die ihre Chefetage fürstlich entlohnt wird. Seit Anfang der Neunzigerjahre haben sich die Bezüge der US-Manager auch inflationsbereinigt mehr als verdoppelt. Die US-Wirtschaft kam derweil kräftig ins Straucheln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2014)

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