Das „German Wunder“ ist vorbei

Die Lokomotive des Euroraums zieht nicht mehr: Alle Indikatoren brechen ein, die führenden Institute korrigieren ihre Prognose nach unten. Die Ursachen sind auch hausgemacht.

File photo of cars and containers at a shipping terminal in the harbour of the German northern town of Bremerhaven
File photo of cars and containers at a shipping terminal in the harbour of the German northern town of Bremerhaven
Die deutsche Konjunktur bricht ab – REUTERS

Wien. Auch Ökonomen und Politiker wissen, dass Wunder nicht ewig währen. Aber dass die deutsche Sonderkonjunktur so abrupt abbrechen würde, damit hatten sie nicht gerechnet. Über vier Jahre lang staunte alle Welt darüber, wie immun sich Europas größte Volkswirtschaft gegen das Kränkeln seiner großen Europartner zeigte. Seit dieser schwarzen Woche der Prognosen aber steht fest: Das „German Wunder“ ist zu Ende. Das heißt auch: Die Lokomotive für die schwache Eurozone und Österreichs Wirtschaft zieht nicht mehr so, wie man es von ihr gewohnt ist.

Den Auftakt zum Absturz setzte das wichtigste Stimmungsbarometer: Der IFO-Geschäftsklimaindex ging in der Vorwoche das fünfte Mal in Folge zurück. Am Montag schlug die Industrie Alarm: Ihr brechen die Aufträge weg, im August um 5,7 Prozent. Am Dienstag folgten die Produktionszahlen: minus vier Prozent zum Vormonat, der stärkste Rückgang seit Jänner 2009. Am Donnerstag steuerte der erfolgsverwöhnte Exportsektor seine Hiobsbotschaft bei: minus 5,8 Prozent. Schließlich präsentierten die führenden Forschungsinstitute ihr Herbstgutachten – und mussten ihre frohgemuten Prognosen aus dem Frühling kräftig nach unten revidieren: Statt um 1,9 Prozent wie erwartet wird die deutsche Wirtschaft heuer nur um 1,3 Prozent wachsen. Der Rückgang im Frühling war also keine „Delle“, die sich rasch ausgleichen lässt. Im dritten Quartal stagnierten die Aktivitäten. Was nun bevorsteht, ist wohl keine Rezession, kein abrupter Absturz wie in den Indizes, aber eine längere, schmerzliche Schwächephase. Auch für das kommende Jahr sehen sie statt zwei Prozent Wachstums nur noch 1,2 Prozent voraus.

Dem Schrecken folgt das bange Fragen: warum? Die Analyse fällt nicht leicht, weil viele Ursachen zusammenkommen. Da sind die Krisenherde Syrien, Irak, Ukraine. Besonders betroffen sind die Exporteure vom drohenden Handelskrieg mit Russland: Die Ausfuhren dorthin gehen heuer um ein Fünftel oder sechs Mrd. Euro zurück. Schwerer noch als die Sanktionen wiegt die Verunsicherung. Auch aus der Eurozone, in die 40 Prozent aller deutschen Ausfuhren gehen, kommen schlechte Nachrichten: Italien rutscht in eine Rezession, Frankreichs Wirtschaft stagniert. Sogar die Schwellenländer China und Brasilien, bisher dankbare Abnehmer von immer mehr Maschinen und Autos aus Deutschland, verlieren deutlich an Schwung.

 

Wohltaten statt Reformen

Aus alldem ziehen die deutschen Unternehmen vor allem eine Konsequenz: Sie kaufen selbst weniger Maschinen und bauen keine neuen Hallen. Weil der Rückstau aber groß ist, hatten die Ökonomen fest mit kräftig anziehenden Investitionen gerechnet. Wenn sie ausbleiben, drückt das auf die Produktivität: Die Fabriken sind nicht auf dem neuesten Stand, deutsche Anbieter weniger wettbewerbsfähig. Dass der Standort an Attraktivität verliert, liege aber vor allem an der Politik – davon sind die Gutachter überzeugt. Was die Große Koalition an „Reformen“ umsetzt, sind soziale Wohltaten, die der Wirtschaft das Leben schwer machen. Die Union leistet sich die Mütterrente, die SPD die „Rente mit 63“. Der flächendeckende Mindestlohn dürfte 2015, erstmals seit Langem, wieder zu mehr Arbeitslosen führen, vor allem im Osten. Noch in Ordnung sind die öffentlichen Finanzen. Die Ökonomen raten, Überschüsse zur Belebung einzusetzen: Eine Wiedereinführung der degressiven Abschreibung könnte Unternehmen zu mehr Investitionen verlocken, ein Abbau der Kalten Progression die Bürger zu mehr Konsum.

Kanzlerin Merkels Regierung möchte zumindest den Eindruck erwecken, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hat. Im ersten Koalitionsausschuss seit Beginn der Legislaturperiode ging es diese Woche um ein Thema, das schon lange nicht mehr auf der Tagesordnung stand: einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs für mehr Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit. Nun hoffen die Unternehmen, dass den Worten Taten folgen.

AUF EINEN BLICK

Deutschland. Die führenden deutschen Forschungsinstitute revidieren ihre Prognosen nach unten: Statt um 1,9Prozent, wie im Frühling erwartet, wird die Wirtschaft heuer nur um 1,3Prozent wachsen, im kommenden Jahr um 1,2 statt zwei Prozent. Schuld sind die Ukraine-Krise und die Schwäche der Eurozone, aber auch eine wenig wirtschaftsfreundliche Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2014)

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